laut.de-Kritik

Von der Jägerin zur Gejagten: Die Britin lässt jeden Schutzschild fallen.

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Ein reguläres Album muss heutzutage in möglichst vielen Formen verwurstet werden. Eigentlich stellt sich nur die Frage, wie. Als Deluxe Edition mit vier neuen Tracks, die beim ersten Durchlauf noch zu mies waren? Ein Remix-Werk? Oder doch als heruntergefahrene Akustikversion? Wie vor ihr schon St. Vincent auf "MassEducation" entscheidet sich Anna Calvi für Letzteres. Die Jägerin wird zur Gejagten, "Hunter" zu "Hunted".

Für den ganzen Longplayer reichte es dann aber doch nicht. Drei Songs bleiben auf der Strecke, nur sieben übrig. Dafür reichen sich auf diesen mit Julia Holter, Charlotte Gainsbourg, Courtney Barnett und Joe Talbot von Idles namhafte Gäste die Klinke in die Hand. Doch viel Platz lässt ihnen Calvi nicht. Sie bleibt die auptdarstellerin.

Für "Hunted" lässt die Britin jeden Schutzschild fallen, den sie vorher zwischen sich und die Zuhörerschaft errichtet hat. Dabei orientiert sie sich an den alten Demo-Aufnahmen und kitzelt so aus den bereits bekannten Liedern ganz neue Emotionen heraus. Als wolle sie den Fokus noch mehr auf ihre Aussagen über Feminismus und Gender legen, befreit Calvi einige ihrer bisher besten Stücke von unnötigem Krimskrams und zieht die Hörer*innen noch näher an sich heran. Bei der atmosphärischen Überarbeitung blieben nur E-Gitarren und vorsichtige Bassläufe übrig. Hier und da schaut kurz ein Synthesizer vorbei.

"Don't Beat The Girl Out Of My Boy" kommt ganz ohne 1980er-Lametta aus, lässt das vorher charakteristische "Dubidubidubdü" erst am Ende kurz erklingen. Die theatralische Seite, das krachende Schlagzeug und die aufdringlichen Keyboards des Originals finden den Tod unter Barnetts brutalem Gitarrenspiel (so viel zur Theatralik). Die Stimmen der beiden Sängerinnen gehören zusammen wie Matsch und Hund. Alleine schon für diese mit so viel mehr Energie geladene Version lohnt sich "Hunted".

Faszinierend, wie viel Dynamik und Wut in diesem reduzierten Album steckt. Das Aufeinandertreffen von Talbot und Calvi in "Wish" platzt nahezu vor Zorn und Spannung. Als lehnten sie sich gegen das auf "Hunter" nahezu aufgeräumt wirkenden New Wave-Lied auf, lassen sie nur wenig von diesem übrig. Nur der Verlust des herrlichen Gitarrensolos des Originals schmerzt etwas.

Das viel rauere "Hunted" führt näher an Anna Calvi heran und fügt dem bekannten Werk ganz neue Perspektiven hinzu: In den meisten Fällen stellt es die gelungenere und spannendere Alternative dar.

Trackliste

  1. 1. Swimming Pool (Hunted Version)
  2. 2. Hunter (Hunted Version)
  3. 3. Eden (Hunted Version)
  4. 4. Away (Hunted Version)
  5. 5. Don't Beat The Girl Out Of My Boy (Hunted Version)
  6. 6. Wish (Hunted Version)
  7. 7. Indies Or Paradise (Hunted Version)

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