laut.de-Kritik

Bizarrer Mash-Up aus Stilen und Stimmungen.

Review von

Yeasayer waren nie Freunde künstlerischer Stagnation. Während manchen Bands kaum etwas anderes übrig bleibt als das Rekapitulieren bekannter Strukturen und Klischees als ihr einziges seit dem Debüt etabliertes Trademark, gilt dieser Zustand nicht selten als Zeugnis von Authentizität und Glaubwürdigkeit.

Nicht so bei Yeasayer: Die Brooklyner zeichnet seit jeher ihre Lust an der Neuerung aus. Ihr Sound unterlag von Album zu Album Reorganisation und Umbruch: Die momentanen Tonkonstrukte haben wenig mit den Songs von "Odd Blood" gemein - abgesehen von der Tendenz zum Experiment und zur Progression.

Die ist zum inhärenten Charakteristikum der Band geworden: permanenter Wandel als Konstante. Bei aller Andersartigkeit ähneln die Attribute zur Beschreibung der neuen Platte denen von 2010: seltsam, sonderbar, irgendwie skurril - und trotzdem ganz anders als zuvor. Auch die Instrumentierung: Schufen Yeasayer vor zwei Jahren mit fast klassischer Rockband-Besetzung nicht-klassische Musik, weicht die Gitarre nun weitgehend dem Spiel mit Synthesizer-Sounds und Drummachine.

Das Intro zum Eröffnungsstück steckt den Rahmen für die gesamte Platte ab: eine unablässig drehende Wäschetrommel aus verschwurbelten Loops und schmatzenden Beats, die sich in dieser Form durch den ganzen Track, in Variationen durch das komplette Album zieht. Dann setzt der gewohnt exaltierte Gesang Chris Keatings ein, die Drummachine tickt und klackert, während die Refrain-bestimmenden Synthie-Akkordfolgen leicht atonal neben der Spur laufen.

Käsige Arpeggios, bedrohlich wabernde Obertöne und rückgespulte Orgel machen die erste Auskopplung "Henrietta" zu einem Fest des bizarren Mash-Ups aus Stilen und Stimmungen mit Instant-Hit-Qualität. Thematisch vertieft sich die Band in die Möglichkeit unsterblichen Lebens: Der Song entstand unter dem Eindruck der Geschichte von Henrietta Lacks, der man vor ihrem Krebstod Gewebeproben entnahm, die als erste unsterbliche menschliche Zelllinie zur medizinischen Sensation wurden. Ein Kunstgriff, wie Text und Sound ineinander greifen: "Oh Henrietta, we can live on forever", singt Keating sehnlich in einer an Dynamik und Dichte gewinnenden Endlosschleife aus Stimme und hypnotischer Begleitung.

In klassische Songschemata fügen Keating, Tuton und Wilder exzentrische Effekte und Instrumentierungen, Distortions und Staccati ein, bis sich das Sounddesign irgendwo zwischen schrullig, surreal und überspannt eingependelt hat. Daraus ergibt sich eine Platte, die Nonkonformismus mit größtmöglicher Konsensfähigkeit und Popappeal zusammenbringt.

Verzerrungen, Überreizungen, Assonanzen und Störung von Hörgewohnheiten gehören ebenso zum Spektrum von "Fragrant World" wie harmonieverliebte Streicherklänge und allgemeinverträgliche Melodieführung. Normwidrig und anziehend zugleich vereint die Band Pop und Anomalie, Verschrobenes und Schmeichelndes. Diesen Kontrast greift auch der Albumtitel auf, berücksichtigt man die teils paranoid-düsteren Lyrics und deren mal sanften, mal kratzig überdrehten Vortrag.

Das gerade ist es, was Yeasayer hier kreieren: eine Diskrepanzerfahrung für den Hörer, dem die Fülle an Divergenz und Effekten die Erstrezeption zwar erschwert, der sich die Platte jedoch Stück für Stück näher bringt und so die Goldstücke in Songwriting und Arrangements entdeckt. Wie zum Beispiel den wunderbar psychedelischen, stockenden Zwischenpart und ätherisch mehrstimmigen Schwanengesang auf "Blue Paper" oder die hochgepitchte Stimme, die malmenden Beats und im Gegensatz zur Effektfülle anderer Songs geradezu reduzierte Entschleunigung von "Longevity".

Zwischenweltlich-dystopischer, psychedelisch-verquerer Futurepop könnte das vielleicht sein, was Yeasayer da machen. Andererseits beschreibt dieses Begriffskonstrukt auch den Sound des Vorgängers ebenso nichtssagend wie unzulänglich. Vielleicht kann man sich darauf einigen, wie längst im Kosmos des zusammengewürfelten Referenzbreis moderner Popmusik üblich, dass Genres als Kategorisierungswerkzeug kaum noch eine Rolle spielen, sondern nur noch als Bezugspunkt auf Vorbilder und Stilelemente funktionieren.

Die Zusammenführung diverser Anspielungen und Zitate ist für die Band jedenfalls längst zum Kinderspiel geworden. Während sie sich oftmals der Wesensmerkmale des R'n'B bedient, um sie mit eigener Instrumentierung und Bedeutung anzufüllen, deutet sie an anderer Stelle auf große dunkle Synthiehymnen der 80er. "Reagan's Skeleton" und "Damaged Goods" sind Hommage und Blaupause aller New Wave-Wunderwerke dieser Epoche.

Gleichzeitig lassen sie sich als Verweis auf die Möglichkeit freiheitlichen Zitierens in der Musik lesen, die es erlaubt, unter direkter Bezugnahme auf Vergangenes etwas völlig Neues zu schaffen. Wie Jim Jarmusch einmal zum Diebstahl inspirierender Ideen als Grundlage für künstlerische Authentizität bemerkte: "Originality is non-existent."

Trackliste

  1. 1. Fingers Never Bleed
  2. 2. Longevity
  3. 3. Blue Paper
  4. 4. Henrietta
  5. 5. Devil And The Deed
  6. 6. No Bones
  7. 7. Reagan's Skeleton
  8. 8. Demon Road
  9. 9. Damaged Goods
  10. 10. Folk Hero Shtick
  11. 11. Glass Of The Microscope

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