laut.de-Kritik

Selbstbewusstes Debüt von der mädchenhafteren Pink.

Review von

"Jeder soll meine Songs kennen und sie lieben", erklärt Anne-Marie ihren persönlichen Anspruch und verbindet im selben Atemzug ihren Aufstiegswillen mit einer spielerischen Kampfansage an die Konkurrenz: "Nehmt euch in Acht!" Dabei offenbart ihr Debütalbum "Speak Your Mind" nicht nur Talent, sondern auch das Potenzial für eine eigene Nische im hart umkämpften Pop-Geschäft. Die Britin ist weit von der gottgleichen Aura einer Beyoncé entfernt. Auch mit dem sexualisierten Bubble-Gum-Pop à la Katy Perry lässt sie sich nur bedingt vergleichen. Eher ähnelt sie einer mädchenhafteren Pink, nur ohne Reviermarkierung und Motorrad-Stunts.

An Selbstbewusstsein mangelt es Anne-Marie nicht. In der Single "Alarm", die ihren internationalen Durchbruch markierte, überführt sie ihren Freund des Seitensprungs ("I know what's happended here in our bed / Your phone is buzzin', so pick it up") und schießt ihn aus Selbstrespekt umgehend in den Wind: "I'm better than this, I know my worth." Mit ihrem zweiten Hit "Ciao Adios" bleibt sie dieser Linie treu. Anflüge von Eifersucht ("There's lipstick on your collar") wischt sie rasch beiseite, um schnellstmöglich ihre Souveränität wiederzuerlangen: "Ciao Adios, I'm done!"

Überhaupt dekliniert Anne-Marie von Schwärmereien aus der Distanz ("Can I Get Your Number") über Grabenkämpfe ("Trigger") bis zur retrospektiven Betrachtung ("Cry") sämtliche Liebes- und Beziehungsstadien durch. Wenn sie dann noch zu Akustikgitarre und Fingerschnippen die Magie des "Summer of 2002" beschwört, avanciert "Speak Your Mind" endgültig zum Soundtrack der Pubertät. Bei nicht von Frühnostalgie befallenen Millennials oder älteren und entsprechend abgeklärteren Semestern überschreiten jedoch einige Beiträge wohl eher die Grenze zur Telenovela.

Als zweifellos reifster Song erweist sich "Then", in dem sie die Geschichte einer Beziehung umreißt, die an den selbstzerstörerischen Eigenschaften ihres Partners scheitert ("I stood by your side, and pulled you away from your fire / Again and again and again / I should have known fire would win"). Die tiefe Melancholie verliert sich zwar mitunter im etwas überzogenem Pathos ("Once I would have died for you"), dennoch verkörpert Anne-Marie mit bebender Stimme glaubhaft ihre Trauer.

Die Fähigkeit, ihre Geschichten in dieser Form stimmlich umzusetzen, hängt mit ihren Erfahrungen im Musiktheater zusammen. Interessante Betonungen nehmen dabei einen hohen Anteil am Ohrwurmniveau ihrer Songs ein. Während sie den "Alarm" adäquat sirenenhaft umsetzt, schwingt sich ihr Organ in "Heavy" in luftige Höhen auf.

"Friends" steigt mit spanischem Akustikgitarren-Flair ein. Während auf der inhaltlichen Ebene ihr auf ein amouröses Abenteuer spekulierender Bewunderer unbarmherzig gefriendzonet wird, verdrängt EDM-Produzent Marshmello auf der musikalischen Seite die romantische Gitarre durch Synthie- und sogar G-Funk-Elemente.

"Speak Your Mind" erweist sich zusammengefasst als sauber produzierter Radio-Pop, der etwas an Mutlosigkeit krankt. Abgesehen von "Perfect", das ganz im Stile Lady Gagas zu mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit dem eigenen Körper aufruft ("I'm OK with not being perfect, 'cause that's perfect to me"), zieht sich die Künstlerin ganz ins Private zurück.

Zwar befindet sich Anne-Marie noch nicht in der Position einer Taylor Swift oder Helene Fischer, deren Positionslosigkeit regelrechte Verärgerung hervorruft, aber dennoch stünde einer lebhaft jungen Sängerin, die sich selbst explizit als politisch bezeichnet, der eine oder andere Themensong durchaus gut zu Gesicht - zumal dies ihr Albumtitel geradezu einfordert.

Trackliste

  1. 1. Cry
  2. 2. Ciao Adios
  3. 3. Alarm
  4. 4. Trigger
  5. 5. Then
  6. 6. Perfect
  7. 7. Friends (mit Marshmello)
  8. 8. Bad Girlfriend
  9. 9. Heavy
  10. 10. 2002
  11. 11. Can I Get Your Number
  12. 12. Machine
  13. 13. Breathing Fire (Deluxe Edition)
  14. 14. Some People (Deluxe Edition)
  15. 15. Used to Love You (Deluxe Edition)
  16. 16. Peak (Deluxe Edition)
  17. 17. Rockabye (mit Sean Paul) (Deluxe Edition)

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