laut.de-Kritik

Adel vernichtet.

Review von

Nirvana, Rage Against The Machine, Prince, Jimi Hendrix, The Prodigy, Guns N' Roses, Rio Reiser, Depeche Mode, Advanced Chemistry und selbst Bros haben Adel Tawil zu seinem Titelstück "Lieder" inspiriert. Im Aufbau Weezers "Heart Songs" mehr als ähnlich, bastelt der ehemalige Ich + Ich-Sänger aus den einzelnen Zeilen der zitierten Tracks sein eigenes Stück zusammen. "Ich war willkommen im Dschungel / Und fremd im eigenen Land / Mein persönlicher Jesus / Und im Gehirn total krank." Wie allerdings jemand mit einem solchen musikalischen Hintergrund seine eigene Musik dermaßen von jeglichen Ecken und Kanten befreien kann, wie Adel Tawil auf seinem Solo-Debüt, bleibt mir ein Rätsel.

Vor die Nummer eins der Charts hat der liebe Gott nun einmal die Nummer sicher gesetzt. So singt sich Tawil durch dreizehn gleichförmige Liedchen. Jeden Refrain trägt der Sänger breitarmig und voller Pathos vor, wirkt dabei aber befremdlich steril und kreidebleich. Textlich beackert er Allgemeinschauplätze, in denen sich jeder und niemand wiederfinden kann. Ohne zu berühren, fließen die Tracks auf "Lieder" vorbei. Wirkliche Emotionen kommen nur in seltenen Zufallsmomenten auf.

In "Unter Wasser" zeigt Tawil, was so unter der Wasseroberfläche hinter Nenas Leuchtturm abgeht. Vasili gibt ein Ping, Synthieflächen beschwören die 1980er. Derweil rechnet der ehemalige Boygroup-Sänger mit seinen bitteren Erfahrungen nach der The Boyzs-Trennung ab. Ein Lied über Depressionen und die aufbauende Hilfe seiner heutigen Frau. Doch das Wasser scheint zwischen prosaischen Durchhalteparolen und ungetrübtem, vorhersehbarem Aufbau nur fußhoch. Wer zudem bei dem ewigen "Ich sinke, ich sinke"-Mantra nicht mindestens einmal an den alten "What are you thinking about?"-Gag des Berlitz-Werbespots denkt, hat diesen einfach nur noch nie gesehen.

"Graffiti Love / Graffiti Love / Stille Mauern sagen zu dir / Ich liebe dich." Zusammen mit Humpe & Humpe will das Dorferdmännchen in "Graffiti Love" den Stadtaffen mimen. Einzig die tippelnde Keyboard-Linie im Refrain versprüht ein wenig Reiz. Mit dem im Pressetext versprochenen urbanen Hip Hop hat das jedenfalls nur wenig gemein. Nur, weil jemand eine Dose richtig herum halten kann, wird aus ihm noch lange kein Banksy.

Den kontrastarmen Beats von "Aschenflug", in dem sich Tawil selbst zum Hookmäuschen degradiert, hilft auch das groß angekündigte Aufeinandertreffen von Sido und Prinz Pi nicht. Sobald der jüdisch-orthodoxe Reggae-Künstler Matisyahu als erster auf "Lieder" vom Malen-nach-Zahlen-Prinzip abweicht, reißt ihm Adel Tawil die Leinwand aus der Hand und streicht mit grobem Pinsel einen aufdringlichen Refrain über das fragile Bild. Der interessante Weltmusik-Ansatz weicht im nächsten Moment einer Bewerbung für die nächste Ferrero Küsschen-Werbung. "Komm wir bring'n die Welt zum Leuchten / Egal, woher du kommst / Zuhause ist da wo deine Freunde sind / Hier ist die Liebe umsonst." Adel vernichtet.

Erst in der zweiten Hälfte von "Lieder" rappelt sich Tawil noch einmal zusammen. Wie saurer Regen triefen seine ausnahmsweise treffenden, bitteren Worte auf ein packendes Gitarrenriff hinab. "Herzschrittmacher" funktioniert als mitreißender Pop-Song mit angedeutetem Balkan-Beat. Wäre da nur nicht wieder dieser Text. "Ohne Dich könnt' ich all das nicht tragen / Ohne Dich hört mein Herz auf zu schlagen / Du machst mich wach und wacher / Du bist mein Herzschrittmacher / Und mein Herz schlägt mein Herz." Doch mit dem schrecklich kitschigen "Schnee", mit dem er sich endgültig zwischen Silbermond, Christina Stürmer, den Rosenstolz-Resten, Nena und Unheilig einreiht, erstickt er jede positive Tendenz im Keim.

Im Grunde empfinde ich Adel Tawil zwischen vielen aufgeblasenen Stars und Sternchen als sympathisch. Um so enttäuschender, mit seinem Solo-Debüt nur ein unbeseeltes Produkt in die Hände zu bekommen. Ich kann mir jederzeit vorstellen, mich mit ihm durch die "Lieder", die alten Klassiker, die Bowie-Platten und Bros-Maxis, zu wühlen und die Musik gnadenlos abzufeiern. Nur eben nicht seine eigene.

Trackliste

  1. 1. Immer Da
  2. 2. Wenn Du Liebst
  3. 3. Lieder
  4. 4. Weinen
  5. 5. Unter Wasser
  6. 6. Kartenhaus
  7. 7. Aschenflug
  8. 8. Zuhause
  9. 9. Herzschrittmacher
  10. 10. Graffiti Love
  11. 11. Auf Sand Gebaut
  12. 12. Schnee
  13. 13. Dunkelheit
  14. 14. Neujahr

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16 Kommentare mit 25 Antworten

  • Vor 7 Jahren

    Leute...aber ECHT jetzt...ihr müsste es überhaupt erst mal Soooo weit bringen,wie er...er hat eine TOP stimme...nen guten text...er singt DEUTSCH...mir hat schon ich und ich gut gefallen...und seine songs lösen VERDAMMTE GEFÜHLE aus...

    Jeder hat seine eigene meinung...aber lasst es sein mit den BESCHEUERTEN KOMMIS wie halbaffe und so...

    Kommt...und macht es BESSER als er...und welcher sänger schreibt heutzutage schon seine texte selbst...??

    • Vor 7 Jahren

      Der Typ füllt Kreuzfahrtschiffe, ist ne lebende Legende, hat sich mal an seinem eigenen Schwanz aus dem Arsch eines Labels gezogen, ist der Spiegel des seichten Fahrwassers deutscher Seelenkahne und schafft es, kollektive Gefühlsregungen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu verbalisieren. Aus uns sprechen Neid und Wut über die eigene Unfähigkeit, es besser zu machen als er. Noch dazu hat der Autor den Künstler nicht verstanden, hört ganz offensichtlich privat ganz anderen Kram und ist offensichtlich ungeeignet für diese Rezension, denn sie ist gar nicht objektiv, und überhaupt: deutsche Künstler werden hier aus Prinzip schlechter bewertet, weil es einfach unpeinlicher ist, englisch zu singen.

    • Vor 7 Jahren

      Es gibt Kommentare, die können einem Tage retten :D
      Gruß
      Skywise

    • Vor 7 Jahren

      "Verdammte Gefühle" gefällt mir. Das sollte mal jemand als Liedtitel benutzen.
      Fürs Video stelle ich mir so ein Böser-Mönch-führt-kleines-Kind-an-der-Hand-über-nebligen-Friedhof-in-die-alte-verfallene-Kapelle-Gothic-Schwarze-Romantik-Ambiente vor.

    • Vor 7 Jahren

      Und dazu singt dann Andrea Berg in Strapsen...:ill:...diese VERDAMMTEN GEFÜHLE!

    • Vor 7 Jahren

      Helene Fischer in Strapsen würd ich mir gönnen.

    • Vor 7 Jahren

      Mir liegen solche chauvinistische Statements fern. Glaube aber, dass Andrea Berg in Print und Web extrem gestyled/gephotoshopped/geschminkt/geklebt wird und man für einen RL-Kontakt schon auf ein Übergangstadium von Milf->Gilf gefasst sein muss.

    • Vor 7 Jahren

      Huch, es ging um Helene, ok - da dürfte noch alles glatt sein und an der richtigen Stelle sitzen, das geht klar.

  • Vor 7 Jahren

    Hat schon einer darauf hingewiesen, wie merkwürdig das Album-Cover aussieht? Wie das Ankündigungsplakat von so einem indischen Scharlatan-Guru, der demnächst ein Eso-Seminar in der Stadthalle anbietet. Titel: "Der Meister kommt!"

  • Vor 6 Jahren

    Beinahe unter jeder Platte immer dieselben Miesmacher-Kommentare. Wie klein sind eure Schwänze eigentlich? Ich finde das Lied "Lieder" übrigens schön und den Text richtig gut. Und Adel ist ein netter Künstler.