18. Juli 2007

"'Retox' ist unser Schwanz-Album!"

Interview geführt von

"Retox", das siebte Studioalbum der Deathpunks von Turbonegro, ist da. Grund genug, die Norweger mal gründlich ins Gebet zu nehmen.Was steht nach Abschluss der schwarzen Trilogie "Apocalypse Dudes" - "Scandinavian Leather" - "Party Animals" an? Erschöpft sich homoerotischer Humor irgendwann? Und was sagen die Musiker zur schleichenden Kommerzialisierung ihrer Musik? Wir haben in Berlin mit Gitarrist und Keyboarder Pål Pot Pamparius gesprochen.

Hallo Pål! Was hat sich Deiner Meinung nach mit der neuen Platte "Retox" am Sound geändert? Ihr sagtet, "Party Animals" sei der Abschluss der "Black Apocalypse"-Trilogie gewesen. Ist die neue Platte jetzt der Start zu etwas völlig Neuem oder geht es back to the roots?

Ich denke, "Retox" ist vom Sound ein ziemlich breit gefächertes Album. Es gibt aber schon eine Wendung zu etwas härterem Fahrwasser, da gibt es einige Metaleinflüsse, da ist einiges von Bands wie Poison Idea drin. Das mit der "Black Apocalypse"-Trilogie haben wir nach der zweiten Platte dummerweise mal gesagt und dachten dann, "Oh Gott, wir müssen jetzt ja noch eine dritte machen". Dann war die Trilogie fertig, und wir waren noch ratloser, was zum Teufel wir denn jetzt machen sollten. Wir haben uns dann aber die Zeit genommen, uns volllaufen zu lassen und uns etwas Neues zu überlegen.

Du hast Metal als Einfluss angesprochen. Ist das Musik, die Ihr beim Aufnehmen viel hört? Mein Lieblingssong auf "Retox" ist "No, I'm Alpha Male". Das ist ja Powermetal pur mit dem AC/DC Tribute am Anfang.

Klar, wir hören die ganze Zeit Musik. Aber es ist natürlich nicht so, dass wir den ganzen Tag nur Poison Idea hören. Wir hören eigentlich alles, so lange es nichts mit Rave zu tun hat! Das kann dann alles Mögliche sein, egal ob altes Zeug wie Black Flag oder etwas völlig anderes. Heute Morgen hat irgendjemand im Tourbus die Eagles auf voller Lautstärke gehört! (lacht)

Eagles würden aber recht gut zu der Erwartungshaltung vieler passen, die neue Platte würde wieder so eine Stadionrockplatte wie "Party Animals". Was sie dann eben nicht geworden ist.

Genau, sie ist eher down to earth. Eine Platte, die Dir das Gefühl vermitteln soll, sehr hart ins Gesicht geschlagen zu werden! Das ist jedenfalls mein bescheidener Eindruck.

Kannst Du mir was über die Texte sagen? Das Album scheint die komplette Turbonegro-spezifische Bandbreite von Sex und Zerstörung abzuhandeln.

Ja, nichts Neues also (lacht).

Doch, doch, es gibt da durchaus einige neue Themen zu entdecken!

Da wären vielleicht "Garbage Dump" und "Circus of Filth", in denen es darum geht, wo wir in einigen Jahren mit unserer Band mal landen werden. Und es geht um Selbstbefriedigung, z.B. in "Stroke that shaft".

Oh ja, das wäre meine nächste Frage gewesen. Es scheint diesmal mehr um Schwänze als um Ärsche zu gehen. Ist das das Ende Eurer anal-fixierten Phase?

Nein, niemals! We're only letting the ass rest! Wir werden zu einem späteren Zeitpunkt natürlich darauf zurückkommen, da der Arsch so ein elementarer Teil des menschlichen Körpers ist. Wir wollten uns diesmal eher auf andere Sachen konzentrieren.

Auf Schwänze? Ist "Retox" Euer Schwanzalbum?

(lacht) Ja, definitiv, und als nächstes kommt das Schwanz- und Arschalbum. Da ist dann für jeden was dabei. Aber im Moment sind wir ziemlich "assed out"!

Die Karriere als mehrjähriger Blackout


Mit Edel seid Ihr auch auf einem neuen Label, hat es euch bei Burning Heart nicht mehr gefallen?

Nein, wir hatten bei Burning Heart nur einen Vertrag für ein Album, und die Trennung verlief freundschaftlich. Ein passendes Label zu finden, war recht schwer. Wir haben uns sehr lange umgesehen und schließlich Edel gefunden und dachten alle: "Das ist es!" DJ Bobo und Postbote Pat, sieh Dir an, wie erfolgreich die mit Edel geworden sind!

Na ja, Euer neuer Labelkollege DJ Bobo hat ja neulich beim Eurovision Song Contest ziemlich versagt ...

Haha, das habe ich auch gesehen, er war sehr, sehr, sehr enttäuschend.

Sollte Norwegen nicht vielleicht nächstes Jahr Euch schicken? Ihr könntet es auch nicht schlechter als The Ark für Schweden machen. Die wurden nur 19., noch hinter Deutschland!

Oh ja, das könnten wir wahrscheinlich im Handumdrehen gewinnen. Aber wen interessiert der Scheiß schon? Wir sind für schlechten Geschmack immer zu haben, aber soooooo schlecht? Diese Show ist so furchtbar. Da wird Musik gespielt, die eigentlich gar nicht existiert. Zum sich darüber lustig machen ist das ja ganz cool, aber nach 30 Minuten geht es einem tierisch auf den Sack.

Das nehme ich mal als nein.

Definitiv!

Im Turbojugend-Forum schrieb jemand über das Artwork zur neuen Platte: "It looks like it was produced in the Czech Republic by a two fingered streethooker, chained to a computer to create an cover-artwork."

(lacht) Sehr gut! Genau so sollte es aussehen. Endlich hat uns mal jemand verstanden. Das freut mich, mit dieser Band wird man nämlich sehr oft missverstanden. Notiz an mich: Nächstes Mal wieder kryptischer werden!

Gerade ist das Buch "Give me some friction, Baby!" über Turbonegro und die Turbojugend erschienen. Interessiert Dich das überhaupt? Liest Du Artikel oder Bücher über Deine Band?

Nein, nie! Sterbenslangweilig. Ich würde wahrscheinlich nur den Teil lesen, an den ich mich nicht erinnern kann. Das Buch, das Du meinst, ist auch eine unautorisierte Biographie, mit der ich nichts zu tun hatte. Eine etwas komische Situation, da wir schon einen Deal mit einem norwegischen Journalisten hatten, der gerade die offizielle Biographie schreibt. Das wird sicherlich ein ziemlich lustiges Buch, ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir das erste Mal dafür zusammen gesessen sind und nur dachten: "Scheiße, wir können uns ja an gar nichts mehr erinnern." Ein schwarzes Loch von mehreren Jahren!

Dann solltest Du es vielleicht doch lesen?

Oh ja, aber im Laufe der Arbeit daran, während wir uns so die Bälle zugespielt haben, sind dann doch glücklicherweise einige Geschichten wieder in meiner Erinnerung aufgetaucht. Da waren auch eher unangenehme Situationen dabei. Nehmt niemals Schlaftabletten, bevor Ihr auf die Bühne müsst!

"Wir haben unsere Seele schon vor Jahren verkauft!"


"Do You Dig Destruction" wurde zuerst als Handydownload in Norwegen angeboten. Kannst du uns dazu was erzählen?

You gotta go with the flow! Man muss sich eben an das digitale Zeitalter anpassen. Jeder hat nun mal so ein Scheiß-Handy, und es ist eben eine gute Möglichkeit, die Leute heiß auf das Album zu machen.

Mein Handy kennt allerdings noch nicht einmal das Wort Turbonegro, daran solltet ihr vielleicht noch arbeiten.

Im Ernst? Das ist skandalös! Da werden wir ein ernstes Wörtchen mit den zuständigen Leuten reden müssen.

Habt Ihr Euch wegen dieser Geschichte Kritik anhören lassen müssen? In der doch oft recht konservativen Punkrockszene kommt so was doch nie gut an und das böse Wort "Sell-out" geht schnell über die Lippen.

Oh, es gibt garantiert irgendeinen Trottel, der dazu etwas zu sagen hat. Aber was interessiert mich das? Was wollen solche Leute denn sagen? "Hey, da gibt es diese Band, die kotzt mich wirklich an. Die haben einen Deal mit einer Handyfirma gemacht, damit ich ihre neue Single hören kann, noch bevor ich mir das neue Album umsonst runterladen werde!" Mir wird schlecht. Das erinnert mich wieder daran, wie viele Idioten es auf der Welt gibt. Jesus Christus, es wird die Leute nicht arm und uns nicht zu Millionären machen, also was soll es? Wenn das ein "Sell-out" ist, dann haben wir unsere Seelen schon vor Jahren verkauft. Get a fucking life!

Wie geht es jetzt weiter bei Euch? Ihr spielt ja jetzt nur ein paar Konzerte in Deutschland, kommt da noch eine große Tour nach?

Oh ja. Diese kleine Tour soll eigentlich nur als Erinnerung dienen, dass es uns noch gibt. Wir spielen ja auch nur kleinere Clubs. Im Herbst geht es dann allerdings richtig los. Das wird dann eine große, große Theatershow! Expect a big, big Garbage Dump!

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Turbonegro

Stellt euch vor, sechs Typen, die aus einem Tom Of Finland-Comic entsprungen sein könnten, schnallen sich Klampfen um, stecken sich Feuerwerkskörper …

Noch keine Kommentare