17. Juni 2009

"Wir haben Heidi Klum nie getroffen"

Interview geführt von

Klar, Depeche Mode und die Pet Shop Boys gelten als die großen Überlebenden der Achtziger. Was aber wären die Pop-80er ohne A-ha-Hits wie "Take On Me" oder "The Sun Always Shines On TV"? Von den dazugehörigen Videos mal ganz zu schweigen ...Und jetzt das: Höchster Charteinstieg in Deutschland seit "Take On Me" mit der ersten Single vom neuen Album "Foot Of The Mountain". Ob das vor allem an der Weltpremiere des Songs beim Finale von "Germany's Next Topmodel" vor Millionen von TV-Zuschauern liegt? In welchem Verhältnis Morten, Magne und Pal wohl zu Heidi Klum stehen?

laut.de trifft Morten Harket im hochfeinen The Regent Hotel, Berlin-Mitte. Der in Beige gekleidete Sänger schaut noch ein wenig verpennt aus der Wäsche, schließlich haben wir gerade einmal 10 Uhr. Dass Morten aber in diesem Herbst 50 Jahre alt wird, ist mehr als unglaublich. Pop scheint tatsächlich jung zu halten. Am Vortag waren A-ha in Wien, dies sei nun das "first German interview on this trip", wie Morten erzählt. Na, da wird er uns einen etwas frecheren Einstieg sicher verzeihen ...

Seid ihr mit Heidi Klum befreundet?

Wir haben uns bei den Topmodels nicht einmal getroffen. Ich habe Heidi gar nicht kennen gelernt.

Gab es denn keine Aftershow?

Doch, doch. Wir mussten aber am nächsten Morgen wegen einiger Sachen sehr früh raus. Es war also nicht drin, dass wir noch lange da bleiben. Ganz zu Beginn der Aftershow haben wir einige Leute begrüßt. Aber Heidi haben wir nicht getroffen.

Wie war denn euer Auftritt bei den Topmodels. Ihr musstet ja in diesen engen, kleinen Boxen stehen ...

Das war doch cool!

Du sollst in einem Interview danach gesagt haben, dass ihr euch dabei ein wenig wie "Bullen" gefühlt habt?

Nein, ich wüsste nicht, dass wir das gesagt haben. Ich fand, das war wirklich ein cooles Setup. Es war lustig: Dass wir durch die Boxen voneinander getrennt waren, hatte einen umgekehrten Effekt. Es sah gar nicht separiert aus, im Gegenteil eher so, als wären wir wirklich eine Band. Eine gute Bühnenidee. Und ich hatte von da oben eine fantastische Aussicht. Die hätten eigentlich eine Kamera heraufbringen und von da das Publikum filmen sollen.

Einigen Fans von euch, die extra zum Finale gekommen waren, waren die Boxen zu weit weg, die konnten euch nicht richtig sehen.

Ja, das kann sein. Wenn man Erwartungen hat, begibt man sich selbst immer in eine verletzliche Position. Es ist besser, wenn man mit einem total offenen Geist kommt und einfach das genießt, was da ist. Wir Menschen haben generell die Tendenz, Erwartungen aufzubauen. Da muss auch ich dran arbeiten. Man sollte seine Erwartungen im Zaum halten, um einen wirklich freien Geist haben zu können. Das ist wichtig.

Apropos Erwartungen: In Deutschland musste sich die Topmodel-Show einige Kritik gefallen lassen. Zum Beispiel weil einige der Mädchen erst 16 sind und die Sendung falsche Erwartungen aufbaut, was eine tatsächliche spätere Karriere als "Topmodel" anbelangt.

Ich müsste die Kritik schon im Einzelnen sehen, um sie kommentieren zu können. Wenn man aber gutes Fernsehen zu irgendeinem Thema machen will, muss man sich auf bestimmte Aspekte konzentrieren. Man kann nicht alle Möglichkeiten abdecken. Immer wenn man etwas präsentiert, egal was, geht es auch um Reduktion. Das ist in der Kunst so, aber auch im Leben. Das gleiche gilt für Fernsehshows. Es wäre keine gute Show, wenn man das nicht machen würde. Ob die Kandidatinnen zu jung sind, ist dann wieder eine andere Frage. Wo liegt denn die Altersgrenze?

Die liegt wohl bei Sechzehn.

Ok, dann kommt es darauf an, dass dort auch Leute sind, die die Mädchen mental begleiten. Wenn ein Mädchen erst 16 ist, braucht es psychologische Unterstützung, einfach um damit klar zu kommen, dass man plötzlich im Fernsehen ist und erkannt wird. Das ändert das tägliche Leben komplett. Plötzlich sind sie etwas ganz anderes, da müssen auch die Freunde und die Familie mit umgehen. Das ist schon keine kleine Sache.

Aber ein "Norway's Next Topmodel" gibt es nicht?

Keine Ahnung. Ich glaube, so was haben wir nicht. Was ich aber weiß, ist, dass ähnliche Sendungen in Norwegen die gleiche Aufmerksamkeit erhalten wie hier in Deutschland.

Du hast dich auch immer für Mode interessiert, oder?

Das würde ich so nicht sagen. Ich habe mich nie wirklich lange mit Mode beschäftigt. Woran ich aber immer interessiert war, ist Identität. Wenn ich mich damit beschäftige, welche Kleidung ich tragen könnte, geht es mir mehr um Charakter und Identität. Ich kann aber das Interesse an Mode total verstehen. Ein weiteres kreatives Feld. Es wäre aber wirklich falsch zu sagen, dass ich irgendwas mit fashion zu tun habe.

In den frühen 90ern haben wir alles zurückgeschraubt.


Glückwunsch zur neuen Single, in Deutschland euer höchster Charteinstieg seit "Take On Me". Selbst in Norwegen war der Start nicht so gut.

Das ist auch was ganz anderes. Es ist unsere Heimat und ein kleines Land. Die müssen einfach anders reagieren. Die würden alles angreifen, wenn sie könnten. Zur gleichen Zeit gibt es aber einen Stolz auf uns und das, was wir erreicht haben. Wir haben einen guten Draht zur norwegischen Öffentlichkeit und manchmal auch zur norwegischen Presse. Aber Presse ist eben Presse. Es wäre völlig falsch, anzunehmen, dass, nur weil wir Norweger sind, die dortige Presse uns hochleben lassen würde. Häufig ist eher das Gegenteil der Fall. Aber pass auf: Norwegen kommt schon auch noch. Die Reaktionen in Deutschland und anderswo waren viel offener und schneller. In Norwegen warten sie erst mal ab: Wie machen sie sich im Ausland? Aber das kommt schon.

Das Video zur Single habt ihr an der deutschen Ostsee-Küste und in Berlin gedreht?

Ja, bei Rostock.

Warum habt ihr euch für Locations in Deutschland entschieden?

Das war die Entscheidung des Regisseurs. Er hat uns das erklärt, und wir waren einverstanden. Die Stelle, an der wir gedreht haben, die Küstenregion bei Rostock, erinnert mich an einen Ort in Dänemark. Ein wunderbarer Ort.

Und in Berlin habt ihr wo gedreht?

Das waren nur City-Shots und Straßenaufnahmen. Es ging nicht so sehr um Berlin, einfach um Stadtansichten. Ich weiß auch gar nicht, ob man in dem Video Berlin erkennt. Ich muss mir das echt noch mal ansehen (lacht).

Videos sind ja ein wichtiger Teil eurer Karriere. Mit A-ha verbindet man sofort die tollen Videos zu "Take On Me" oder "The Sun Always Shines On TV"…

Ja, die haben wir gemacht (lacht).

In den letzten Jahren haben Videoclips durch Plattformen wie YouTube eine kleine Renaissance erfahren. Man kann heute Videos wie "Take On Me" jederzeit sehen. Findest du das spannend?

Wenn man sich für Videos interessiert, ist das spannend. Wir sind aber mit Musik groß geworden, ohne dass es Videos gab. Das war unsere Teenagerzeit. Wir waren große Fans der Bands, die wir bewunderten, haben so was wie Videos aber keine Sekunde vermisst. Das ist unser Background. Als wir dann anfingen, änderten sich die Dinge. Auch die Instrumentierung. Wir haben unseren Sound ja in London gemacht, mit den Instrumenten der Zeit. Wir haben uns das gemietet, was wir uns leisten konnten: Billige Studios, und die Synthesizer, die wir bekommen konnten. Das hat unseren Sound geprägt. Die Videos wurden dann wichtig, als es um die weitere Präsentation der Band ging. Es waren die frühen Tage des Mediums und uns wurde klar, dass wir nicht mehr nur Musiker sind, sondern uns auch der Welt des Films öffnen müssen. Wir hatten aber nicht immer das Gefühl, dass wir auch gute Videos gemacht haben. Häufig hatten wir einfach zu wenig Zeit.

Welches ist dein Lieblingsvideo?

Offensichtlich ist "Take On Me" ein starkes Video. Ich mochte auch "Hunting High And Low" immer sehr, genauso wie "Move To Memphis".

Wie fühlt sich A-ha im Jahr 2009 an?

Sehr gut.

Gibt es da einen Unterschied zu den 90ern?

Natürlich. In den frühen 90ern haben wir alles zurückgeschraubt. Wir bewegten uns schon seit einiger Zeit weg von den Charts, weg vom Pop. Den ganzen Hochglanzmagazinen und dem TV-Zeugs. Wir fühlten uns da irgendwie nicht mehr wohl. Zugleich aber wurden wir ein richtig starker Live-Act, gaben tolle Konzerte. Das war eine seltsame Situation. Als Band waren wir uns nicht einig, was wir tun sollten. Alles driftete auseinander. Wir haben aber nicht aufgegeben, sondern nur einen Stopp eingelegt. Das ist der Unterschied zu heute. Wir befinden uns heute in einem ganz anderen Modus.

Es gibt nicht viele Siedlungen auf den Gipfeln dieser Welt.


Lass uns noch etwas über das Album reden. Der Titel "Foot Of The Mountain" klingt ein wenig, als hättet ihr noch einen langen Weg vor euch?

Weißt du, was für Klima auf dem Gipfel eines Berges herrscht?

Da kann die Luft schon etwas dünn werden

Man lässt sich ja normalerweise auch nicht auf dem Gipfel, sondern am Fuße eines Berges nieder. Es gibt nicht viele Siedlungen auf den Gipfeln dieser Welt. Vielleicht ein paar hier und da.

Und das Cover zeigt einen Berg in Norwegen?

Das basiert auf einer Fotografie eines norwegischen Berges. Ich glaube, das Foto hat sogar jemand von Coldplay gemacht.

Ein Bandmitglied von Coldplay?

Ja, der Bassist (fängt an im CD-Booklet rumzublättern und zu suchen). Ja, hier steht es: Photos by Guy Berryman. Er war mit Magne in den Bergen.

Überhaupt scheint die Natur eine wichtige Rolle zu spielen. Ist der Song "Mother Nature Goes To Heaven" vielleicht gar ein Umweltsong?

Das sind Kommentare von einem bestimmten Standpunkt aus. Einem nachdenklichen Standpunkt. Man muss sich den Song einfach anhören.

Einige der neuen Stücke haben eine Art "early A-ha feeling".

Das sehe ich auch. Das hat auch mit dem zu tun, was ich gerade gesagt habe. Es gab einfach eine große Veränderung in der Band und das Album ist ein Beleg dafür. Wir befinden uns heute an einem anderen Ort und ich bin gespannt, was alles passieren wird. Es gab eine Art Verjüngung. Eigentlich aber möchte ich darüber nicht reden, es lieber zeigen. Das erste Mal seit 20 Jahren haben sich meine Empfindungen der Band gegenüber geändert. Das ist einfach spannend. Wir mussten uns von dem befreien, was wir waren. Wir haben uns in den Raum der frühen Tage zurückbegeben, die Platte ist das Resultat. Der Vibe erinnert auf jeden Fall an die frühen A-ha.

Es gibt doch sicher mehr neues Material als nur die zehn Songs. Wird es B-Seiten oder Remixe geben?

Wahrscheinlich gibt es mehr Material (lacht).

Über das du jetzt aber nicht sprechen möchtest?

Ganz genau.

Dann lass uns übers Internet reden. Ihr seid nicht nur auf Facebook, sondern auch bei Twitter aktiv.

Was das angeht, bin ich ganz schlecht. Ich war einfach bisher überhaupt nicht daran interessiert. Das ändert sich aber. Vielleicht tut mir das sogar gut. Magne ist da viel besser, weil ihm das Spaß macht.

Kommen die Einträge immer direkt von euch oder habt ihr Assistenten, die das schreiben?

Sowohl als auch. Das ist immer auch eine Frage der Zeit und der Möglichkeiten. Da muss sich aber auf jeden Fall jemand drum kümmern, der dir sehr nahe ist und weiß, was du denkst. Einige Dinge müssen einfach direkt von mir beantwortet werden. Das kann unser Manager oder sonst jemand nicht machen.

Wir müssen leider aufhören, deswegen eine letzte Frage: Gibt es irgendwelche Projekte neben A-ha?

Ja, tatsächlich habe ich gerade einige Skulpturen vollendet. Endlich habe ich das geschafft. Ich wusste schon länger, dass ich das machen will, eigentlich seit ich ein Teenager war.

Was für Skulpturen sind das?

Bronzeskulpturen. Ich habe sie für eine humanitäre Organisation gemacht, die sich Norwegian Refugee Council nennt. Die beschäftigen sich mit der Situation von Flüchtlingen weltweit, stehen in direktem Kontakt mit der UNO. Eine fabelhafte Organisation. Ich wollte Skulpturen machen, die mit deren Arbeit zu tun haben und sie ihnen dann übergeben. Sie haben sich sehr bedankt und fanden das sehr interessant. Das alles ist aber abseits der Öffentlichkeit passiert. Irgendwann wird man die Skulpturen auch sehen können. Bis jetzt gibt es nur ein paar private Fotos davon.

Vielen Dank für das Gespräch!

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