laut.de-Kritik

Der Jungunternehmer will eine Titelstory im Manager-Magazin.

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"Mama, hab' gesagt, werden reich / Kauf' dir Gold und eine Villa in weiß". Granit Musa aka Azet hätte sicher schon früher mit den Bauplänen für das imposante Bauwerk angefangen, wenn die Justiz seinen ambitionierten Plänen nicht den Riegel wegen Drogenhandel und Körperverletzung vorgeschoben hätte. So kommt nun nach der EP das gleichnamige Debütalbum "Fast Life" mit reichlich Verzögerung in den Handel.

Die Vorgeschichte von Azet lässt düsteren Straßen-Sound wie in Frankfurt oder Hamburg erwarten, statt dessen gibt es liebliche Karibik-Klänge, entspannten französischen Trap und für den Pop-Hörer einen dreisten Rihanna-Rip-Off, der sich "Kriminell" nennt und an dem Hit "Work" von 2016 bedient. Die Belohnung für das Aufkochen eines zwei Jahre alten Songs: Platz 5 in den deutschen Charts. Die Erfolgsgeschichte, die schon mit KMN-Gang-Freund Miami Yacine und seinem Mega-Erfolg "Kokaina" begann, geht also weiter.

"80% der deutschen Rapper kopieren unseren Sound", behauptet die KMN-Gang. Bei den lyrischen Ergüssen sind die Überschneidungen sogar noch deutlicher: Bei mir läuft, die Jungs, das harte Ghetto, Gangtreue bis zum Tod. Die Fans wollen nicht mit Veränderung verschreckt werden, blindes Vertrauen in das Produkt ist der Garant für die Vorbestellung der Deluxe-Box. Versprochen ist eben versprochen, und wirklich keiner möchte seine Mutter enttäuschen.

In Sachen Dienst- und Wirtschaftsleistung ist Deutschrap eh längst zum Vorzeige-Business geworden, das schon lange nicht mehr nur in den bekannten Hip Hop-Mags stattfinden müsste. "Habe mit der Straße ein Millionen-Unternehmen" prahlt der aufstrebende Jungunternehmer Azet in "Überlebt" und empfiehlt sich direkt für eine Titelstory im Manager-Magazin.

Der Podcast zum Album bietet immerhin die Möglichkeit, mehr über das reale Leben hinter dem Image zu erfahren. Die Sichtweise auf das Leben im Vollzug und frühere Fehltritte deckt sich zwar fast mit der ständigen Selbstbeweihräucherung auf "Fast Life", lässt aber immerhin einen tiefer gehenden Einblick in die Gedanken und -Gefühlswelt der Privatperson Granit Musa zu.

Der Podcast ist aber nicht das Album, und Azet weit davon entfernt, ein begnadeter Storyteller zu sein. Rapper wie Haftbefehl machen mit einer interessanten Bildsprache das Faszinosum der kriminellen Parallel-Welt greifbar. Der Dresdner Proll-Rapper scheitert mit seinen eindimensionalen Sätzen wie "Bin derselbe, der ich immer war. Immer am rennen, wenn die Bullen kam'n" ("Rein Raus") eher kläglich. Im Copy & Paste-Verfahren wird einfach in jedem der 14 Songs ohne jegliches Augenzwinkern der gleiche öde Testo-Kult abgehandelt.

Die Produktion von DJ A-Boom mag handwerklich den internationalen Standards genügen, aber langweilt schnell durch das Recyclen von chartsorientierten Pop- und Trap-Sounds von vorgestern. Die fehlende Lust auf Innovation und auch keine erkennbare Selbstreflexion schüren jedenfalls wenig Hoffnung auf Erfolg im Long Life. Vielleicht doch lieber auf die Finca in Mallorca als auf die weiße Villa sparen.

Trackliste

  1. 1. Fast Life
  2. 2. QA Bone (feat. RAF Camora)
  3. 3. Gjynah
  4. 4. Villa In Weiss
  5. 5. 9 Milly
  6. 6. Milleu 2
  7. 7. Kriminell (feat. Noizy und Zuna)
  8. 8. Rein Raus (feat. Miami Yacine)
  9. 9. So Lange Die Straße Lebt (feat. Zuna)
  10. 10. Ketten Cartier
  11. 11. Wer Will Mitfahren (feat. Zuna)
  12. 12. Mama
  13. 13. Überlebt
  14. 14. Wir Hatten Nix (feat.Nash)

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3 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Hätte mir mehr Straßensound wie noch auf der EP gewünscht. N paar Bretter, die richtig in die Fresse gehen a la "Kopf schrott" so ist es einfach nur enttäuschend und für mich bisher die Enttäuschung des Jahres. 2/5 gehen in Ordnung, wenn man bedenkt, dass vllt außer Qua Bone nicht ein einziger Hit drauf ist.

  • Vor einem Jahr

    klingt hingerotzt. Nicht mal die Beats sind gut.

  • Vor einem Jahr

    Ich mag Azet und das ganze KMN-Camp

    Das Album beginnt durchaus solide bis sehr stark, gegen Ende gibts vermehrt Filler. Es hätte aber durchaus stärker sein können, gerade nach der überzeugenden EP

    Der Track mit Miami Yacine ist bockstark, ob ein "Kriminell" irgendwo abgekupfert ist...scheissegal solangs so gut klingt und auch ein Zuna liefert, mit Raf ist momentan alles Gold und auch der Beatwechsel bei "Villa in Weiss" ist ansprechend