laut.de-Kritik

Nicolas Jaar erobert den Dancefloor.

Review von

Schon seit ein paar Jahren geistern auf Youtube diverse Tracks von A.A.L. (Against All Logic) umher, die allesamt von Otherpeople veröffentlicht wurden. Das New Yorker Label, 2013 von Kritikerliebling Nicolas Jaar gegründet, bietet eine Plattform für experimentelle Musik jenseits der Konvention. Dass sich hinter A.A.L. und dem digitalen Release "2012 - 2017" jedoch der Maestro höchstselbst verbirgt, sickerte erst nach und nach durch.

Nach den komplexen und eigenwilligen Alben "Space Is Only Noise" und "Sirens" hätten wohl auch die wenigsten vermutet, dass die erstaunlich zügigen, Dancefloor-orientierten Tracks aus Jaars Feder stammen, dessen sonstige Releases doch eher im Zeichen von Askese, Reduktion und Entschleunigung stehen. Die Assimilierung ans Club-Milieu vollzieht sich aber selbstverständlich nicht auf profane Weise: Jaar hat auf der einen Seite zwar im weitesten Sinne ein House-Album geschaffen, verarbeitet in den Tracks aber derart viele musikalische Einflüsse, dass sich die Genregrenzen bis zum Bersten wölben.

Der Opener "This Old House Is All I Have" kommt beispielsweise im Funk-Gewand daher und basiert nicht nur lose auf Mike James Kirklands "Doin It Right" von 1973. Angesichts der üppig eingesetzten Samples über die komplett Spielzeit des Albums dürften sich Discogs-Spürhunde jedenfalls schon die Hände reiben.

"I Never Dream" im Anschluss setzt sich erst nach und nach zusammen und bildet in knapp sieben Minuten Jaars Stärken ab: Das Fundament aus rasselndem Lo-Fi-Drumkit weicht langsam hinter einem Klangteppich aus Sample und Synths zurück, der sich in perfekter Manier aufbaut, bevor der Track ins Rollen kommt. Mehr als eine Wiederholung dieses Prozederes in der Mitte des Stücks und einige Ausschmückungen gegen Ende braucht es nicht, um akustische Hochgefühle zu produzieren. Oder um es mit einem Youtube-Kommentar auszudrücken: "This is beautiful. For me A.A.L is the best thing on this label. I would love to know who the artist is. If you ask me, i think it is Nicolas Jaar just with another name."

Auch in "Some Kind Of Game" schichtet Jaar Lage um Lage aufeinander, bis plötzlich ein House-Track erster Güte zu Buche steht, der mit einem treibenden Klavier, abermals genialem Sampling und erfrischenden Drum Machine-Variationen punktet. "Hopeless" fängt im Anschluss trotz hohem Tempo ein geheimnisvolles, bedrückendes Ambiente ein, das beweist, dass Jaar jederzeit anders könnte, wenn er denn wollte.

"Know You" an fünfter Stelle ragt auf einem ohnehin mit Highlights gespickten Album noch mal heraus. Hochgepitchte Samples laden zum Tanz ein und erzeugen in Symbiose mit einem funkigen, spielerischen Beat vierminütige Glückseligkeit.

Sommerlich geriert sich auch "Such A Bad Way", das mit seinen luftigen Hi-Hats und dem relaxten 4/4-Housebeat unverhandelbar den Weg in das ein oder andere DJ Koze-Set finden muss. Lyrische Referenzen offenbart hingegen "Cityfade", das unter einem Jaar-typischen Klavier-Loop Fragmente aus Rilke-Gedichten rezitiert. Liest sich absurd, klingt abermals genial.

Beschlossen wird "2012 - 2017" vom Zehnminüter "Rave On U", der mit seinen Synthesizer-Grooves Erinnerungen an den Rave-Track "Swim" von 2015 weckt und eine geradezu hypnotische Wirkung entfaltet.

Trotz der verschiedenen Grooves und Einflüsse, der vielen Bläser- und Funk-Samples und Beats, die sich dem 4/4-Diktat nur in Ausnahmefällen ganzheitlich fügen wollen, hat Nicolas Jaar mit seinem Alter-Ego A.A.L. ein Album wie aus einem Guss geschaffen, das sich sämtliche Lobhudeleien vom Feuilleton bis zum Musikblog ehrlich verdient. Das verdeutlicht auch die Tatsache, dass es mit "Minnesota 999" der wohl stärkste Track unter Jaars Alias nicht mal aufs Album geschafft hat.

Trackliste

  1. 1. This Old House Is All I Have
  2. 2. I Never Dream
  3. 3. Some Kind Of Game
  4. 4. Hopeless
  5. 5. Know You
  6. 6. Such A Bad Way
  7. 7. Cityfade
  8. 8. Now You Got Me Hooked
  9. 9. Flash In The Pan
  10. 10. You Are Going To Love Me And Scream
  11. 11. Rave On U

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