laut.de-Kritik

Der Hype der Stunde.

Review von

Diese Tage lässt sich viel darüber lesen, was man von Billie Eilish über diese heranwachsende Generation lernen kann. Ein nachvollziehbarer Umgang, denn die Wucht, mit der die 17-jährige L.A.-Durchstarterin die U18-Crowd mit bizarren musikalischen Konzepten anzieht, wirft hier und da Bedenken auf, wie robust es um die Seelenhygiene dieser Kids von heute so steht.

Freunde werden begraben, der Liebe wird abgeschworen, harte Drogen gehören zur Partykulisse wie Lavalampen oder nerviger Small-Talk und hinter jeder Ecke kokettiert man in einem schwarzhumorigen Flirt mit dem Suizid. "Told you not to worry/ But maybe that's a lie" heißt es dann auf "Ilomilo". Und Grund zur Besorgnis gibt es in der Tat zu Genüge. "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" ist ein Album über unausweichlich scheinende Einsamkeiten und Melancholie, die alles verschlungen hat, bis nur noch der schwarze Humor irgendetwas zu artikulieren vermag.

Es ist schwer, den Zugang zu diesem Album zu vermitteln, wenn man nicht ein gewisses Gefühl für die Leiden verschiedener Netzgemeinden entwickeln durfte. Billie Eilish porträtiert einen Nervenzusammenbruch, der durch die Echokammer gegangen ist. Eine Wehleidigkeit, die im Dialog mit Gleichgesinnten so universell scheint, das man auf Songs wie "Xanny" oder "8" nicht mehr so recht auseinanderhalten kann, wo bitterer Ernst, campiges Melodrama, verwundbarste Ehrlichkeit und boshafter Witz beginnen und aufhören.

Billie befindet sich auf diesem Album am Ende des Zynismus, genau drei Schritte dahinter. Die Frage danach, wie ernst all das hier gemeint ist, wird vermutlich immer dem Ton des Fragenden angepasst werden. Natürlich kann man die verstummte, melancholische Produktion via Gitarre oder Piano auf Songs wie "Listen Before I Go" oder "I Love You" als Aufrichtigkeit lesen. Aber etwas in Billies Art zu Singen klingt so betäubt, so abgeklärt und so abwesend, dass selbst diese Momente tiefster Intimität auf dem Album von einer pessimistischen Doppelbödigkeit durchtränkt sind.

Erst Recht wird die Ernsthaftigkeit schwer zu lesen, wenn es um die energetischeren Momente der Platte geht. "You Should See Me In A Crown", "Bad Guy" und "Bury A Friend" verweben Trap, Electro und nokturnalen Indie-Pop zu klaustrophobischen, ansteckenden Bangern, die mit Ästhetik von Horror und Teenie-Filmen gleichzeitig jonglieren, ohne je den Fuß aus der klar abgegrenzten eigenen Identität zu setzen.

Das alles macht "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" zu einem exzentrischen, aber faszinierenden Projekt. Das Sequencing variiert zwischen ungewohnten Tempi für Popmusik, jede musikalische Idee gravitiert zum Extrem. Das spiegelt sich auch in der Instrumentierung: Es gibt entweder treibende Electro-Grooves mit alles versengenden Bässen oder die komplette Reduktion auf Indie-Folk-Songwriter-Gitarren oder Klaviere oder psychedelischen Pop-Minimalismus wie auf "When The Party's Over".

Und im Zentrum von allem steht Billie selbst, die gerade auf den Balladen zwar weiter eine beachtliche Reichweite und ein unverkennbares Timbre beweist, aber gewohnt wenig aus ihrer Komfortzone ausbricht. Muss sie auch gar nicht, denn für Variation ist ohnehin gesorgt. Vocoder und Filter setzen hier und da notwendige Akzente – und gerade die leichte Monotonie ihrer Performances gibt der Platte den surrealen, berauschten Vibe, auf dem sie so aufbaut.

Man könnte festhalten, Billie Eilishs Debütalbum sei tatsächlich so etwas wie das Bekennerschreiben eines Generationenkonflikts. Es ist wohlstandsverwahrlost, vom Leben gelangweilt und bis in die Poren zynisch. Dass das in der Summe so faszinierend ausfällt, liegt aber nicht nur an der innovativen Produktion und dem wagemutigen Songwriting, sondern allen voran an der Intriganz, mit der Billie all die Widersprüche ihrer eigenen Konflikte performt.

"When We All Fall Asleep, Where Do We Go" findet die ungeahnten Schnittmengen aus Bubblegum und Goth, aus Horrofilm und Teenage-Melodrama, aus Einsamkeit und Vernetztheit und aus Depression und Reizüberflutung. Es ist ein unglaublich dicht geschriebener, pechschwarzer Witz über die Eigenwahrnehmung der Protagonistin, der einem das Lachen versiegen und die Tränen im Hals stecken bleiben lässt. Und immer, wo man dann eine Pointe absehen möchte, setzt der Ernst ein, der kurz an den großen Unmöglichkeiten des Menschseins schnuppert, vor der Unausweichlichen Antwortlosigkeit zurückschreckt und einem apathsichen Seufzen versandet. Fragt sich nur, ob dieses Seufzen nicht zuletzt die wahre Pointe ist.

Trackliste

  1. 1. !!!!!!!
  2. 2. Bad Guy
  3. 3. Xanny
  4. 4. You Should See Me In A Crown
  5. 5. All The Good Girls Go To Hell
  6. 6. Wish You Were Gay
  7. 7. When The Party's Over
  8. 8. 8
  9. 9. My Strange Addiction
  10. 10. Bury A Friend
  11. 11. Ilomilo
  12. 12. Listen Before I Go
  13. 13. I Love You
  14. 14. Goodbye

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18 Kommentare mit 39 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Da passiert etwas. Die nächste Generation meldet Ansprüche an. Ja, Eilish hat ihre Familie im Rücken, aber entscheidend ist das Ergebnis: Dass auf solche Musik plötzlich Millionen von Teenagern abfahren, wäre vor 5 oder 10 Jahren beinahe undenkbar gewesen. Vor 20 Jahren hätte man Song und Video für eine Botschaft vom Mars gehalten.

  • Vor einem Jahr

    Überhaupt muss man erst die Kühnheit haben, auf ein Album, das schon im Vorfeld extrem gehypt wurde, einen schwierigen Song wie "Xanny" zu packen, der nebst sehr ruhigen Strophen mit seltsamer Stimmzerhackelung im Refrain arbeitet (um nur ein Beispiel zu nennen). Hier kommt nun endlich wieder ein musikalischer Jugendtrend daher, dem ich selbst alles andere als abgeneigt bin. Würde mich nicht wundern, wenn dieses Album die nächsten Jahre der Popmusik entscheiden mitprägen wird. Persönliche Highlights sind die ersten 3 Vorab-Singles und dazu noch "Xanny" und "Ilomilo".