laut.de-Kritik

Auch in Corona-Zeiten bleibt der Protestsänger regierungskritisch.

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Im April 2020 veröffentlichte der Brite einen Song mit dem Titel "Can't Be Here Today". "Ich weiß nicht, wann ich die Chance haben werde, dich zu umarmen, also möchte ich sagen / 'Ich vermisse dich, aber ich kann heute nicht da sein / Ich liebe dich und deshalb werde ich wegbleiben'". In Deutschland hätten sich vermutlich die Querdenker auf ihn gestürzt und ihm vorgeworfen, sich dem System zu beugen. Im Heimatland war er dagegen der Protestler, zumindest in Bezug auf Boris Johnson und seine Regierung, die sich lange sträubten, Anti-Corona-Maßnahmen zu ergreifen (Stichwort: Herdenimmunität).

Er habe schon lange ein Album für 2021 geplant, schreibt Billy Bragg auf seiner Webseite. Statt die neuen Stücke bei Auftritten feinzuschleifen, saß er wie alle anderen zuhause und blies Trübsal. Es sei eine schwierige Zeit für ihn gewesen. Schließlich buchte er Sessions in einem Studio, doch die Termine wurden lockdownbedingt mehrmals verschoben. Die Produzenten Romeo Stodart und Dave Izumi nahmen sich in dieser Zeit Braggs Demos an und werkelten an ihnen rum. "Als wir uns im April dieses Jahres endlich wieder treffen konnten, präsentierten sie mir eine andere Art, Songs zu machen. Nachdem mir die Lockdowns den Schwung genommen hatten, fand ich das sehr reizvoll".

Noch vor den Texten ist es die Musik, die bei Bragg diesmal anders klingt. Der minimalistische Sound, den er auf seinen letzten zwei Platten mit Joe Henry entwickelt hatte und der auch noch auf "Can't Be Here Today" zu hören war, ist nun poliertem Indie-Pop-Rock gewichen.

Gewöhnungsbedürftig. Angesichts der schwermütigen Texte vermutlich aber gar nicht so falsch. "I should have seen it coming, but I just couldn't see / How such a thing could happen to someone like me", singt er im Opener, begleitet von Mellotron-Klängen. Meint er damit den Brexit, gegen den er sich vehement ausgesprochen hat? Die Grabenkämpfe und der Untergang des Partei, die er seit eher unterstützt, Labour? Die Krebserkrankung seiner Partnerin? Corona?

Vermutlich spielt alles eine Rolle. Das Album "handelt nicht von der Pandemie an sich. Die Höhen und Tiefen dessen, was wir durchgemacht haben, bilden aber die Basis, so wie sie es für uns alle in den letzten zwei Jahren war", so Bragg. Plötzlich habe er festgestellt, dass er die Welt, wie sie ist, nicht mehr so recht versteht. Wie auch seine Rolle darin.

Die sieht er durchaus selbstkritisch. Es gebe einen Unterschied zwischen dem "Mann, der ich bin und der Mann, der ich gerne wäre", singt er in "Mid-Century Modern". "Als moderner Mann aus der Mitte des Jahrhunderts bin ich mir bewusst, dass meine Vorstellungen von persönlichen Beziehungen vor fast fünfzig Jahren entstanden sind, ebenso wie meine politische Einstellung. Wenn man sich daran klammert und meint, man könne von den jüngeren Generationen nichts mehr lernen, läuft man Gefahr, ein Dinosaurier zu werden. Die Kinder haben neue Prioritäten und neue Ideen. Thatcher ist tot. Die Welt hat sich weiterentwickelt. Ich versuche, auf die Dinge zu reagieren, die ich jetzt höre, anstatt die Leute an die 'guten alten Zeiten' zu erinnern", so Bragg.

Schön für ihn, dass die Jugend doch noch etwas von ihm will. Zumindest sein Sohn Jack, mit dem er das abschließende, fröhlich klingende Stück geschrieben und eingespielt hat. Die "rätselhaften Fotos" aus dem Titel ("Ten Mysterious Photos That Can't Be Explained") stehen für Tücken des Internet. "Das World Wide Web ist eine wunderbare Sache / Man ist nur einen Klick von allen Fakten entfernt / Aber es gibt auch eine Kehrseite, wenn man neugierig ist / Es ist wie Heroin für Autodidakten", singt er in einem Vers. Eine interessante Beschreibung, die er im weiteren Verlauf vertieft. "Die Verschwörungstheoretiker, die Cybercondriacs / Gefangen in ihrer fieberhaften Fantasie / Sie haben die Filter ausgeschaltet, zu viel ist nicht genug / Wusstest du, dass man eine Überdosis an Informationen bekommen kann?", fragt er.

"Ich mag es, wenn meine Alben mit einem Kracher enden", so Bragg. Sein Gemütszustand beim Schreiben und Aufnehmen dieser Platte zeigt sich aber an den langsamen Stücken. "Ich treibe mit der Flut / Aber in mir tobt ein Sturm / Was soll ich nur tun? / Draußen auf diesem einsamen Ozean / Auf der Suche nach dem, was wahr ist" singt er etwa in der Klavierballade "Lonesome Ocean". "Good Days & Bad Days", das stellenweise an Bob Dylans "One Too Many Mornings" erinnert, ist noch expliziter: "Ich kann dieses große Gewicht nicht abschütteln, das ich spüre. Aufstehen und sich anziehen, sollte keine große Sache sein. Doch jetzt weiß ich nicht, wo die Dinge enden oder beginnen, den Tag der Woche oder den Zustand, in dem ich mich befinde".

Seit Oktober ist Bragg auf Tour in Großbritannien und Irland. Im neuen Jahr stehen erst Australien und Neuseeland, im Frühsommer 2022 dann auch Deutschland an. "Ich hoffe, dass wir bis dahin wieder zusammenkommen und den Auftrieb genießen können, den Live-Musik sowohl dem Publikum als auch den Künstlern bringt", so Bragg. Eine Hoffnung und eine Vorfreude, die man nur teilen kann.

Trackliste

  1. 1. Should Have Seen It Coming
  2. 2. Mid-Century Modern
  3. 3. Lonesome Ocean
  4. 4. Good Days And Bad Days
  5. 5. Freedom Doesn't Come For Free
  6. 6. Reflections On The Mirth Of Creativity
  7. 7. The Million Things That Never Happened
  8. 8. The Buck Doesn't Stop Here No More
  9. 9. I Believe In You
  10. 10. Pass It On
  11. 11. I Will Be Your Shield
  12. 12. Ten Mysterious Photos That Can't Be Explained

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