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Xavier Naidoo
Telegramm Für X
[SPV]


LAUT.STÄRKE

REVIEW VON

Xavier Naidoo polarisiert. Viele können mit der Gewichtung seines Themenspektrums in musikalischer und textlicher Hinsicht nichts oder wenig anfangen. Weil sich der Mannheimer auch religiöser Aspekte bei seiner Arbeit bedient, sehen manch ablehnende Augen in ihm eine Art neuzeitlichen Wanderprediger. Es ist zumindest streitbar, ob bewusst eingeflochtene, persönliche Glaubensbezüge in der Popmusik sinnvoll und ihr dienlich sind. Auf seinem aktuellen Album "Telegramm für X" greift Naidoo diese Thematik erneut auf - aber eher als ergänzende Beigabe in einigen Passagen seiner Lieder.

Viel wichtiger ist aber die Form, mit der sich der Künstler um einen kritischen Blick auf gesellschaftliche Belange im Deutschland des neuen Jahrtausends bemüht. Das tut er mit einer textlichen Wucht und Präzision, die hierzulande - gerade im Entertainment-Bereich - rar gestreut ist. Mehr noch: Der scharf justierten Naidoo-Kamera gelingen nicht nur eindrucksvolle Momentaufnahmen zur Lage der Nation. Der Künstler erläutert und vermittelt moralische und ethische Standpunkte nachvollziehbar. Gerade Moral und Ethik sind Begriffe, die immer schwieriger interpretierbar erscheinen. Die altbekannten Institutionen - wie etwa Staat und Kirche - stehen oft genug ratlos vor vielen akuten Fragen der Zeit. Der Mannheimer Sänger drängt hier mit großem Selbstbewusstsein in die entstandenen Lücken und referiert zu diesen Themen mit lebensnahen und glaubwürdigen Song-Statements.

Das Album startet mit der etwas unspektakulären R'n'B-Ballade "Und". "Dieser Weg" ist als Singleauskopplung bereits bekannt und gefällt mit seinen dezenten Beats und einer eleganten Melodieführung. Mit dem einfühlsamen und unter die Haut gehenden Liebeslied "Oh My Lady" präsentiert Naidoo eines der Highlights des Albums. "Wo Komm Ich Her" und "Bist Du am Leben Interessiert" überzeugen durch die eingesetzten instrumentellen Formeln und zeigen sich sehr textlastig, ohne jedoch ins Geschwätzige abzudriften. Besonders letztgenannter Track erscheint als eine faszinierende Studie über die Möglichkeiten, verantwortungsvoll mit dem Erbe der eigenen Ahnen umzugehen.

Naidoo erläutert mit viel Nachdenklichkeit und Weitblick, welche Bedeutung die Würdigung der eigenen Herkunft für das gegenwärtige Leben hat. Die Nichteinbeziehung individueller Wurzeln hat einen enormen Verlust für die eigene und gesellschaftliche Kultur zur Folge. Kultur beginnt eben nicht bei bekannten Persönlichkeiten der Geschichte wie Goethe und Schiller, sondern ist bereits im eigenen Familienstammbaum zu finden. Die Bewahrung und Umsetzung des Wissens der Vorfahren sind dem Sänger ein wichtiges Anliegen. In "Abgrund" und "Sie Sind Nicht Dafür" spricht Naidoo Klartext mit Politikern: "Wir sollen auf was bau'n, was sie uns klauen". Ein in der Vergangenheit gern ausgearbeitetes Thema des Sängers, das Prinzip Hoffnung variiert er in "Was wir nicht alleine schaffen" eindrucksvoll. "Seelenheil" bewegt mit seinen klaren Statements gegen die sich ausbreitende Abgestumpftheit und Resignation der eigenen Umwelt gegenüber.

Die ausgefeilten Kompositionen bieten viel Abwechslungsreichtum in ihrer Gesamterscheinung. Gelegentliche Jazz-Impressionen stehen gleichberechtigt neben Hip Hop-Beats, Samples und Scratches. Die Lieder sind weitgehend im Midtempobereich angesiedelt, tragen aber verschiedene Rhythmus- und Arrangementkleider, die Eintönigkeit nicht aufkommen lassen. Bei den Gästen verdienen sich u.a. die Rapper Pal One, Jonesmann und Tone gute Noten als Begleiter und Partner des charismatischen Mannheimers. Auf dem für Naidoo typischen hohen produktionstechnischen Niveau perlen die Songs aus den Boxen.

Was diese CD neben ihrer musikalischen und künstlerischen Klasse besonders wertvoll macht, ist die Tatsache, dass Xavier Naidoo mit einer ebenfalls im Album enthaltenen DVD neue Wege in Sachen Multimediabeigabe beschreitet - in einer Form, die den Käufer zum freudig überraschten Augenreiben verleitet. Pralle 170 Minuten füllen diese Extras. Da diese Beigaben als zum Teil echte Überraschungen konzipiert sind, sollen sie hier spannungshalber auch nicht im Detail erläutert werden. Gibt es doch eine Menge Facetten des Sängers zu entdecken, die er dem Publikum so noch nicht präsentiert hat. Der Künstler zeigt sich von bislang unbekannten Seiten u.a. als überzeugender Entertainer, Schauspieler und Komödiant.

Auch die ambitioniert in Szene gesetzten Videoclips zu gleich acht (!) der neuen Songs lassen das Fanherz beglückt höher schlagen. Xavier selbst meint zu der üppigen Ausstattung seines Albums lapidar: "Die Fans zahlen dafür und dann ist es doch nur recht und billig, dass sie absolut erklassige Sachen für ihr Geld bekommen".

Eine lobenswerte Einstellung, verglichen mit der üblichen Vorgehensweise vieler anderer Künstlerkollegen. Die schicken neben ihren regulären Alben lieber mal eine meist recht dürre "Special Edtion" zwecks Zweitverwertung in die Läden. Denen sei angeraten, jetzt einmal bei Xavier Naidoo vorbeizuschauen und rote Ohren zu bekommen. Das "Telegramm Für X" ist gut angekommen auf dem musikalischen Schreibtisch. Und landet nicht unter einem Stapel belangloser Mitteilungen, sondern leuchtet als gern hervorgeholtes Prunkstück.

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