laut.de-Kritik

Bombast gefällig?

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Nicht bloß mit ihrem Albumcover greifen Architects nach den Sternen. Die Tage als Metalcores Darlings sind längst vorbei, inzwischen bespielen die Briten kompetent Venues wie die Royal Albert Hall. Parallel zu dieser Entwicklung wurde auch das Songwriting immer großformatiger. Mittlerweile wähnt man sich im Soundtrack eines Blockbusters. "For Those That Wish To Exist" eröffnen Architects mit einem Klangteppich aus Electronics, Bläsern und Streichern. Bombast gefällig?

Im Vorfeld hörte man, die Band habe sich große Sorgen gemacht, wie die Experimente auf dem neuen Album bei den Fans ankommen würden. "Ich dachte, wir würden dafür geschlachtet werden", erinnert Sam Carter bei Kerrang! zum Beispiel an die Aufnahmen der dritten Single "Dead Butterflies". Aber auch: "Nach dem Recording dachten wir uns: 'Fuck it, jetzt können wir alles machen.'"

So drastisch wie das klingt, geraten die Änderungen allerdings bei weitem nicht. Alle vermeintlich neuen Elemente, über die sich mancher Urfan zunächst aufregen wird – angefangen bei griffigen Riffs, die mehr nach einfachem Modern Metal, manchmal sogar nach Industrial ("Animals") klingen als nach der komplizierten Fingerakrobatik alter Alben, über Synthschwaden und aufwendigere Postproduktion bis hin zur orchestralen Dimension der Arrangements – waren bereits auf dem Vorgänger von 2018 angelegt. Nur rücken sie jetzt stärker in den Fokus. Den Bezug zum früheren Schaffen stellt die Band dabei aber stets her – nicht nur musikalisch, sondern auch lyrisch. Schon mit seinem ersten Satz schlägt Sänger Carter offensichtlich die Brücke zu "Holy Hell": "No tree can grow to heaven / 'Til its roots reach down to hell".

Gleichzeitig dient die Zeile als Indiz für die thematische Umorientierung nach "Holy Hell". Die Menschheit, so der Tenor, muss wohl erst ganz unten ankommen, bevor sie kapiert, dass sie sich mächtig in die Scheiße geritten hat. Nach dem durch den Tod Tom Searles sehr persönlich ausgefallenen "Holy Hell" widmen sich Architects auf "For Those That Wish To Exist" wieder großen Gesellschaftsthemen: Existenz, Klimawandel, Umwelt, Diskussionskultur, Glaube vs. Wissenschaft. Man kennt das von ihnen, die Umsetzung gelang allerdings wohl noch nie so scharf.

Die Komposition der Lyrics passt zu den übergroßen Themen. Religiöse Referenzen strahlen Erhabenheit aus, Architects beschwören 'Armageddon', 'Goliath', 'Demi Gods' und 'Angels with anhedonia'. Mit ausdrucksstarken Wortbildern und fordern sie immer wieder Reaktionen vom Hörer. "Where were you when the Gods clipped the wings of the Phoenix?", fragt Carter in "Black Lungs", und in "Discourse Is Dead": "Do you really think Christ was a capitalist?" Übrigens stammen die Texte nicht von Sänger Carter selbst, sondern von Drummer und Konzeptleiter Dan Searle.

Musikalisch gerät die Scheibe leider nicht ganz so pointiert. Das liegt vor allem auch daran, dass sie mit 15 Tracks zu lang ausfällt. Vier, fünf Nummern könnten locker rausfliegen ohne Verlust von stilistischer Varianz und Aussagekraft. Zu den Fillern gehört unter anderem das von Parkway Drives Winston McCall veredelte "Impermanence". Brutale Shouts und aggressive Gitarren blasen zwar erstmal gut den Kopf frei, schon bald entpuppt sich das Gerüst jedoch als sehr dünn, und die Band versucht mit noch mehr Shouts und zu dick aufgetragenen Engelschor-Synths einfallsloses Songwriting zu kaschieren. Wenn McCall im letzten Drittel den Breakdown Molotow wirft, hat das weit mehr von zweckdienlichem Fanpleasing als echtem Mehrwert.

Weitaus gelungener gerät der Gastauftritt von Simon Neil (Biffy Clyro). Dessen "Goliath" sticht als Highlight hervor. Hier greifen die verschiedenen Zahnrädchen in Architects' Sound reibungslos ineinander: spannendes Drumming, bretthartes Riffing, catchy Alternative Pop Vibes in den Melodien, Ambient-Einsprengsel und Sub Bass als Würze. Mittig läutet ein schwer zu beschreibender, aber gerade deshalb sehr prägnanter Produktionseffekt einen unheilvollen Part ein, der so ähnlich auf The Oceans Urzeitepos "Phanerozoic" hätte stehen können, bevor der Song in kathartischen Screams mündet. Sahne.

Die teils schon während eines Livestream Events im Winter 2020 in der ehrwürdigen Londoner Royal Albert Hall vorgeführte Opulenz kommt am besten im Doppel "Discourse Is Dead"/"Dead Butterflies" zur Geltung. Ersteres walzt mit synth-beladenen Intro und fettem Low-End ein, was später auch den hymnischen Refrain prägt. Zwischendurch springt das Quintett mit Anlauf zurück in die Metalcore Krippe. So machen Breakdowns Spaß.

"Dead Butterflies" legt im Anschluss mit Bläsern und Streichern noch eine deutliche Schippe Epik obendrauf. In reinen Metalclubs wäre dieser Song deplatziert. Das Stück muss in große Hallen und tausende Kehlen gleichzeitig. Zwar schielen Architects hier stellenweise arg gen Bring Me The Horizon (sowohl die süßlich genuschelten Strophen als auch die weltumarmenden Hooks könnten 1:1 so von Oli Sykes stammen), ohne ganz deren Pop Appeal zu erreichen. Eigenständigkeit bewahren sie trotzdem, was unter anderem daran liegt, dass Dan Searle trotz kompaktem Song-Feel recht komplexe Figuren auffährt und seine Bandkollegen durch unerwartete Wendungen treibt.

Abgesehen davon sind die echten Highlights aber rar gesät. Das Royal Blood Feature "Little Wonder" fügt dem Architects Kosmos immerhin noch ein paar neue (überraschend lockere) Facetten hinzu. Die Singles "Animals" und "Black Lungs" gehen angenehm ins Ohr, sind aber alles andere als essenziell. So ergibt "For Those That Wish To Exist" ein künstlerisch ambitioniertes, im Ansatz sogar begeisterndes Werk, das auf voller Länge trotzdem weniger eindrucksvoll ausfällt als die pompöse Oberfläche zunächst vorgaukelt.

Trackliste

  1. 1. Do You Dream Of Armageddon
  2. 2. Black Lungs
  3. 3. Giving Blood
  4. 4. Discourse Is Dead
  5. 5. Dead Butterflies
  6. 6. An Ordinary Extinction
  7. 7. Impermanence
  8. 8. Flight Without Feathers
  9. 9. Little Wonder
  10. 10. Animals
  11. 11. Libertine
  12. 12. Goliath
  13. 13. Demi God
  14. 14. Meteor
  15. 15. Dying Is Absolutely Safe

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5 Kommentare

  • Vor einem Monat

    Leider furchtbar enttäuschend für eine Band dieses Kalibers. Es gibt gute Ansätze und Ideen, aber im Endeffekt hat man doch die eigenen Stärken gegen einen recht generischen Modern Metal-Sound eingetauscht. Zu viele Effekte, zu viel Postproduktion und zu wenig Originalität, geschweige denn Substanz. Ich hab tatsächlich schon jetzt genug von der neuen Platte. Schade.

  • Vor einem Monat

    Also ich kann mich da nur dem oben geschriebene Kommentar anschliessen...ich höre Architects seit dem Lost Forver Album und finde die auch Live ziemlich genial. Aber schon anch den ersten Single Releases kam bei mir Skepsis auf ob das auf Albumlänge was wird...und leider muss ichn sagen: nein.
    Die Ansätze sind vorhanden und die Lieder ganz nett - nur ist halt nett die kleine Schwester von Scheisse. Es bleibt kaum ein Song hängen - zumal auch kein richtiger Kracher dabei ist. Wirklichn schade...

  • Vor einem Monat

    Es stimmt schon dass, anfangs, nicht besonders viel hängen bleibt. Auch war ich, nach Holy Hell, beim ersten Hören der neuen Scheibe etwas entäuscht. Nach mehreren Hördurchgängen, muss ich allerdings sagen dass mir die Platte immer besser gefällt: "Black Lungs", "Discourse is Dead", "Giving Blood", "Little Wonder" und "Animals" sind m.M. nach starke Songs...

    Leider muss die Live-Premiere wohl noch warten.

  • Vor einem Monat

    Jetzt folgt die typische Core-Kommerzphase, in der man gerade noch kreativ genug an die Sache herangeht, um nicht als Ausverkauf zu geltem.

  • Vor 30 Tagen

    Ich bin dann wohl dieser Mainstream an den sich die Band mit dem Album anbiedert, konnte bisher nichts mit denen Anfangen aber das Album mag ich! Heimliches Highlight: Simon Neil beim rumschreien!
    Naja vielleicht geb ich den älteren Alben doch nochmal eine Chance.