laut.de-Kritik

Derart bieder vorgebracht nähert Progrock sich dem Schlager.

Review von

Wie die Ouvertüre zu einer Oper oder der Score zu einem Trickfilm hört sich der Einstieg in "The Secret" an. Erst nach knapp zwei Minuten wird gerockt – kurz. Viel mehr führt Alan Parsons mit Mitteln der Klassik wie Streicher-Pizzicato, Vibrato und Trillertönen genau das auf, was man mit dem Soundtrack zu einer Verfolgungsjagd verbindet. Tatsächlich verpflichtete der Künstler ein Hollywood-Orchester für dieses Instrumental.

Parsons, der in den 70er Jahren Gedichte von Edgar Allan Poe vertonte, kauft man Brückenschläge zu anderen Kunstformen, von Malerei über Film bis Theater mühelos ab. Das Image-Problem des Mannes war immer seine persönlich langweilige Ausstrahlung in Kombination mit der Zähmung und Verbiederung des ProgRock. Nach fast 15 Jahren Pause setzen sich auf dem neuen Album die Fehler von früher fort: Wo Rockfans erwarten, dass sich aufgebaute Spannung entlädt, bleibt Parsons soft und glatt gebügelt. Schlager-Niveau ist dort nicht fern, wo der Gast Jason Mraz brav trällert: "Show me a miracle / I wanna beliiiiiie-(ve) / Show me a miracle / show me the real meeeeee / Give me a miracle". Leider kommt das so an, als würde ein verspäteter Abklatsch von 80er-Phil Collins-Nummern mit den Boygroup-Künsten von Savage Garden & Co. aus der Jahrtausendwende verwurstet.

Die Stimme von Alan Parsons selbst fehlt in den meisten Tracks. Schade, denn "As Lights Fall" singt er angenehm. Er klingt jung geblieben. Auch kann der Titel sich als solider Akustik-Pop blicken lassen, ohne so hingebogen zu wirken, wie man es einigen Kompromissen des weiteren Albumverlaufs vorwerfen muss.

Ein Titel sticht als seltsam und zugleich interessant heraus: "One Note Symphony". Ausdruckslos wie ein Roboter klingt Todd Cooper darin als Vokalist, ungefähr so wie die Megaphon- und Maschinen-verzerrten Stimmen auf "Yellow Submarine" von The Beatles oder "Mr Roboto" von Styx. In der Tat baut Parsons dieses Stück sogar 'symphonisch' auf. Als Mehrteiler aus einer Art Expositions-Sonate, dann dem Refrain, einem instrumentalen Teil 2, dem Teil 3 mit Vocoder-verzogenen Stimmfetzen, wieder Refrain und dann Synthie-Maschinen-Loops, als einer Art Finale. So füllt der Track seine fünf Minuten als reichhaltiges Kunstgebilde zum Hinhören. Hier funktioniert das Prinzip Spannung / Entspannung gut, bedient sich Parsons doch erfolgreich der Struktur 'Schnell-Langsam-Mittelschnell-Schnell' einer Sinfonie.

Die Ballade "Sometimes" mit Ex-Foreigner-Frontmann Lou Gramm enttäuscht dagegen als nichts sagender, fast schon peinlicher Griff in die Pathos-Kiste. Das inbrünstig vorgetragene "The Limelight Fades Away" klingt - im Sinne von Harmonielehre - einfach falsch und verstimmt. Gastsänger Jordan Huffman scheint hier eine Demo-Aufnahme für Schlager-Casting abzuliefern, aber angenehm und melodiös tönt das nicht. Es irritiert als aufgesetzte Gefühlsduselei. Schade ist das vor allem deshalb, weil Schlagzeug und Gitarren hier einen guten Job machen und mehr krachen als in all den anderen Nummern. "Soirée Fantastique" eiert als Soft-Rock-Pop mit sehr gutem Arrangement, macht jedoch einen bemühten, starren Eindruck. Ein gewisser Mark Mikel, ehemals The Pillbugs, entwirft auf "Fly To Me" einen ganz vertretbaren McCartney-Imitatversuch.

Seicht in der Melodie und glitschig im Text übersteigt "I Can't Get There From Here" das erträgliche Maß an Süßlichkeit ohne Story ("And we can't go anywhere / As long as we're still standing on this road that leads nowhere / Touch the sky / If you don't, when you grow old / You'll wonder why / You did just what you were told / No one will cry for you / If all you do / Is long to fly". Die Freizeitsoziologie sagt, dass es grob unterteilt drei Sorten von Menschen in Deutschland gebe: Die einen wollen Action und Spaß, die zweiten Freiheit und Selbstentfaltung und die dritten Harmonie und vertrautes Terrain. Vermutlich macht Parsons ausschließlich Musik für die dritte Fraktion. "The Secret" ist teilweise 'ganz nett', doch auch irgendwie steril, mit eher mittelguten Lyrics, mit nur wenigen explosiv-befreienden Momenten, und fürs Albumformat mit einem gravierenden Mangel an Konsequenz und Stimmigkeit. Viele verkopfte Ideen ergeben noch keine Vision, sondern nur eine Skizzensammlung.

Umso dicker trägt die Vermarktung auf, High Definition, Deluxe, Zusatz-DVD, Box-Set mit T-Shirt (aber nur in einer Größe), limitierte Versionen, Surround-Sound, Poster und haste-nicht-gesehen. Ein paar gute Songs wären eine schöne Grundlage für so viel Klimbim. Im Jahr 1976 machte Alan Parsons etwa "(The System Of) Doctor Tarr And Professor Fether" und überhaupt eine tolle LP, voller Druck, Schwingung, Pfiff. Die neue Platte heischt Lob und strengt an. Sie gibt jedoch nichts Erinnernswertes zurück außer technischer Perfektion: Keinen Ohrwurm, keinen roten Faden (warum der LP-Titel "The Secret"?), kein Augenzwinkern. Die Scheibe wirkt humorlos und unsympathisch.

Was dann am Ende wirklich als Anspieltipp über bleibt, ist der lockere, gleichwohl schwermütige Barjazz-Rock in "Requiem", der ein bisschen an Joe Jackson erinnert. Wer zuckrige Balladen mit Saxophonsolo mag und gerne ins Taschentuch heult, sollte "Years Of Glory" aufdrehen. Der Titel hat zwar auch eine gehörige Portion übertriebene Dramatisierung abbekommen, rührt aber mit dem filigran und sensibel singenden PJ Olsson doch an. Olsson tourt auch mit Parsons, und so kann man für die Konzerte im Juni 2019 von mehr Substanz ausgehen, als ihn diverse Gesangsvorträge auf der insgesamt dürftigen Platte bieten.

Trackliste

  1. 1. The Sorcerer's Apprentice
  2. 2. Miracle
  3. 3. As Lights Fall
  4. 4. One Note Symphony
  5. 5. Sometimes
  6. 6. Soirée Fantastique
  7. 7. Fly To Me
  8. 8. Requiem
  9. 9. Beyond The Years Of Glory
  10. 10. The Limelight Fades Away
  11. 11. I Can't Get There From Here

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9 Kommentare mit 22 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Man kann ja die musik gut finden oder nicht. Ich bin auch als langjähriger APP-Fan sehr ambivalent, was die Güte der Stücke angeht. Ich persönlich finde auch "As Lights Fall" am besten.
    Es ist aber doch wohl nicht zu viel verlangt, von einem Rezensenten zu verlangen, das offensichtliche Thema des Albums "Magie" zu recherchieren und zu erkennen. Das zum "roten Faden", der fehlt. Zwischendurch das Album gehört, skip, skip, Rezension hingerotzt, fertig! Dann lieber lassen.

    • Vor 2 Jahren

      "Zwischendurch das Album gehört, skip, skip, Rezension hingerotzt, fertig!"

      Na ja, aber du musst ja auch Verständnis für die Rezensenten aufbringen. Nach dem morgendlichen Tequila und dem Mittagsjolly müssen die halt weinend ihre Existenz als "Journalisten" kontemplieren, bevor es zum AA-Treffen geht. Da bleibt nicht immer Zeit, sich schlechte Musik gewissenhaft anzuhören.

    • Vor 2 Jahren

      "Es ist aber doch wohl nicht zu viel verlangt, von einem Rezensenten zu verlangen, das offensichtliche Thema des Albums "Magie" zu recherchieren und zu erkennen."

      Und dann?

    • Vor 2 Jahren

      Na ja, was ich jetzt kritisieren würde ist, dass die Rezension jetzt nicht unbedingt nach 1/5 klingt, aber ansonsten habe ich jetzt nicht das Gefühl, dass die Musik nicht angehört wurde. Was es jetzt helfen würde das Thema zu recherchieren ist mir allerdings auch nicht so ganz klar, ist der Inhalt dünn bleibt er es auch mit eventuellem Kontext.

    • Vor 2 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Jahren

      Wenn das mal nicht nach Verschwörung riecht!

    • Vor 2 Jahren

      War zunächst verwundert darüber, dass du dich über ne eigentlich solide Rezi so echauffierst. Der Mann muss frustriert sein, mein erster Gedanke, aber warum? Dann dein Avatar gesehen...

    • Vor 2 Jahren

      Ach nö, am HSV liegt das nicht ;-) Ich hab mir den Verein nicht ausgesucht und bin leidensfähig.

      Es würde helfen, zu recherchieren, damit man dann nicht den fehlenden rotenden Faden kritisiert. Den muss ein Album ja gar nicht haben, aber wenn es den hat, sollte man das auch wissen, wenn man den sucht.
      Wie schon geschrieben, musikalisch nicht unbedingt das Gelbe vom Ei!

  • Vor 2 Jahren

    Mittlerweile ist es nicht nur auffällig, sondern schon eher nervig, dass ein Laut-Rezensent die Musik, welche bewertet werden soll, nicht versteht, bzw. wohl eher nebenher mal reingehört hat.
    Dass es möglich ist, eine Rezension zu schreiben, selbst wenn man kein großer Fan ist, sieht man auf anderen Seiten oder Magazinen. Und hier geht es mir nicht um "gut oder schlecht".

    • Vor 2 Jahren

      Na ja, es ist aber auch auffällig, dass das unter jeder negativen Review steht, als wäre das immer der Grund warum die Bewertung schlecht ausfällt.

    • Vor 2 Jahren

      Ich hab schon viele negative Reviews (natürlich auch hier) gelesen, die ich persönlich nicht nachvollziehen kann. Das ist ja auch völlig o.k. Mehr liegt es daran, wie man schreibt.

    • Vor 2 Jahren

      Laut, oder einige laut-Redakteure, haben das (nicht ganz unberechtigte) Selbstbild, das Feuilleton des Musikjournalismus zu sein. Aus dieser Arroganz heraus werden einigen Alben tatsächlich nicht mehr wirklich angehört und trotzdem verrissen - in den meisten Fällen aber leider völlig zurecht.

  • Vor 2 Jahren

    Parsons war doch nie wirklich gut, sondern eigentlich ziemlich schlecht. Banal, schwülstig und schlageresk. Von den paar bekannten Tracks mal abgesehen. Auf den BBS wurden die Alben ja fast alle zerrissen. :D

    http://www.babyblaue-seiten.de/index.php?c…

    Vielleicht sollten die Fanboys da mal empörte Mails hinschreiben.

    • Vor 2 Jahren

      Einspruch.
      BBS sind ein Auffangbecken für prätentiöse wannabe-Musik-Conoisseure - also keine brauchbare Referenz. Alan parsons war eher immer schon hoch geschmacksanhängig, nicht mehr und nicht weniger.

    • Vor 2 Jahren

      "BBS sind ein Auffangbecken für prätentiöse wannabe-Musik-Conoisseure - also keine brauchbare Referenz."

      Du nennst Menschen, die sich mit Musiktheorie auskennen und das auch in die Rezensionen miteinfließen lassen, Wannabes? Ich lese so etwas lieber als die dreihundertste Rezension auf Schülerzeitungsniveau. Von daher halte ich deine Behauptung, die Seite stelle keine brauchbare Referenz dar, für unwahr.

    • Vor 2 Jahren

      Naja, sich mit Musiktheorie auskennen und prätentiös sein schließen sich halt leider nicht aus - und da bleib ich auch bei. Vielleicht hab ich das ein wenig zu absolutistisch formuliert und relativiere dahingehend, dass einige Rezensenten dort zu elitären und prätentiösen Musikbewertungen neigen.

    • Vor 2 Jahren

      Lies dir mal die Rezensionen von N. Brückner zu Steven Wilson durch. :D

    • Vor 2 Jahren

      Alter, ich breche.
      Genau solche Vollhonks meinte ich oben... :-D

    • Vor 2 Jahren

      Musiktheoretiker...genau. Deswegen sind Frauenärzte auch grundsätzlich immer die besten Liebhaber. Is klar.

    • Vor 2 Jahren

      Also mich interessiert schon, wo jetzt der kompositorische Unterschied zwischen Genesis und Genesis-Klonen liegt und das kann man eben nur herausfinden, wenn man Ahnung von Musik hat. Der Großteil will eben nur lesen, ob Musik geil ist und man dazu abrocken kann. Ähnlich wie, dass stümperhaftesten Musiker immer die erfolgreichsten sind und die Virtuosen nicht. Der Mensch neigt zur Mittelmäßigkeit.