laut.de-Kritik

Mumien-Bastelkurs im Wunderland der Worte.

Review von

"Nothing here is what it seems." Diese Warnung hätte Aesop Rock seinem Album auch voran stellen können. "Paranormal weather, mysteriously disappearing bees, not to mention the collateral delirium it breeds."

Andererseits: wozu? Wer sich auf diesen Mann einlässt, tut dies entweder nicht zum ersten Mal und weiß also bereits um den lyrischen Irrwitz, der ihm blüht. Oder es handelt sich um einen Frischling in Aesop Rocks Wunderland der Worte, dem man den Sturz in den Kaninchenbau ohnehin nicht ersparen sollte. Die Erfahrung, den eigenen Geist willenlos den Stromschnellen seines Flows zu überantworten, ist jede Verwirrung wert.

Worüber zum Teufel rappt der Kerl? Keine Ahnung, daran ändern auch die fürsorglich mitgelieferten Texte nichts. Der einzige Track, bei dem ich auf Anhieb zumindest eine blasse Vorstellung entwickle, worum es gehen könnte, birgt die Herstellungsanleitung für ... äh, ja ... eine Katzenmumie. Ich hege den höchst lebendigen Verdacht, dass (außer Aesop Rock selbst, und darauf würde ich auch allenfalls zögerlich wetten) kein Mensch auf dem Erdenrund kapiert, worum es wirklich geht.

So lange seine zügellos sprudelnden Zeilen einen Nerv treffen, wirres Assoziations-Domino anstoßen und in utopische Universen entführen, in denen untote Orks durch Algenteppiche rudern, brauche ich keine eindeutige Textauslegung. Technik, Rhythmusgefühl, Einfallsreichtum, opulenter Wortschatz und eine überbordende Phantasie entschädigen um ein Vielfaches.

"You wanna see a genome mutate?" Gut möglich, dass die Strahlkraft der verzwirbelten Worte allein ausreicht, um irreparable Schäden anzurichten. "Bzzzt! Motherfuckin' bzzzt! Bzzzt!" Wenig zweidimensionale Texte verlangen entsprechende Beats: Aesop Rock produziert sich diesmal seine apokalyptischen Kulissen komplett selbst. So verspiegelt, vertrackt und verwinkelt wie seine Worte fallen die Instrumentals aus.

Häufig stehen die Drums im Zentrum, klingen - beispielsweise in "Cycles To Gehenna" - wie geschichtenschwangere Buschtrommeln. "Crows 1" schwirrt heran wie ein hungriger Heuschreckenschwarm, bringt morbiden Kinderreim-Singsang mit, ehe Trommelschläge die Szenerie schreddern. Im Geäst klettert munter ein wunderbarer Basslauf herum. In "Crows 2" hängen pfeifende Obertöne über dem knarrenden Grundton, Scratches verpassen der Nummer einen Hauch Oldschool-Attitüde.

Aesop Rock flicht hier eine Ahnung von Funk, da homöopathisch angedeutete Dosen Reggae ein, nur um in "Racing Stripes" wieder den Eindruck zu erwecken, er habe den Mitschnitt einer Radiosendung aus den 60ern gesamplet. Die wie ein Gedicht rezitierte, haarsträubend beklemmende Story in "Ruby 81" flankiert kein Stückchen weniger haarsträubender, sich stetig intensivierender, bis an die Schmerzgrenze verdichtender Sound. Braver Hund!

Mit seinem akustischen Mahlstrom liefert Aesop Rock den Soundtrack zur Plattentektonik, zerbröselt Pangäa in kleine Stückchen. "Anything less would be ri-goddamn-diculous." Zugleich der fromme Wunsch: "I mean I guess it matters to me, I wish it mattered to you." Tut es.

Bei aller Düsternis, allen in die Welt entsandten Schlangen, Fröschen, Krustentieren, dem Lohn für den Fährmann und sich selbst zerstörenden Memos, lässt Aesop Rock einem nämlich die Hoffnung: "When they ask how you feeling you tell 'em you feeling like something important died screaming / You tell 'em you feeling like something even more important arrived breathing / Something you should probably try feeding."

Trackliste

  1. 1. Leisureforce
  2. 2. ZZZ Top
  3. 3. Cycles To Gehenna
  4. 4. Zero Dark Thirty
  5. 5. Fryerstarter
  6. 6. Ruby '81
  7. 7. Crows 1
  8. 8. Crows 2
  9. 9. Racing Stripes
  10. 10. 1,000 O'Clock
  11. 11. Homemade Mummy
  12. 12. Grace
  13. 13. Saturn Missiles
  14. 14. Tetra
  15. 15. Gopher Guts

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