laut.de-Kritik

Stöbert an den äußeren Rändern von House und Techno.

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Ob nun advanced, intelligenter Techno, IDM oder weiß der Kuckuck, in welche Schublade man ihr künstlerisches Schaffen auch stecken möchte – Autechre spielen in ihrer eigenen Liga. Als Pioniere experimenteller elektronischer Musik sind sie allen anderen einen Schritt voraus und nahezu unerreicht was die Perfektion ihres abstrakten Sound-Designs bzw. ihrer Programmierungstechniken angeht. Nachfolgende Epigonen wie V.L.A.D. mühen sich vergeblich. Sind Autechre, etwa ein verführerisches, sogar Ehrfurcht gebietendes Enigma?

Oberflächlich betrachtet erscheint ihre Musik als eine von außen unbeeinflusste, reichhaltige und abgeriegelte Welt von Klängen, die sich selbst genug ist und nur den Zwängen ihrer eigenen inneren Logik folgt. Sie scheint mehr ein Produkt aus dem Labor zu sein. Generiert mit Hilfe von Mikroprozessoren ist sie weniger etwas für den Dancefloor, sondern für Hirn und Synapsen gedacht. Das charakteristische Erscheinungsbild von Autechre ist von kollabierenden diametralen Klangmustern, schmelzenden Wellenformen und unheilschwangerem, digitalem Klimpern gekennzeichnet. Zugleich lässt sich eine gewisse, wenngleich zart-spröde Schönheit in ihrer Musik festmachen; eine flüssige, fremde Exotik, die gleichermaßen eine wissenschaftliche und eine sinnliche Seite hat.

Autechres mittlerweile achtes Studioalbum macht da keinen großen Unterschied. Es ist ein dichtes, elegant mitteilsames Werk, das sich durch epileptisch, rhythmische, gegeneinanderlaufende Patterns und komplexe und manchmal kaum wahrnehmbare Melodiezellen auszeichnet. Mit ihren immensen tektonischen Verschiebungen und dem messerscharfen Knacken ist es mit Gletschern vergleichbar, die sich bewegen.

"Untilted" besticht durch eine vergleichsweise rohe, fast schon greifbare Direktheit. Zu spüren bei "LCC", dessen dumpf klatschende Beats wie Peitschenhiebe wirken. Oder "Pro Radii": Dank eines rauen Widerhalls und perkussiven Lärms ist es neben "Augmatic Disport" das wohl stürmischste Stück der Platte. Dagegen geriert sich das geradezu muntere "Fermium" für Autechres Verhältnisse eingängig, während "Iera" und "The Trees" sorgfältig an den äußersten Rändern von House und Techno stöbern. Ja, weit draußen. Autechre halt.

Trackliste

  1. 1. LCC
  2. 2. Ipacial Section
  3. 3. Pro Radii
  4. 4. Augmatic Disport
  5. 5. Iera
  6. 6. Fermium
  7. 7. The Trees
  8. 8. Sublimit

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