laut.de-Kritik

Ab in die Matrix, immer am Möbiusband entlang.

Review von

Autechre veröffentlichen mit "SIGN" ihr erstes Album in Standardlänge seit "Exai" von 2013. Dass sich seitdem einiges, aber nicht alles geändert hat, hört man der LP an. Sean Booth und Rob Brown graben darauf beharrlich in die Tiefe, driften vielleicht etwas mehr in Richtung Ambient als bei ihren vorherigen Langspielern.

Schon seit einigen Jahren schreiben die beiden ehemaligen B-Boys ihre Musik mithilfe der Software Max/MSP, verwenden grafische Patches, um ihre Ideen umzusetzen. Das passt wunderbar zum texturierten, glitchigen Charakter, den schon der wunderschöne Opener "M4 Lema" aufweist. Von Hardware-Nostalgie ist hier keine Spur, naturalistisches In-Die-Ferne-Schweifen, wie es bei den Label-Kollegen von Boards Of Canada an der Tagesordnung steht, ist nicht, Autechre erforschen mit "SIGNS" einmal mehr die Matrix.

Das verdeutlichen auch die chiffrierten Namen der Tracks, die der Musik keinerlei Erwartungen oder Assoziationen voranstellen, und, wenn man im Warp-Spektrum bleibt, in der Aphex-Twin-Ecke zu verorten sind. Das klinische "F7" bildet mit seinem ungemein vollen Klangbild und scharfen Synths keine Ausnahme, verzichtet allerdings durchweg auf Beats.

Uferlose Mengen von Skizzen, halbfertigen Tracks und Patches befinden sich auf den Festplatten der beiden Legenden, die sich von eher obskuren Tracks in den Neunzigern (etwa dem Debütalbum des Duos) zur radikalen Entledigung sämtlicher Konventionen bewegen. Das erklärt auch, warum die "elseq"-Serie von 2016 in fünf Teilen mehrere Stunden an Material zusammentrug.

Umso schwieriger muss der Auswahlprozess für ein Album mit moderater Spielzeit gewesen sein; dieser ist dem Duo, das das Label der Intelligent Dance Music relativ entschieden ablehnt, aber meisterlich gelungen. Nach "si00", das mit unstetem Rhythmus aufwartet, fährt "esc desc" wieder ausgefranste Synths auf, die wie Eisberge aus der trägen Oberfläche ragen und direkt an Bass-Kaskaden grenzen.

Überhaupt: Die Klangvielfalt dieses Albums sucht ihresgleichen. "au14" schleppt sich unter Ächzen und windigem Pfeifen mit schiefem Drumming wie Kafkas Gregor Samsa unters Bett, während "Metaz form8" im Anschluss das Andächtige ins Binärsystem holt. Die offensichtlichen Wechsel zwischen flächigen Ambient-Tracks und stahlkühlem Armchair-Techno passen da nur ins Bild: "SIGN" klingt einerseits feinst kalkuliert, erreicht andererseits aber immer noch dieses überbordende Potenzial geistiger Katharsis, das Raver*innen seit Jahrzehnten den Comedown erleichtert.

Mit dem Möbiusband, das sich in die Riege sinnbildlicher Autechre-Artworks einreiht, haben Booth und Brown zudem ein perfektes Symbol für ihren Sound gefunden. Als Hörer*in dreht man sich durchaus im Kreis – doch immer anders, ohne Anfang und Ende. Halt, wenn man diesen überhaupt sucht, gibt in diesem großartigen Album einzig das szenische "psin AM", das tatsächlich im gleichmäßigen 4/4-Beat dräuend pulsiert.

Trackliste

  1. 1. M4 Lema
  2. 2. F7
  3. 3. si00
  4. 4. esc desc
  5. 5. au14
  6. 6. Metaz form8
  7. 7. sch.mefd 2
  8. 8. gr4
  9. 9. th red a
  10. 10. psin AM
  11. 11. r cazt

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