31. Oktober 2006

"Libertines und Arctic Monkeys sind wie Spinat"

Interview geführt von

Hamburg leuchtet. Ein stahlblauer Himmel wölbt sich über Elbe und Außenalster. Ein weiterer warmer Nachmittag dieses viel zu sanften Spätsommers 2006 gießt seine gleißenden Farben über die Dächer dieser Stadt, die wie immer von der großen Sehnsucht erzählt und den kleinen Dramen hinter den Fassaden. Bernd Begemann, der immerjunge Grandseigneur des deutschen Indie-Pop, ist schon immer der Chronist dieses glanzvoll zerkratzten Alltags gewesen, und an diesem Tag stellt er seine neuen Lieder vor.Nicht weit von der Sternschanze liegt das Quartier von Tapete Records, dem Label von Begemanns Partner in Country-Crime Dirk Darmstadter; etwas unscheinbar von außen, kreatives Chaos drinnen. In dieser umfunktionierten Wohnung wartet der Barde an einem Tisch voller Obst und Süßigkeiten, etwas gelangweilt zuerst, denn der Interviewer vor uns hatte ihn versetzt. Ob wir Kaffee oder Astra-Bier wollen? Der Gastgeber ist großzügig:

"Es gibt auch Weintrauben, wenn ihr mögt."

Wir würden uns erst mal rantasten, bevor wir aufs neue Album zu sprechen kommen ...

BB: Macht's mir leicht!

Sind deine Alben eigentlich chronologisch zu lesen, so wie ein Spiegel deiner aktuellen Befindlichkeiten, eine fortgeschriebene Biographie?

BB: Also, sie haben mit meinem Leben zu tun. Und dann komm ich immer drauf, dass mein Leben nicht so anders ist wie das Leben von den Leuten, die ich sehe. Die haben alle die selben Impulse, es sind immer die selben Biographien im Grunde. Zum Beispiel auf meiner letzten CD mit der Befreiung gab’s ein Lied namens "Wirklich ein toller Typ", da war die Zeile drauf: "Man macht ein paar Jahre lang rum und dann sieht man zu, wo man bleibt". Und wenn du so willst ist "Ich Werde Sie Finden" eine Illustration dieser Zeile. Das ist der Mikrokosmos, der in dieser Zeile war, erforscht und aufgeblasen.

Wir fanden schon, dass "Endlich" (2003), "Unsere Liebe Ist Ein Aufstand" (2004) mit der Befreiung und "Ich Werde Sie Finden", deine aktuelle Platte, doch ziemlich unterschiedlich sind.

BB: Ja, ist doch toll! Ich mache die Platten auch, weil ich die Sachen, die mich interessieren, nie in den Platten meiner Zeitgenossen verhandelt oder reflektiert sehe, also muss ich sie selbst machen. Auf "Endlich" waren ja nur Liebeslieder, und auf "Sag Hallo Zur Hölle" waren 26 Lieder und kein einziges Liebeslied. Es ging um was anderes. Bei "Endlich" ging es darum, was ist Romantik für mich? Welche Art von Romantik kann ich überhaupt als real ansehen? Welche Art von Romantik bleibt stehen, oder so?

(Der Kaffee kommt, leichtes Durcheinander)

(Gleichzeitig): Ja hat das denn .... / BB: Uuuund....

BB: Tschuldigung, du zuerst; das war nur der Klang meiner eigenen Stimme. (lacht)
....na ja, jedenfalls dachte ich: Wie klingt das? Und dann dachte ich, es wäre toll, wenn die Platte wie ein Traum oder irgendwie unwirklich klingt. Und dann war endlich so eine Pop-Platte mit ganz vielen Effekten, produziert von Louis Oberländer, dem ehemaligen Keyboarder der Jeremy Days, und es klang ein bisschen aufgeblasen. Und viele Leute fanden: "Bähh, das klingt so künstlich".
Ich sage: ja gerade! Ich liebe es künstlich! Ich finde meine Popsongs künstlich! Ich mag Electric Light Orchestra und so, das ist alles cool.
Scheiße, wie beschissen klang bitte diese Arctic Monkeys-CD? Bestimmt eine Super-Platte, aber das klang doch furchtbar!
Und wer hört eigentlich seine Libertines-Platte, die er gekauft hat, weil er dachte, er müsse sie kaufen? Das ist doch nicht angenehm im Ohr (lacht) also nun mal ehrlich! Aber das sind Rock-Kenner ja leider nicht; Rock-Kenner sind nicht ehrlich. Die denken: Das ist so wie Spinat; ich muss es essen, es ist gut für mich! Aber es schmeckt eklig. Doch ich brauche dieses Eisen in meinem Blut. QUATSCH!!

Du magst es wirklich lieber künstlich?

Bei "Endlich" war das so, die sollte künstlich klingen. Es soll kommen wie aus einem Pop-Paralleluniversum; es soll nicht ehrlich klingen. Nicht für diese Vision von Romantik.
Ok, das sind alles andere Herangehensweisen, und das macht es eben interessant, aber es ist nicht willkürlich. Es ist jeweils die angemessene Form für dieses Sujet; für diesen Stoff, wenn du so willst.
Ich sehe CDs auch wie Film-Genres. Die Band-Platte ist dann so was wie ein Western. Du brauchst Pferde, du brauchst Saloons, aber es gibt keine Raumschiffe! (lacht) So ist das, und diesmal, da gab's Raumschiffe! Und nicht so viel Pferde.

Ja, das würde mich interessieren. Diesmal gibt es ja sehr viel mehr Elektro-Sachen, wohl durch den Produzenten ...

BB: Genau, Thys Mynther! Er hat 2/3 des Albums produziert.

Trotzdem ist es keine reine Elektro-Scheibe. Hat einfach der Mut gefehlt, zu sagen: Ich mach jetzt komplett ein elektronisches Album?

BB: Überhaupt nicht; so hat das sogar angefangen. Wir hatten zuerst nur elektronische Stücke, und dann fehlte mir 'ne Menge. Und mir fehlte ein Operetten-Element. Dann dachte ich, das wäre so extrem geschmäcklerisch gewesen, von wegen (krächzend): "Oh, des Kaisers neue Kleider. Mein Gewand für diesen Sommer ist so und so..."
Das ist Scheiße! Eine Platte muss mit den Sachen zu tun haben, die mit ihr kommuniziert werden. Und auch die Sachen, die Thys produziert hat, sind ja kein lupenreiner Elektro.

Ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber wir hassen doch alles Pure. Wir wollen doch Verfremdung und Verschmutzung und Verunreinigung. Deshalb sind wir Popfans. Wir wollen, dass es verwässert wird und unkenntlich gemacht wird, und wir wollen, dass es auf irgendwas anderes hinweist, von wo es nicht gestartet ist. Wir wollen keine Roots-Musik. Und wir glauben nicht an das Reinheitsgebot im Pop, ganz im Gegenteil.
Pop bedeutet von Anfang an die Anmaßung und die Verunreinigung.

Insofern: Nein! Folgendes war meine Ausgangsbasis: ich hatte ein paar von diesen Liedern schon lange, und hatte sie auch vorgetragen vor Leuten. Die habe ich mir so auf der Groovebox "zusammengestoppelt". Es klemmte ein bisschen, und ich habe mehrere Versuchs-Sessions gemacht, auch mit anderen Produzenten. Ich bezahle ja mein eigenes Geld und habe die was machen lassen. Das wird niemals jemand hören (und soll auch nicht). Es war zwar interessant, aber mir fehlte dann diese Pop-Sensibilität.
Thys Mynther ist der Einzige, den ich kenne, der diese Pop-Sensibilität zusammenbringt UND gleichzeitig über die neuesten Elektro-Klangwelten verfügt.

Es tut den Songs gut, keine Frage.

BB: Ja, ich habe ihm gesagt: "Ich will Psycholandschaften; ich will, dass du die Lieder miterzählst mit deinen Sounds, aber ich will auch, dass du am Lied bleibst." Ich will keine endlos lang gecutteten Hi-Hats oder so'n Kack. Ich find das furchtbar. Ich geh manchmal auch auf Elektro-Veranstaltungen, und ich find das langweilig. Man denkt immer so: "Oh, jetzt kommt 'ne Bassdrum, toll!" (verdreht die Augen und lacht).

Wie war das bei dem Stück "Wir sind fünfzehn"? Es ist zweimal auf der Platte, einmal nur mit Gitarre und später als Elektrostück. Ist das ein Remix, oder habt ihr es neu eingespielt?

BB: Ich find das einfach so eine geniale Idee von mir!
Angefangen hatten wir mit Thys' Version! Und dann dachte ich, ich will das als Erstes haben, weil es so in die Sache reinführt.
Das ist wie bei einem Film, der mit einer Rückblende anfängt; du siehst die Jugend des Protagonisten und dann wird ein Vorkommnis geschildert, was den weiteren Film erhellt. Gerade so: der Typ gerät an eine Frau, die klüger ist als er. Hm, problematisch. (lacht). Und die hellsichtiger ist als er. Und so hab ich das erlebt in dem Alter. Ich bin zivilisiert worden durch die Mädchen, die ich getroffen habe und die IMMER klüger waren als ich! (lacht). Ohne die wäre ich echt ein Höhlenmensch geblieben, glaub ich. Aber sie sagen einem oft auch bittere Wahrheiten, und dieses Mädchen blickt so durch. Und dieser Junge irgendwie nicht. Und der Rest der Platte ist dann ein bisschen so: Hat sie recht, hat er recht? Wer wird am Ende Recht behalten?
So sollte es sein, das ist ein guter Anfang dachte ich, ein guter Startpunkt für die weiteren Ereignisse. Dann dachte ich, es wäre eine nette, schlichte Sache, mit dieser "Nur-Stimme-und-Gitarre-Version" anzufangen. Ich fand das irgendwie entwaffnend: das bin ich, wenn da nichts weiter dabei ist. Und jetzt tu ich langsam Sachen dazu.

Stimme und Gitarre, so kennt man dich ja hauptsächlich. Das ist ein recht traditioneller Einstieg. Und dann fängt die Platte irgendwie sechsmal neu an. Denn direkt hintendran kommt ja ein recht fröhliches Stück ...

BB: "Ich werde dich finden" ist für mich so ein kleines Anorak-Stück, leichter Gitarren-Pop.

Es klingt doch etwas anders als von dir gewohnt ...

BB: Das ist diese C-86-Welt, diese englischen Jingle-Jangle-Stücke.

Dann kommt direkt "Flackernder Straßenrand", das ja sehr elektronisch ist.

BB: Extremer Schnitt. Ich hab mir eine Wirkung davon versprochen, einen Effekt. Ich finde, das zweite Stück ist auch nicht so verschieden von der Klangwelt, die immer hatte. Es ist normaler Gitarrenpop, ein Bandstück. Es ist ein bisschen leicht, ein bisschen sonnig und idealistisch - und dann gibt's einen Schnitt und wir sind auf einmal in einer ganz anderen Landschaft. Jetzt müssten alle denken: Was ist das jetzt? Das ist ja gar keine normale Platte. Und es ist ja auch ein phantastischer Track von Thys, "Flackernder Straßenrand", wie er das eingefangen hat, diese Rastlosigkeit des Sich-Bewegens durch eine ungastliche Landschaft. Teile von dem Lied sind normale Impressionen, wie aus einem Reisebericht. Da kotzen Leute von einer Brücke runter, ganz normale Sachen, die jeder sehen kann. Und dann zusammen mit dieser inneren Landschaft; dieser Typ, der irgendwie getrieben ist, dem auf einmal völlig klar wird, dass er nicht vorankommt, obwohl er sich die ganze Zeit bewegt. Toll! Das ist perfekt eingefangen. Ist eine Psycholandschaft, wie ich's vorhin erzählt habe.

"Das ist scheiße, das ist nicht schlicht!"


Besteht aber nicht die Gefahr, dass die Fliehkraft dieser vielen Stile, die recht hart aufeinander treffen, die organische Geschlossenheit eines Albums zersprengen können?

BB: Da würde ich dir sagen, es gibt zwei Konstanten: a) meine Stimme, b) die Stringenz der Erzählung. Es ist eine stringente Erzählung wie in einem John Updike-Roman. Wie die 'Rabbit'-Romane: Da ist dieser Typ, der hat nur Rosinen im Kopf, der macht so rum, und dann ist er auf einmal in einem Sackgassenjob mit einer Hypothek und so. Eigentlich diese ganz normale Geschichte. Ich glaub, das ist diese Geschichte die - außer, man wird Junkie und stirbt früh (lachen) - alle denken, sie zu haben. Irgendwann bleibst du stecken, du kommst an einen Punkt, an dem du dir keine Illusionen mehr machst, was noch alles passieren wird in deinem Leben.
Das ist eigentlich ein Anti-Pop-Thema. Pop geht darum, dass man sich tolle Sachen vorstellt, sich tolle Sachen wünscht, alles erreichen kann, überall hinfahren kann. Schönes Gefühl! Aber: nur ein Gefühl. Das wird nicht passieren; nur dass du irgendwo hinkommst und einfach nicht weiterkommst. Und darum die Pop-Platte, das ist ein Anti-Pop-Thema, mit allem Pop behandelt, den ich kenne! (lacht glucksend).

Zum Thema Gefühl: Als die "Endlich" rauskam, schreib die FAZ, die klinge so behaglich, Bernd Begemann habe seinen Frieden gefunden mit Heimat, Provinz und Herkunft ...

BB: Hatte ich schon immer!

Die bezogen sich auf den Song "Ich komme aus den Hügeln".

BB: "Ich stamme aus den Hügeln". Was für'n tolles Lied! Ich singe es immer noch gern! Das wird ein Klassiker, der wird in 50 Jahren in allen Schulbüchern stehen! (allgemeines Gelächter)
Das ist doch ein Superlied. Das ist, als ob es gar nicht geschrieben wurde, als ob's das schon immer gegeben hätte.

Das neue Album fühlt sich wieder weniger behaglich an, eher so, als würdest du dem Unbehagen innerhalb der Behaglichkeit nachspüren ...

BB: Auf jeden Fall! Darum geht es explizit im dritten dieser vier Teile, mit der Überschrift "Die Anfechtungen". Ich hab's bei mir erlebt und auch von anderen erfahren, mit denen ich drüber gesprochen hab: "Alles schön und gut, aber jetzt blick ich klar und jetzt mach ich das so, und jetzt hab ich diese hübsche Wohnung und die renovieren wir und dann sind wir da und dann ist das alles ok."
Und dann sitzen sie da in dieser schönen Wohnung und alles ist ok und sie denken dann aber: "Mmmmhhhhmmmm" (macht Bauchschmerzgeräusche mit verzerrtem Gesicht).
Und dann kommen diese Lieder wie "Ich bin noch nicht fertig mit dir"; alle diese Erinnerungen an Möglichkeiten, die sie irgendwie verpasst haben, tauchen auf. Das ist wie ein Geistersong.
Oder so ein Lied wie "Die Anderen", das ist, als ob sich jemand auflöst, als ob sich jemand verflüssigt, in einen Geist verwandelt und nicht mehr in der Lage ist, überhaupt da zu sein, oder sein Gegenüber wahrzunehmen. Also wie so ein Horrorfilm-Element; jetzt, wo wir so viel über Western geredet hatten.
Dieser Teil "Die Anfechtungen" handelt tatsächlich von den Heimsuchungen, die man haben kann, wenn alles in Ordnung zu sein scheint.

Mir kam es so vor wie in "Bis Du Den Richtigen Trifft, Nimm Mich", wo du von 'den Anderen in Deinen Augen' sprichst. Mir kam es vor wie eine Fortsetzung, ein Lied über diese 'Anderen'.

BB: Na ja, ich hätte ja gerne, dass alle meine Lieder sich fortsetzen und sich ergänzen. Mein großes Vorbild sind ja nicht die Beatles oder so, sondern Balzac, mit seinen 80 Romanen, die man zusammen sehen muss. Ich habe nur 30 davon gelesen, und das ist immer noch zuviel. Aber er hat 80 oder so geschrieben. Ich weiß nicht, ob ihr damit geläufig seid, die Idee von seinen Romanen ist, ein Roman hat einen bestimmten Held und bestimmte Nebendarsteller und diese Nebendarsteller haben dann ihren eigenen Roman. Alles zusammen ergibt ein objektives Zeitbild.

Um die Gesellschaft einmal komplett zu portraitieren ...

BB: Und darum sehe ich meine Lieder immer zusammen, und deswegen möchte ich mich nicht wiederholen; ich will keine neuen Versionen von etwas machen, was ich schon mal gemacht habe. Das soll irgendwo anders hinführen. Also dieses Album führt an einen Ort, an dem ich noch nicht war, deshalb fühl ich mich mutig. Wie ein Polarforscher.

Also zu dieser Vierteilung ...

BB: Vier mal vier; eigentlich sind es 16 Lieder ....

Hast du das Konzept hinterher drübergelegt, nachdem du die Songs geschrieben hattest, oder hast du dir von vornherein die Operette gedacht und die Songs absichtlich entsprechend arrangiert?

BB: Ich dachte, man müsste schon klarmachen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den Liedern. Wie nennt man das dann? Auf keinen Fall werde ich es "Rock-Oper" nennen; auf keinen Fall werde ich es "Konzept-Platte" nennen. Auf gar keinen Fall werde ich es "Lieder-Zyklus" nennen, das klingt zu sehr nach Problemen, die Frauen haben, irgendwie.
"Singspiel" fand ich gut, das ist demokratisch. Ich weiß nicht, ob euch das klar ist, aber das Singspiel ist der bürgerliche Gegenentwurf zur großen Oper.

Also Operette?

BB: Operette kam etwas später, glaube ich. "Hänsel Und Gretel" ist das klassische Singspiel, das ist alles etwas kleiner, du hast Lieder anstatt Arien und du hast kein Rezitativ sondern gesprochene Texte. Im Grunde ist nicht so ein großer Unterschied zur Operette. Operette ist ein bisschen aristokratischer, würde ich sagen...

Immer wenn ich in Wien bin, nerve ich alle mit Operetten-Gesang (springt auf und singt): "Wien, Wien, nur du allein...."
Und alle sagen dann: "Jetzt sing doch mal ein gutes Lied."
Und da antworte ich: "Aber das ist doch ein gutes Lied!"
(singt weiter) "... sollst stets die Stadt meiner Träume sein...."
Dann brüllen sie: "Hör mal auf!"
(singt weiter): "Dort, wo die alten Häuser steh'n, dort wo die jungen Mädchen geh'n..."
(unterbricht sich): "Hör jetzt auf!! (setzt sich wieder hin)
Scheiße, die haben keinen Humor, die wissen nicht, wie man sich amüsiert bei einem Konzert!

Das führt uns direkt zu diesem Chanson "Auf den schwarzen Schwingen der Nacht", das für mich so Begemann-untypisch, aber auf jeden Fall cool ist ...

BB: Ja, der ist auch toll.

... und ich hab mich königlich amüsiert.

BB: Ja, der ist albern, aber auch ernst.

Das ist das Tolle, ja.

BB: Und es ist keine Parodie oder so. Kein: Hey, wir verarschen dieses Genre.

Genau, auch die melodische Phrasierung ist wundervoll, aber - und das soll jetzt nicht anmaßend klingen - hättest du nicht noch ein bisschen mehr aus dir rauskommen können?

BB: Gib's zu, du willst mich produzieren!

Nein, nein ...

BB: Mach doch ....

... da klingt es, als traust du dir nicht zu, beim letzten der Cho ... wie heißt eigentlich die Mehrzahl von Chorus? ... Refrains?

BB (gespielt trocken): Ja, Refrains. (lachen)

... also zum Schluss ...

BB: Meinst du den am Schluss? Aber der ist doch schon ziemlich toll (singt): "... schwarzen Schwingen der Naaaacht."

Genau, das klassische Chanson hätte da so ein hohes Tremolo gewagt.

BB: Ach komm ... Ich find das gut, wie das dann so läuft; es geht ja ums Entschwinden, und ich schleich mich dann so aus dem Lied raus ...

Ok, ok, ich dachte, du wolltest an der Stelle nach oben singen, und ihr habt es gemacht, und du fandest, das klingt scheiße.

BB: Nein, das finde ich eben nicht gut, wie das die Chansonsänger machen. Die denken immer: "am Ende will ich Riesenapplaus haben und ... (krächzend) dann sing ich noch mal richtig hoch!" Das ist scheiße, das ist nicht schlicht!

Du hast geschrieben vom Ideal, das auf Abwege führt. Heißt das, es gibt ein Ideal, aber man sollte Angst davor haben?

BB: Man sollte aufpassen. Alles scheint irgendwann hinabzuführen. Das ist die Idee dieses Covers. Du hast dieses stilisierte Olympia-Plakat vorne drauf, diese Frau, die in ihre Bewegung vertieft ist und irgendwas total Künstliches und auch Künstlerisches, irgendwie auch was Unnatürliches tut. Und dann drehst du es um und hast das Bild von diesem wirklich desillusionierenden Mietshaus mit der Auffahrt davor; also eine praktische Witzillustration dieser Sache, erst das Ideal und dann wohin es führt.
Und am Anfang dieser Platte, die ersten vier Lieder, ist dieser Typ, der denkt: "Quatsch, du hast Unrecht, das wird immer ganz toll." Oder in dem Lied "Ich werde sie finden": Jemand stellt sich einfach den idealen Menschen vor, die ideale Gesellschaft, die er gern für sich hätte und der er entgegenstrebt und die ihn aus allem herausheben wird, wo er sich grade drin befindet.
Das ist die Antriebsbewegung, wenn du so willst. Und dieses Lied "Auf den schwarzen Schwingen der Nacht" ist auch idealisiert. Das find ich an Operette so toll, wie diese Art von Gefühlen idealisiert wird. Idealisiertes Rummachen. So in der Art: Ihr denkt vielleicht, ich wär nur so'n blöder Rumficker, aber ich bin Errol Flynn!

Ich halte dich schon für einen Romantiker. Aber du hattest zu Beginn gesagt, Romantik darf nicht ehrlich sein. Bist du irgendwie auch verliebt in das kleine Scheitern des Alltags?

BB: Eigentlich nicht; ich finde es schon toll, wenn Sachen klappen. (lachen) So wie Hannibal aus dem "A-Team". (mit verstellter Stimme): "Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!"
Find ich eigentlich schön. Nee, ich liebe Tom Waits, aber ich hatte immer Probleme damit, wie er das Scheitern glorifiziert.

"Diese Pisser!"


Zurück zur Platte: Mein Lieblingslied ist ja das letzte Stück "Ein Vorschlag: Denk an den Weg".

BB: Nun, ich dachte, das wäre eine nette Art, da raus zu kommen, ein netter Allgemeinplatz.

Das ist ein Abschiedslied, das fröhlich ist. Einer deiner Texte für die Jasmin-Wagner-Platte "Die Versuchung" (2006), "Morgen wenn ich weg bin", ist ziemlich ähnlich.

BB: Es geht. Die Jasmin-Sache war aus der Ambition heraus entstanden, wie moderne Trennungen aus der Sicht der Frau funktionieren. Und die funktionieren anders als aus Sicht der Männer. Frauen bereiten ihre Trennung vor.

Hat sie das auch so gesehen?

BB: Ja, ja, wir haben drüber geredet, und sie meinte, das ist schon so, Frauen wissen das schon ein halbes Jahr vorher. Und dann bereiten die das ein bisschen vor. Also, sichern sich ab, was den Freundeskreis betrifft, dass sie die nicht völlig alle Kontakte verlieren hinterher, ziehen schon Leute auf ihre Seite, verhalten sich vielleicht ein bisschen politisch. Männer sind immer überrascht, Frauen sind nie überrascht.

Du hast ja die meisten der Songs für Jasmin Wagner geschrieben, die Texte jedenfalls. Fällt es dir leicht, eigene Lieder wegzugeben?

BB: Ja, ich kann die ja dann auch noch singen. Das ist interessant, ich hatte die Möglichkeit, eine komplett neue Popwelt zu schaffen, eine komplett neue Version von Pop, so wie ich finde, dass Mainstream-Pop sein sollte. Also nicht diese Silbermond-mäßige Abi-2003-Vision... (lacht)
Versteht jemand, wovon dieses Lied "Symphonie" von Silbermond handelt? Ich nicht! Ich mein, ich bin kein Idiot, ich versteh 'ne Menge, aber ich weiß nicht, wovon dieses Lied "Symphonie" handelt. Ich weiß nur, dass sie echt große Worte benutzen in dem Lied, aber ich weiß nicht, wovon es handelt. Und das will die auch nicht, dass ich das weiß, und so was geht mir tierisch auf die Nerven. Wir kommen auf die grundsätzlichen Probleme in unserem Kulturkreis (schmunzelt).

Du würdest also diese weggegebenen Lieder auch selber singen?

BB: Och, mach ich doch gerne. Auf der Jasmin-Platte sind ein paar Lieder, die sind echt gut, zum Beispiel dieses eine Lied mag ich besonders. Ich weiß, es nicht das Herausstechendste, aber für mich ist es das Schönste; dieser Walzer "Ein neues Gefühl", der ist so schlicht. Das ist wieder so eines meiner Ideale: ein Lied, das klingt, als wäre es nicht geschrieben, als wäre es immer schon da gewesen. Das find ich ein gutes Merkmal für Lieder.
Viele Indie-Rocker sind ja echt stolz auf ihre komplizierten Texte und dann musst du die tierisch lange im Booklet nachgucken. Einige Indie-Bands haben Sorten von Fans, die dann wirklich Freude daran haben, nachzuweisen, aus welchem anderen Kunstwerk das jetzt ein Zitat ist. Mir macht das keinen Spaß!

Wir hatten diesen Fall der Blumfeldisierung bei dem Song "Ich bin Mitteleuropa". So richtig haben wir ihn nicht verstanden.

BB: Echt nicht?

Nee. Das ist das Phänomen, von dem du eben sprachst. Wir stehen beide davor und sagen : Hey, das muss ein toller Song sein, denn wir finden ihn großartig, aber verstehen ihn nicht! Der ist bestimmt politisch.

BB: Der ist ja nun nicht so verrückt. Ich kann euch sagen, wie ich's verstehe .... also ihr habt ihn bestimmt nur einmal gehört, oder so.

Nee, nee, schon ein paar Mal. Die Human-League-Assoziation kam zum Beispiel sofort ...

BB: ... und John Foxx. Diese ganzen Synthie-Bands, die ich alle bei John Peel gehört habe.
Ah, war das schön. Ich meine, zwischen '78 und '82 John Peel hören zu dürfen, was für eine Gnade. Diese ganzen komischen Bands, die vielleicht nur eine Single gemacht haben. Ich bin echt beeinflusst von diesen kleinen Bands mit nur einer Single, die nie ein Album gemacht haben, die auch nicht "genamedropped" werden. Diese Bands kennt man nicht und die sind auch gar nicht mehr erhältlich.
Das fand ich immer den wahren Reichtum von Popmusik, diese komischen Äußerungen von Leuten, die wissen, dass sie sich wahrscheinlich nur einmal in ihrem Leben öffentlich äußern werden und die dann wirklich alles da reinpacken. Es ist ein Vermächtnis.
Es war in dieser Zeit - früher Synthiepop - als ob sich eine neue Welt auftut mit lauter weißen Flecken auf der Landkarte. Das fand ich immer faszinierend. Sehr limitierte Sounds, es gab noch nicht so viele Maschinen. Aber herrlich dynamische Rhythmen. Dieses Tuckern! (lacht glucksend).

Ich kann euch jetzt erklären, was ich mit dem Lied verbinde, wieso da eigentlich der Schlusspunkt der CD ist. Wenn man sagt, "Wir sind fünfzehn" ist wie ein Filmprolog, dann ist das jetzt der Schluss von dem Film, wo du mit der Kamera zurückfährst und wo du siehst: "Oh, das ist das Haus, wo das passiert ist, was wir gerade gehört haben. Oh, das ist die Stadt, in der das war. Oder das ist die Gegend auf der Welt, in der das war."
Da sind so Aspekte an der Sache, die kannst du einfach nicht erklären, das ist eben kein Agatha-Christie-Krimi, der aufgelöst wird, oder so. Das ist das Mysterium, das uns umgibt. Und dem kannst du nur mit einem Lied beikommen, das ist mein fester Glaube. Darüber kannst du keinen Roman schreiben oder einen Spiegel-Essay, das geht nur in einem Lied. Es ist dieses ganz bestimmte Gefühl, in dieser Gegend zu diesem bestimmten Zeitpunkt zu leben. Du hast dieses Gefühl, steter Erfolg, der langweilig wird, Geschichten, die austauschbar sind. Ich find das alles so klar!
Schuld, die kaum ins Gewicht fällt, der Prokurist, der endlich mal ran darf, spontan die Sau rauslässt, gleich danach weitermacht. Das ist dieser Landstrich!

In "Deutsche Hymne ohne Refrain", singst du noch: "ich will dieses Land verstehen." Ist dir das jetzt gelungen?

BB: Auf jeden Fall habe ich mehr Details zusammengetragen. Es ist eben die Hauptaussage: nicht ein Land zu entziffern. Das wäre akademisch. Kommt darauf an, auf welcher Seite du stehst. Wenn du also rein akademisch vorgehst, wenn du das bist, was ich einen modernen Pop-Scholastiker nennen würde, dann denkst du, dass so ein Lied nichts weiter ist, als die Summe der Teile, die Summe von Einflüssen und dieses Blabla.
Egal, wie chiffriert es ist, es geht um irgendwas. Und zwar um etwas ganz fest Umrissenes. Etwas, das man auch in einem Zeitungskommentar schreiben könnte. Aber nein, wir machen
diesmal keinen Zeitungskommentar, wir machen diesmal einen Popsong drüber. Ich sage: Hallo, es gibt ein Geheimnis, und das ist in den alleralltäglichsten Dingen. Es gibt einen Schauder, der einen erfassen kann, wenn man zu genau hinguckt. Und es geht nicht darum, dieses Geheimnis zu lüften oder zu enthüllen oder so was, sondern ihm beizukommen, zu konfrontieren.
Und das Lied "Ich bin Mitteleuropa" ist meine spezielle Konfrontation mit diesem Geist. Mit diesem Mythos. Ich sage: unsere Umgebung ist auch eine mythische Landschaft. Jetzt schon, während wir hier sitzen und sprechen oder darauf warten, dass die Ampel grün wird, entstehen überall um uns herum Mythen. Wir können unsere Augen davor verschließen und weiterfahren oder wir können den ganzen Reichtum, das ganze Geheimnis wahrnehmen. Und ich finde, das ist eine handfeste Sache.
Ich hoffe, ich klinge jetzt nicht wie ein religiöser Spinner, aber ich nehme das wahr.

Ein Mythos ist ja sicher auch diese "Bernd im Bademantel"-Geschichte, deine frühere Fernsehshow.

BB: Ja, weil's keiner gesehen hat.

Beim NDR bekommt man die drei Folgen noch für 50 Euro, oder so ...

BB: Diese Pisser, von dem Geld alleine hätten sie eine neue Folge produzieren können (lachen).

Was völlig anderes: Wie kam es denn zu deiner Mitwirkung auf dem Fehlfarben-Geburtstagsalbum?

BB: Die haben mich angerufen.

Von sich aus?

BB: Ja. Ich habe die mal getroffen, als ich in Düsseldorf gespielt hab, da kam Peter Hein vorbei. Wir haben sogar mal einen Gig mit den Undertones gemacht in Düsseldorf. Obwohl der Typ echt eine tolle Vision hat: Wenn irgendwas nicht '76 oder '77 rausgekommen ist, dann ist das wertlos. (lacht)

Du hast "Die kleine Geldwäscherei" gesungen, konntest du dir das aussuchen?

BB: Ja. Es waren schon viele Lieder weg, das war übrig und war das Beste von denen, die übrig waren, aber ich hätte es auch ausgesucht, wenn ich aus allen hätte aussuchen können. Es ist das schönste.

Ich kenne die ja noch von früher. In Herford, mitten in der Pampa bei Bad Salzuflen, gab es so einen Rock-Klub, da habe ich in den frühen Achtzigern so alles Mögliche gesehen. Unter anderem die Fehlfarben. Wusstet ihr übrigens, dass sogar The Who dort gewesen sind? Keith Moon hat in Herford ein Hotelzimmer demoliert (lachen). Ich habe da eine alte Rechnung an der Wand gesehen, die im ziemlich scharfen Ton formuliert war. Hey, einmal war in Herford was los. Danke! (lachen)

Du warst zu dem Zeitpunkt also noch eher Fan als selbst aktiver Musiker ...

BB: Ja, zu dieser Fehlfarben-Zeit. Das fand ich schon bemerkenswert, schon einen Schritt in die richtige Richtung. Ich hab mir nur gedacht: (mit hoher Stimme) "Aber ich hätte das alles viel besser gemacht. Warum singt der Typ nur so wenig Töne?" (lachen) Ich bin halt ein Chorknabe. Aber erst seit "Jetzt Bist Du In Talkshows" finde ich meine Singstimme akzeptabel. Mein Vokabular habe ich aber immer noch nicht richtig gefunden.
Ich meine, in den meisten jungen Rockbands phrasieren die Mädchen alle wie Nena. Wen du da nimmst, Christina Stürmer, Juli, die phrasieren alle genau so. Die erfinden überhaupt nichts. Und bei den Jungs ist es immer noch diese Rio Reiser-Welt: "Ich bin auf 'ne geile Art kaputt." Da ist überhaupt nichts passiert. Da ist kein Künstler am Werk. Ich glaube, die kriegen das beigebracht auf ihren Popmusikschulen, dass man so Rock singt. Gute Güte! (atmet schwer)
Guck mal, diese ganzen "Ich will mit dir chillen"-Typen. Die wollen sagen: "Hey, ich bin tätowiert, aber total süß". Das ist doch Scheiße.

Weil sie damit erfolgreich sind, oder weil sie tätowiert sind?

BB: Tätowieren ist doch Mist. Das stichst du dir, und im nächsten Jahr sieht es aus wie Matsch. Aber sie sagen alle, es ist so ein schöner Schmerz, so eine Art Light-SM. Warte, ich rufe mal den Psycho-Onkel vom NDR an.

Was findest du von aktueller deutscher Popmusik denn akzeptabel?

BB: Jasmin Wagner. Und mich natürlich. Leute, singt meine Lieder. (lacht)

Das Interview führten Stefan Henze und Heiko Nemitz.

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