27. Juni 2011

"Ich kann Mark Chapman verstehen"

Interview geführt von

Ein wunderschöner sonniger Tag im Prenzlauer Berg in Berlin. Ich treffe den liebenswürdigen Andreas Dorau ("Das ist Demokratie"). Er ist zweifelsohne einer von den guten Menschen. Das weiß man einfach, wenn man die Lieder des Künstlers hört und seine Videos dazu sieht.In der Bürogemeinschaft von Mute und Domino werde ich sehr nett empfangen. Ambiente und Einrichtung lassen auf ein gemütliches und entspanntes Interview hoffen. Andreas Dorau hat ein neues Album, das heißt "Todesmelodien". Warum es zu so einem düsteren Titel kam und warum der "Fänger im Roggen" und der Mörder von John Lennon eine Rolle dabei spielt, erzählt der Hamburger bei einem leckeren Kaffee und ein paar genussvollen Zigaretten. Gleich zu Beginn stelle ich immer meine ultimative Einstiegs-Frage:

Was war deine erste Liebe?

Andreas Dorau: Oh, äh, meinst du das jetzt im Großen ...

Ganz allgemein. Da wurden schon die unterschiedlichsten Antworten gegeben. Das kann musikalisch sein ...

Ja, ja, ich überlege gerade. Können wir die später vielleicht noch mal aufgreifen (lacht)?

Sehr gerne. Besitzt du noch deine allererste Single?

(Hier hatte ich eigentlich an seine eigene Veröffentlichung gedacht, "Der lachende Papst" von 1981. Andreas hat es anders verstanden, was gar nicht schlimm ist und eine schöne kleine Anekdote mit sich bringt. Der Papst kommt aber später auch noch.)

Nein. Also, bei uns an der Ecke, ich bin ja in Hamburg geboren, gabs einen Fernsehhändler. Der hatte so einen kleinen Pappkarton mit Singles, und da hab ich meine ersten Singles gekauft, aber besitzen tu ich die nicht mehr. Ich habe meine Plattensammlung mehrmals verkauft und wieder neu gekauft.

Und was für Singles waren das?

Beatles, eine Fourtrack-EP

Besitzt du denn noch deine eigene erste Single "Der lachende Papst"?

Ja, die hab ich dann aber auch irgendwann mal nachgekauft.

"Fred vom Jupiter" deine darauffolgende NDW-Hit-Single ... hast du überhaupt noch Lust darüber zu reden?

Ich hatte ehrlich gesagt noch nie Lust darüber zu reden (lacht).

Aber vielleicht hast du ja Lust, kurz zusammenzufassen, wie du die Neue Deutsche Welle damals erlebt hast ...

Also, Musikmachen ging bei mir so los. Meine Schwester ist in unserer Familie eigentlich die Musikalische. Ich hatte Blockföten und Gitarrenunterricht. Bin aber bei neun Gitarrenlehrern rausgeflogen wegen Nichtübens. Der letzte sagte dann: "Du hast ja wieder nicht geübt" und dann zeigte er mir sein 4-Spur-Gerät und fragte: "Du willst doch Musik machen?" Und ich nickte. Und damit meine Mutter nicht mehr die Gitarrenlehrer bezahlen musste, fing ich an, Stücke auf der 4-Spur aufzunehmen.

Und darunter war dann auch "Fred vom Jupiter"?

Ach so, genau, zur gleichen Zeit hab ich das Musikmagazin Sounds gelesen (Sounds war eine in den 60ern gegründete deutsche Musikzeitschrift. Ende der 70er lag der inhaltliche Schwerpunkt auf Punk- und New-Wave-Musik. Sounds gilt als wichtiges Medium für die Neue Deutsche Welle mit Autoren wie Alfred Hilsberg, Dietrich Diederichsen und später auch Andreas Dorau). Da gab es halt Artikel über verschiedene Leute, die Singles gemacht haben. Ich habe dann Alfred Hilsberg auch irgendwann kennengelernt und ihn so lange mit meinen Stücken gequält, bis er nachgab und ich meine erste Platte dort veröffentlichen durfte. Das war aber, bevor das Wort Neue Deutsche Welle überhaupt auftauchte - man muss dazu sagen, dass "Fred vom Jupiter" erst nach einem Jahr ein Hit wurde. Da gab es eben diese Neue Deutsche Welle noch gar nicht. Also, ich unterscheide ja zwischen Neue Deutsche Welle und NDW. Das hat ein Journalist mal ganz gut erklärt. Sounds hat den Begriff Neue Deutsche Welle geprägt. Und später nannte man es dann NDW und dazu gehörten Markus, Hubert Kah und so was, und damit hatte ich nie was zu tun.

Also Neue Deutsche Welle war dann ...

... experimentelle deutschsprachige Musik.

"Der Fänger im Roggen? Ein furchtbares Buch"


Kommen wir zu deiner neuen Platte "Todesmelodien". Da sieht man dich auf dem Cover mit dem Buch "Der Fänger im Roggen" von J. D. Salinger und "Double Fantasie" von Yoko Ono und John Lennon. Warum gerade diese Auswahl?

Erst mal, ja, ich bin das auf dem Cover, aber es geht gar nicht darum, dass ich das bin. Das Foto soll Mark Chapman (den Mörder von John Lennon) darstellen, wie er vorm Dakota Building auf John wartet. Es könnte auch sein, dass er ihn schon erschossen hat. Die Idee ist, da das Album ja "Todesmelodien" heißt, die Minuten vor oder nach dem Tod berühmter Musiker darzustellen. Also so eine Art Fotoserie, in der es eben um die paar Minuten davor oder danach geht. Und das ist eben der wartende Mark Chapman vor dem Gebäude. Und er hatte, glaube ich, um 17 Uhr sich "Double Fantasie" unterschreiben lassen und wollte ihn dabei schon erschießen, war dann aber so erschrocken über die Freundlichkeit von John Lennon, wartete dann noch, und um 22h hat er ihn dann erschossen. Und das Buch "Der Fänger im Roggen" hat ihn ja dazu getrieben, das zu machen.

Ah, das ist interessant. Wusste ich so auch noch nicht.

Furchtbares Buch. Ich hab das Buch mal mit 27 Jahren gelesen. Also sehr spät erst und es hat mich total mitgenommen. Ich kann das Buch nicht ausstehen und find das total gefährlich.

Ich kann mich an die Einzelheiten kaum noch erinnern, weil wir das damals in der Schule gelesen haben ...

Ich würde gerne wissen wie es auf mich gewirkt hätte, wenn ich es als Jugendlicher gelesen hätte. Aber so hat es mich auf eine komische Art mitgenommen. Ich stimme mit dem Buch überhaupt nicht überein.

Ich kann mich erinnern, dass ich es damals gut fand.

Zur Vorbereitung auf die Interviews habe ich noch mal rein gelesen und tatsächlich kann ich es sogar verstehen, warum der verwirrte Chapman ausgerechnet John Lennon erschossen hat. Also, diese Suche nach Wahrheit, und wer ist ein Betrüger. John Lennon, der ja sozusagen seine eigene Person verleugnet hat, damit kam Chapman nicht zu Rande.

Inwieweit kann man denn den Hauptprotagonisten im Buch Holden Caulfield mit John Lennon vergleichen bzw. wo sah Chapman sich?

Chapman sah ja in sich zwei Personen. Einmal Evil und eben Holden Caulfield. Und Holden Caulfield war für ihn das Reine, das Gute und machte so 70% seiner Person aus. Dann gab es eben noch das Schlechte, den Evil. Chapman sagte ja auch von sich, dass er Holden Caulfield sei, so hatte er teilweise auch unterschrieben, und Caulfield hat nicht John Lennon erschossen, sondern das Böse in Chapman, also die 30 Prozent. Und danach hat Holden Caulfield wieder übernommen.

(Da bekommt man eine Gänsehaut. Ganz schön düster, was da hinter Doraus "Todesmelodien" steckt. Da wechseln wir doch gleich mal das Thema...)

Das Cover-Artwork der Single "Größenwahn" ist ja eine eindeutige Hommage an "Blumen und Narzissen", eine Single von Die Doraus und die Marinas aus dem Jahr 1981. Hat das was mit deinem 30-jährigen Jubiläum zu tun?

Also, Jubiläen sind ja grundsätzlich Scheiße, und es handelt sich ja auch nicht um eine gängige Singleveröffentlichung, die noch weitere Tracks enthält. Wir wollten einfach nur ein Stück in die Welt raus pusten und dazu brauchst du irgendeine Abbildung. Und da gab es halt diese Idee. Es hat keine weitere Bedeutung.

Wie lange hast du am Album gearbeitet?

So zwei Jahre, allerdings habe ich nicht am Stück gearbeitet. Immer mal wieder zwischendurch.

Weil du sonst noch viele andere Sachen machst ...

Ja, Video Consulting. Ich habe Film studiert, aber in erster Linie kümmere ich mich um Musikvideos.

Wird es zur Platte auch wieder Clips geben?

Ich habe zwei gedreht, die sind nur noch nicht fertig.

Wie definierst du Pop?

Ich weiß gar nicht. Den Begriff Pop find ich ehrlich gesagt auch schon veraltet. Ich könnte den jetzt allerdings nicht mit was anderem ersetzen. Klar könnte man Andy Warhol mit Popart jetzt nennen, aber ich bin gar nicht so ein Fan von dem Wort Pop. Pop umfasst ja nicht nur die Musik, sondern ein öffentliches Begehren von vielen Dingen.

Gibt es denn für dich den ultimativen Popsong? Robbie Williams nenne ich da ja immer ganz gerne.

Ja, Robbie Williams ist ein gutes Beispiel für Pop, weil ja eben die ganze Person vermarktet wird. Oder Lady Gaga, weil ja bei denen das Musikstück gar nicht das Entscheidende ist, sondern da wird eine Person, eine Anschauung oder was weiß ich vermarktet. Musik ist nur ein Teil der Auswertungskette.

Du wurdest oder wirst ja auch immer in eine der Pop-Schubladen gesteckt.

Ja, diese Genres halt. Da ich keinen Dub-Step oder so was mache, wird dann von Pop gesprochen. Aber mittlerweile habe ich mich damit arrangiert.

"Ich fand die Idee, nach dem Tod ein Diamant zu sein ganz toll"


Es gibt auf deiner neuen Platte den Song "Edelsteine". Was hat es damit auf sich?

Ich hab mal einen Artikel gefunden über eine Frau, die verklagt wurde, weil sie die Asche ihres Sohnes zum Diamanten hat pressen lassen.

Ach, das hört sich aber eigentlich ganz schön an ...

Das ist aber verboten, wegen Leichenschändung oder was das ist. Ich fand die Idee, nach dem Tod ein Diamant zu sein, aber ganz toll. Eine Erhöhung nach dem Tod sozusagen, selbst wenn man nur wenig Karat hat (lacht).

Ja, das klingt wirklich ganz schön. Und das ist in Deutschland passiert?

Ja, das ist hier verboten. Ich weiß nicht, ob man in Amerika oder anderen Ländern freier damit umgeht. Könnte mir vorstellen, dass es irgendwo erlaubt ist. (In der Schweiz ist es zum Beispiel möglich: http://www.sncweb.ch/dossiers/diamant.htm). Interessant wäre dann auch wiederum, wenn man sich im Ausland zum Diamant pressen lässt, ob man den Stein dann überhaupt in Deutschland im Haus haben darf?!

Ich werde das mal recherchieren. Die Idee ist sehr romantisch. Du hattest damals viel Kontakt zur Kölner Elektronik-Szene? Da gab es das Liquid Sky und da gibt es jetzt in Berlin wieder eine Clubreihe ...

Gemastert habe ich ja mit dem Cem von Air Liquide, und der meinte, dass Ingmar Koch (ebenfalls Teil des Kölner Elektro-Duos Air Liquide) in Berlin jetzt einen Club oder so betreibt. In Köln fand ich das ja immer faszinierend, wenn man zum Beispiel als Engländer nach Köln kam und man konnte ja dort eigentlich gar nicht ausgehen. Da gab es ja keinen Club, wo es tolle Partys gab.

(Oh, da muss ich als kölsches Mädchen aber mal gleich in die Verteidigung gehen ...)

Naja, da gab es ja schon Partys, vielleicht nicht so viele wie in Berlin oder Hamburg ...

Ja, da gab es dann das Studio 672 oder so … ein total langweiliger Club. Wenn ich mir vorstelle, ich sei jetzt Musik-Tourist und würde nach Köln kommen und denke da passieren die aufregenden Dinge… da wäre ich aber sehr enttäuscht gewesen. Man denkt ja, so viele Produzenten in einer überschaubaren Stadt, da muss es doch einen Ort geben, wo die Musik abgefeiert wird. Aber den gab es halt nicht.

Ok, Themawechsel. "Ausruhen" heißt ein Titel auf deinem Album. Wo und wie entspannst du am liebsten?

Auf dem Sofa und dabei Fernsehen gucken. Ich zappe viel und schaue am liebsten Dokus, aber nicht diese Reality-Sachen. Vor ein paar Jahren habe ich nächtelang Serien ("Lost", "Mad Men", "The Wire") im Netz gesucht und musste eine Folge nach der nächsten ansehen. Aber da bin ich wieder ein bisschen raus.

Hat Natalie Portman für "Black Swan" wirklich den Oscar verdient?

Freunde wollten mit mir den Film gucken, aber ich werde mich weigern, den Film zu gucken. Bäh.

Vielen fanden den ja gut. Ich fand ihn richtig Scheiße.

Ich mag Natalie Portman auch nicht besonders. Und Ballett auch nicht so unbedingt.

Du bist jetzt auch bei Facebook, allerdings noch nicht so lange?

Nee, dazu bin ich auch überredet worden (lacht). Und ich betreibe die Seite auch nicht selber.

So ganz kann man sich diesem sozialen Netzwerk ja auch nicht entziehen.

Es war ehrlich gesagt eine blöde Situation. Es gab die Option entweder eine Seite zu gestalten, aber Webseiten macht man ja nicht mehr, oder eben Facebook. Und zum Glück gibt es da ja diese Seiten, wo man nicht antworten muss.

Na, ab und zu wird da aber schon reagiert ... und immer gerne "gefällt mir" geklickt.

Also, alles was da passiert ... Ich habe nichts damit zu tun. Die, die diese Seite betreuen und beobachten, können da ganz frei schalten und walten (grinst).

Aber du schaust da ja schon ab und zu mal vorbei, oder?

Ja, und bin ganz erstaunt, dass mich da noch keiner angemault hat…

Kommt vielleicht noch, so bald das Album raus ist ...

(Alle lachen)

Den kann ich dann aber auch schnell rausfischen ...

Gut, Facebook ist also nicht so dein Ding ...

Nein.

Diesmal hast du wieder viele Gäste. Wer hat denn bei "Todesmelodien" alles mitgemacht?

Die Hälfte der Stücke habe ich mit Mense Reents (Ein Teil des Hamburger Elektro-Duos Die Vögel) gemacht und die andere Hälfte mit Tim Lorenz (auch bekannt als Tim "Superdefekt" Lorenz, begleitet Andreas live am Laptop). Gemischt hat das dann alles zusammen Andi Thoma (Mouse in Mars).

Und mit den Gastsängern bzw. Sängerinnen ergibt sich dann immer so, weil man sich kennt? Zum Beispiel singt ja Francoise Cactus von Stereo Total bei "Schwarz, Rot, Gold" mit.

Ja, genau. Das ergibt sich. Und bei dem Stück wollte ich halt von Anfang an im Refrain eine weibliche Stimme. Und dann passte das hervorragend, vor allem weil die Zeile mit ihrem Akzent noch mal ganz anders wirkt. Das gibt dann noch mal sozusagen einen ganz anderen Subtext. Das hatte ich vorher gar nicht so bedacht, dass durch ihren Akzent die alte Feindschaft zwischen Frankreich und Deutschland da noch mal so mitschwingt.

Wovon handelt das Stück "Stimmen in der Nacht"?

(Kurze Pause) Moment, das muss ich mir kurz noch mal ins Gedächtnis holen (summt ein wenig vor sich hin). Ich hatte das Stück schon fertig und hatte es Inga (gemeint ist Inga Humpe) vorgespielt und sie fand es feige von mir, dass ich ja die Frage nicht beantworte, was die Stimmen in der Nacht letztendlich der Person mitgebracht haben. Ich hatte mich eigentlich nie festgelegt, ob es jetzt ein Traum ist oder eine Person, die nicht schlafen kann. Am Ende gibt es ja dann diese Computerstimme, die dann Dinge aufzählt, verschiedene Deutungsmöglichkeiten, die die Stimmen in der Nacht, der Person zum Beispiel mitgebracht haben bzw. was diese Visionen der Person sein könnten. Sowohl positiv, als auch negativ.

Und du bist auch eher jemand, der schlecht schläft?

Ich habe enorme Schlafstörungen, ja.

Und jetzt versuche ich es noch mal mit der ersten Frage. Weißt du jetzt was deine erste Liebe war?

Also, ohne mich jetzt verweigern zu wollen, aber ich wüsste nichts. Ich hatte jetzt kein prägendes Erlebnis (... überlegt noch mal ...)

Ok, du musst dich jetzt nicht quälen.

Es ist jetzt nicht so, dass ich nicht irgendetwas zugeben will, aber mir fällt partout nichts ein.

Das macht nichts. Ok, Dann war es das. Vielen Dank und viel Spaß noch.

Danke auch.

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