laut.de-Kritik

Musikalische Karthasis des stillen Freundes der Rock-Prominenz.

Review von

Lange neun Jahre liegt das Solo-Debüt "Spark" von Alain Johannes zurück und was damals stimmte, hat leider auch heute noch Bestand: Der Mann ist zu wenigen bekannt und wird ständig nur im Schatten derer erwähnt, für die er schon auf der Bühne oder im Studio stand. Neben den Queens Of The Stone Age sind das unter anderem PJ Harvey, Chris Cornell und die Arctic Monkeys. Mit der dritten Platte "Hum" hat der Amerikaner nun ein Album aufgenommen, das an diesem Umstand nicht viel ändert. Den zehn Stücken merkt man zwar an, dass sie für Johannes wichtig sind, sie übertragen das aber nur selten auf den Hörer. Das passt zum Hintergrund der Entstehung.

Nach einem Aufenthalt in Europa kam Johannes Ende 2019 zurück in die USA und wurde schwer krank. Pneumonie, akute Bronchitis und starkes Fieber fesselten ihn ans Bett, zwischenzeitlich hatte er Wasseransammlungen in seiner Lunge. Die Situation wurde so ernst, dass Johannes teilweise bezweifelte, den nächsten Tag zu erleben. Gedanken, die er im Song "If Tomorrow Comes" verarbeitet: "If morning comes / I will kneel to the sun / A silent prayer in your name / And carry on". Es plagten ihn in dieser Zeit zusätzlich die Verluste seiner verstorbenen Frau Natasha Shneider und seines guten Freundes Cornell, an dessen Solo-Debüt "Euphoria Morning" das Ehepaar 1999 mitgearbeitet hatte. Mehrere Monate dauerte es, bis er die Krankheiten überstanden hatte. "Hum" wirkt nun wie der letzte Schritt im Genesungsprozess. Eine Katharsis, die vor allem für den Erkrankten heilsam ist.

In nur 12 Tagen hat der Multiinstrumentalist die zehn Stücke aufgenommen, in sehr wenigen Takes. Da gibt es nicht viel Politur, eher Intuition und Spontaneität. Dieses Pure ist die eine Seite, auf der anderen steht Johannes' großer Fundus an Inspiration. Im Titeltrack zum Beispiel trifft kehliger, gehauchter Gesang, der an Josh Homme denken lässt, auf an Nick Drake erinnerndes Gitarrenspiel und die Harmonik von Elliott Smith. "Hallowed Bones" erinnert an das Gezupfe des Gitarren-Virtuosen Bert Jansch. Harmonium und Schamanentrommeln verleihen dem Song einen altertümlichen Anstrich. Ebenso wie der Closer "Finis" verliert sich das Stück aber irgendwann in seinem mittelalterlichen Klang, ohne Spannung zu erzeugen. Beeindruckend dennoch, wie Intuition hier insgesamt auf Inspiration trifft. Viele Stücke sind dadurch allerdings nicht so leicht zugänglich.

Das Album baut auf akustischen Gitarren auf, die das Fundament jedes Titels bilden. Mal sind das filigrane Zupfmuster wie in "Free", an anderer Stelle drahtige Gitarren-Riffs, etwa im mantra-artigen "Sealed". Der Blues-Titel entwickelt mit schweren Drone-Sounds im Hintergrund einen düsteren Sog und bricht am Ende mit einem Fuzz-lastigen Solo auf. Schmerz und Verlust sprechen auch aus dem abstrakten Text: "I can feel it moving / Way down deep it's crawling / And my name it's calling / It's calling". Ähnlich verführerisch ist das hektische "Nine", das ein Drum-Computer antreibt. "Someone" ist ganz auf Gitarre und Gesang reduziert und bietet den schönsten Refrain des Albums, auch wenn die Lyrics im Kontrast erstaunlich trist wirken: "It's you / Turning the sign around / You holding the strings above / You making it harder still / Pretending it's my will".

Mit all den Klang-Referenzen und Sound-Hommagen wirkt das Album so am Ende auch wie das Werk eines Gitarren-Aficionados für andere Gitarren-Aficionados, die vornehmlich über die verwendeten Instrumente und Spieltechniken reden. Dass die Songs trotz dieser Eindrücke häufig mitreißen, zeugt vom Talent des 58-jährigen Musikers.

Trackliste

  1. 1. Mermaids' Scream
  2. 2. Hum
  3. 3. Hallowed Bones
  4. 4. Someone
  5. 5. If Morning Comes
  6. 6. Free
  7. 7. Sealed
  8. 8. Here In The Silence
  9. 9. Nine
  10. 10. Finis

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1 Kommentar

  • Vor einem Monat

    Schön, dass das hier eine Rezi bekommt. Die Vorabsongs hatten mich nach einmaligem Überhören noch nicht so ganz mitgerissen und mein erster Eindruck scheint sich da mit der Rezi auch halbwegs zu decken. Spark war allerdings ein wundervolles Kleinod, von daher werde ich hier auch sicherlich noch einmal einen ausführlicheren Lauscher riskieren.