laut.de-Kritik

Standard-Werk oder Seelen-Verkäufer? Ein Pro und Contra.

Review von

Pro:
In Till Brönners CD-Regal beanspruchen Weihnachtsalben unverhältnismäßig viel Platz, bekennt der Jazz-Trompeter. Für sein eigenes scheute er sich nicht, altehrwürdige Schinken aus dem Regal zu holen, um ihnen die Falten aus dem Gesicht zu ziehen. Das ist ihm nicht nur gelungen, er hat sie sogar für eine halbe Ewigkeit haltbar gemacht.

"We Wish You A Merry Christmas" spielt Brönner a capella auf seiner Trompete und mit einer kindlichen Leichtigkeit, bei der man sofort hellhörig wird. Nach einer kurzen Pause hört man aus der Ferne eine Harfe klingen, kurz darauf leiten Holzbläser das Thema zu "Joy To The World" ein, Streicher setzen ein und spielen ein Seitenthema, begleitet von Hörnern. Jetzt setzt das Blechregister an und plötzlich zündet ein ganzes Sinfonieorchester und interpretiert das Thema.

Dieser tiefe Kontrabass, der da plötzlich aus den Boxen dröhnt und dieses Glockenspiel - könnte glatt die Filmmusik von "A Christmas Carol" sein. Doch dann fährt das Orchester wieder zurück, und Brönner spielt das Seitenthema, klar und hoch. Nach schon zwei Minuten wird das Stück wieder vom Orchester beendet. Es kommt mir länger vor. Was für ein Opener!

Zum zweiten Track wird man von den Streichern fast unbemerkt weitergeleitet. Doch dann beginnt ein cooler, ruhiger Beat, begleitet vom Piano. Jemand singt "White Christmas". Gut, Till Brönner hat den Saal doch noch nicht verlassen.

Eines der schönsten Stücke ist "Better Than Christmas". Und es zeigt, dass man, um Talente zu finden, nur vor die eigene Haustüre gehen muss: Es singt Yvonne Catterfeld, begleitet natürlich von Till Brönner an der Trompete.

Den Höhepunkt des Albums findet man beim wohl abgelutschtesten Stück der Weihnachtsgeschichte, "Silent Night". Ich kann mich nicht erinnern, etwas Vergleichbares bei diesem Stück schon einmal gehört zu haben. Die Arrangements sind in einem Maß an Polyphonie auskomponiert, wie man es sonst nur aus der Klassik kennt. Auch die Höhepunkte im Stück sind punktgenau getimt, nicht vorhersehbar und doch immer an der emotional richtigen Stelle.

"The Christmas Album" ist etwas für den Jazzhörer, aber auch für all diejenigen, die auf die Frage "Hörst Du Jazz" bisher immer "Norah Jones" antworten mussten. Man muss vom Jazz nicht viel verstehen, um die Platte hören zu können. Jazzwütige können sich aber trotzdem voll reinsteigern.

(von Gordon Buschle)

Contra:

Ich fass' es nicht: Till Brönner verkauft seine Seele! Nein, nicht an den Teufel, wie einst der legendäre Gitarrist Robert Johnson. Till Brönner verkauft an die vermeintlich Guten. Immerhin ist Weihnachten ursprünglich ein christlicher Brauch - das muss man ja heutzutage schon erklären.

Schon im Opener "We Wish You A Merry Christmas" hängt das Deutsche Symphonie Orchester Berlin - wie bei weiteren sechs Titeln - den Himmel voller Geigen. Im Swing-kostümierten "White Christmas" erhebt Brönner selbst seine zarte Stimme. "Santa Claus Is Coming To Town" chort sich von den New York Voices im Big Band-Gewand den Weg durch die Kamine, während der gefällige Bossa "Last Christmas" (komponiert von George Michael) versucht, instrumental zu überzeugen.

Chris Botti und Dominic Miller ("Notes On Snow") küren zusammen mit Curtis Stigers balladeskem "Christmas Is Never" die schier besten Titel des Albums. Aber auch hier gilt: "Im Seichten kann man nicht ertrinken". Der verzückenden Stimme von Kim Sanders ("Nature Boy") liege ich zwar ab sofort zu Füßen, echt, aber auch ihr verzauberndes Organ erlöst mich nicht von meinen Leiden.

"Stille Nacht", verdächtigerweise "Silent Night" genannt, geht gar nicht! Dann intoniert Yvonne Catterfeld "Better Than Christmas". Und nachdem noch Frank McComb ("What Are You Doing New Year's Eve"), Stevie Woods ("Winter Wonderland") und Frank Chastenier auf Henry Mancinis "Moon River" ihren Beitrag geleistet haben, fragt die Frankfurter Allgemeine zu Recht: "Sind Sie ein Kitschtrompeter, Herr Brönner?"

Nein, ich kaufe Deutschlands bekanntestem Jazztrompeter die Ernsthaftigkeit seines Unterfangens nicht ab. Die zustande gebrachten Noten und die Auswahl des Repertoires schmecken allzu sehr nach gelenkiger Gefälligkeit. Das Liedgut ist für Jung und Alt geeignet, an Heilig Abend den beseelten und von Liebe durchtränkten Raum harmonietrunken zu durchfluten. Irgendwie scheinheilig, oder?

(von Kai Kopp)

Trackliste

  1. 1. We Wish You A Merry Christmas/Joy To The World (feat. Deutsches Symphonie Orchester Berlin)
  2. 2. White Christmas
  3. 3. Santa Claus Is Coming To Town (feat. The New York Voices)
  4. 4. Last Christmas
  5. 5. Silent Night
  6. 6. What Are You Doing New Year's Eve (feat. Frank McComb)
  7. 7. Better Than Christmas (feat. Yvonne Catterfeld)
  8. 8. Notes On Snow (feat. Chris Botti & Dominic Miller)
  9. 9. Winter Wonderland (feat. Stevie Woods)
  10. 10. Moon River (feat. Frank Chastenier)
  11. 11. Nature Boy (feat. Kim Sanders & Don Grusin)
  12. 12. Christmas Is Never (feat. Curtis Stigers)
  13. 13. Auld Lang Syne

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3 Kommentare

  • Vor 6 Jahren

    Wirklich geile Idee mit der Pro-/Contrargumentation, aber die Contra-Seite lsst irgendwie in der Begründung zu wünschen übrig. Das ist ja nur eine Aufzählung von den Leuten, die da mitmachen und zwischendurch immer mal ein "geht gar nicht!". Aber was nicht geht, fehlt irgendwie.

    Also vertraue ich einfach mal auf die (bildhafter beschriebene) Pro-Argumentation

  • Vor 6 Jahren

    Was gar nicht geht, wirst du beim Hören sicher feststellen ;-) - es ist einfach unerträglich kitschig...

    der contra-kai

  • Vor 6 Jahren

    gerade kuerzlich seine Blue Eyed Soul hervorgekramt. Das ging noch (mal von seiner einen Vocal-Performance abgesehen) - grossartige Scheibe.

    Broenner hab ich nun allerdings schon seit laengerem abgeschrieben, zu seicht und unnoetig das alles. Auch die Songwahl bringt hier nur zum Gaehnen, da gibt es geschaetzte hundert bessere Weihnachts-Jazz-Scheiben.