15. August 2011

"Ich bin nicht IMMER unglücklich!"

Interview geführt von

Lange schon steht er jetzt im Rampenlicht, wird von den einen kritisiert, von den anderen hochgelobt. Eigentlich möchte er einfach nur verstanden werden. Wir sprachen mit einem nachdenklichen Samy über die Sorgen eines Rappers, über Amy Winehouse, die neue Farbe "Schwarzweiss" und darüber, wie sexy ein Seelenstriptease sein kann.NH München Deutscher Kaiser: Werner von Emi Music und ich sind bereits im Zimmer und warten auf Samy. Nachdem wir kurz überlegt haben, wo man in diesem kleinen Zimmer am ehesten das Interview machen könnte (außer einem riesen Bett mit zwei akkurat gefalteten Bademänteln an den Fußenden, gibt es nur ein kleines Ledersofa und einen Stuhl zusammengepfercht zwischen Bett und Fernseher), klopft es an der Tür und herein kommt Samy mit seinem Trolli. Fast zeitgleich wuseln zwei Zimmermädchen in den Raum und tragen verschiedene Getränke auf. Samy schreitet erstmal alles ab und kontrolliert: "Kaffee? Kaffee. Wasser? Wasser. Apfelsaft? Apfelsaft." Soweit alles genehm, nur ein Eimer Eis fehlt, den Samy gleich in Auftrag gibt. Kurze Zeit später sind wir allein (Samy natürlich auf dem Sofa und ich auf dem Stuhl).

Erstmal zu den aktuellen News: zur Geschichte mit Amy Winehouse. Das ging gestern ja groß durch die Presse. Dein Kommentar, die ersten drei Plätze der Albumcharts seien für die Toten reserviert und Amy würde dir durch ihren Tod den Platz eins in den Charts streitig machen, wurde von der Presse als pietät- und geschmacklos präsentiert. Warum hast du so was überhaupt rausgehaun? Du kennst die Presse inzwischen ja und müsstest wissen, was die daraus macht...

Ich sag sowas gar nicht von alleine - das war bestimmt durch so 'n Gespräch, dass jemand mich darauf angesprochen hat und ich konnte mich selber auch gar nicht mehr erinnern, dass ich das gesagt hab. Ich hab eindeutig noch viel schlimmere Sachen in den Tagen davor off camera gesagt, denn natürlich ist das irgendwie eine merkwürdige Situation, gegen Leute anzutreten, gegen Messwerte anzutreten, mit denen man sich überhaupt nicht vergleichen kann. Ich kann nicht mit irgendwas so einen Rummel um mich kreieren, wie jemand mit seinem Tod um sich kreieren kann, weißt du? Das war wieder einfach so ein Punkt, an dem einem das aufgefallen ist. Das war überhaupt nicht pietätlos oder irgendwas.

Es tut mir total leid, dass sie gestorben ist, aber es war ja auch ein selbsterwähltes Schicksal, deshalb tut's mir jetzt auch nicht so leid, wie für Leute, die einfach auf der Straße rumstehen und überfahren werden oder so... Ich finde, das zeigt einfach mal wieder, das wir 'n schönes Sommerloch haben und es keine interessanten News gibt und dann auf einmal irgendwas aus 'nem Samy-Deluxe-Interview zum Halbskandal hochpoliert werden soll. Aber ich hab überhaupt nichts Schlimmes gesagt. Es ist eben grade witzig, von Medien kritisiert zu werden, darüber, was ich über Amy Winehouse sag, dabei ist Amy Winehouse gestorben, wahrscheinlich nur, weil Medien ihr ganzes Leben kaputt gemacht haben und sie nichts mehr machen konnte ohne das Auge der Paparrazzi. Also ich glaube, ich bin immer noch auf der Seite der Guten – auf jeden Fall. "Pietätlos" is auch so ein komisches Wort - das gibt's gar nicht.

Gibt's nich?

Ich kenn's nich - und dann gibt's das auch nich.

Du würdest dein Album gern auf Platz eins sehen, der Trend geht jetzt ja tatsächlich in die Richtung...

Ich hab kein einziges Mal in der ganzen Produktion daran gedacht, weißt du? Und dann geht man auf Promotour raus und ich komm in mein Labelgebäude in Köln und mach da 'n Promotag und alle reden von "eins eins eins eins", und dann fragt irgendein Reporter mich nach Amy Winehouse... Das sind gar keine realistischen Messwerte für mich, aber natürlich: wenn man die Chance auf Platz eins hat, dann würde man lieber den Platz eins haben, statt gegen irgendjemanden zu verlieren, deren Album schon vor vier Jahren erschien. Als mein vorletztes Album raus war – da war Amy Winehouse schon vor mir in den Charts. Das wär auf keinen Fall ungerechtfertigt, wenn man lange darauf hinarbeitet, so ein momentum kreiert, zu wollen, dass es auch da ist und nicht überschattet wird von einer Sache, die überhaupt nichts mit aktuellem Musikgeschehen zu tun hat.

Es klopft. Samy öffnet dem Zimmermädchen und nimmt den bestellten Eimer Eis entgegen. Ab sofort füllt er sein Glas im Laufe des Gesprächs immer wieder auf's Neue mit Eiswürfeln.

Jetzt sind ja die Amigos auf Platz eins gelandet. Das is ja schon ein bisschen hart, oder?

Die legendären Amigos sind das! Die V-Werbung hab ich gesehen – ich konnt da auch nicht wegschalten. Hat auf jeden Fall 'ne Zugkraft, was die da machen. Ich glaub, ich kauf mir das auch (schmunzelt).

Du bist jetzt ja schon sehr lange mit dabei und hast die Nase in der Szene immer ganz weit vorne gehabt. Hast du denn inzwischen manchmal Angst, überholt zu werden oder sogar das Gefühl, dass das schon passiert ist? Songs wie "Straßenmusik" können einem das ja suggerieren.

Hast du da keine Ironie drin gehört? Hast du da wirklich ein realistisches Worst-Case-Szenario rausgehört?

Auch - klar. Aber im Zusammenhang mit der Tatsache, dass du jetzt schon so lange dabei bist und das letzte Album beispielsweise ja schon vielen Fans nicht mehr ganz so rein lief, kann man sich die Frage schon stellen. Ich meine, siehst du denn deine Zukunft wirklich noch im Rap oder eher in der Liedermacher- und Reggaerichtung?

Auf dem neuen Album ist ja gar kein Reggae mehr. Das ist ein komplett gerapptes Album mit ein paar gesungenen Hooks. Also jetzt gerade fühl ich mich eigentlich wieder sehr wohl in der Rapperrolle. Man muss mal kucken. Das ist ja immer so Launen abhängig, was man für Musik macht. Beim letzten Album war's echt so, dass ich mich mit dem puren Rapperding nicht so identifizieren konnte, weil mir das Gesamtimage eines Rappers hier in Deutschland irgendwie zu niveaulos vorkam und diesmal hab ich wieder gemerkt: 'Hey - das bin ja ich!' Ist ja egal, was die anderen darstellen. Ich glaube, ich kann das für mich schön anders verkörpern.

Da sind jetzt im Alltag wenige richtig realistische Existenzängste, aber um so 'ne Kampagne rum kalibriert man doch echt jedes Mal wieder so was wie: 'Wie kommt es an? Wie lange will man's noch machen?' etc. Weißt du, das sind immer sehr stressige Phasen. Stell dir vor, die Leute, die zur Arbeit gehen, müssten jeden Tag mit dem Gefühl zur Arbeit gehen, dass eventuell ihre Karriere heute vorbei ist. Ganz so schlimm ist das ja nicht – ich weiß ja immer, dass ich irgendeine Anzahl von Platten verkaufe - aber jedes Mal, wenn man so ein neues Projekt macht bzw. lange darauf hinarbeitet und das dann rauskommt, liegt's nicht mehr in deiner Hand. Du kannst alles gegeben haben und dir total treu geblieben sein oder das gemacht haben, was deine Plattenfirma und die Radiosender wollen, und trotzdem kann es immer auch nach hinten losgehen.

Ich finde die Unterschiede auch immer krass. Ein guter Freund von mir arbeitet fest angestellt. Sein Schicksal ist, dass er weiß, dass er zwar sicher ist, und jeden Monat hat er seine 2000/2500 Euro, aber er weiß auch: es kann eigentlich nie höher werden. Und mein Ding ist: ich hab kein festes Geld jeden Monat, aber es kommen ab und zu Sachen rein, wo ich 20.000 Euro für eine Stunde krieg, und es kommen ab und zu Sachen rein, wo ich für eine Unterschrift auf irgendeinem Blatt Papier 100.000 Euro krieg und es kommen aber auch Monate, wo gar nichts passiert. Jeder hat so sein Ding. Und es ist für mich immer interessant, mich mit dem Gedanken zu befassen und da kommt dann im humorvollen Kontext so was wie "Straßenmusik" raus. Ganz ehrlich, ey, diese ganze Branche – das bezieh ich ja nicht nur auf mich – da werden noch viele vor mir obdachlos werden, da bin ich ziemlich sicher. Aber es ist schon witzig, das so zu sehen: man hat einfach wirklich keinen Einfluss drauf, was da passiert.

"Verstanden werden ist irgendwann ein Bedürfnis."


Viel ist auf dem Album aber ja sehr persönlich – man kann ja nicht alles ironisch sehen. Schon beim letzten Album hatte man den Eindruck, dass du sehr zerrissen bist und mit dir selbst haderst. Du hast Probleme mit deiner Hautfarbe, Ego und Seele kämpfen gegeneinander, die Geschichte mit deinem Vater... Auf "Schwarzweiss" sprichst du deutlich aus, dass du gerne ein unbeschriebenes Blatt wärst und mit dir selber ins Reine kommen willst. Früher kamen so krass persönliche Sachen von dir ja weniger. Hast du das früher alles einfach nicht so nach außen getragen?

Ich glaube, das hängt schon mit dem Alter zusammen und dem Reifegrad, dass man in einem bestimmten Alter längerfristig denkt oder auch erst dann die Möglichkeit zur Reflexion und Retrospektive hat und dann erst einordnen kann, warum man in bestimmten Situationen wie gehandelt hat. Viele dieser Entscheidungen lassen sich dann auf diese Grundthemen reduzieren. Ego oder Seele oder dieses "Mit-sich-selbst-im-Reinen-Sein" oder immer nach irgendwas suchen, was man gerade nicht hat. Dann das haben und wieder das andere wollen - das sind, glaub ich, einfach so Sachen, die man im Laufe des Erwachsenwerdens über sich rausfindet.

Ich hab selber eben viel durch Rapmusik gelernt, durch die Perspektive anderer Leute sozusagen. Da Schreiben mein Haupthobby ist, ist es für mich sehr leicht, diese Themen, wenn sie mich beschäftigen in irgendeine Songform zu packen und bei der Auswahl am Ende jetzt hab ich eben schon darauf Wert gelegt. Ich hatte super viele Songs und hätte ein Album nur mit solchen Songs wie "Rapgenie", "Hände hoch", 'Komm, lass mal jetzt hören, wie geil Samy rappt und der Beat knallt' machen können. Ich denke, dass die Definition für die Leute da draußen, was Hip Hop ist, von mir nicht nur in so 'ner plumpen Form kommen kann. Ich finde, ich bin einer der wenigen, der diese range hat, dass er wirklich von technischen Sachen bis emotional berührenden Songs offen für solche Sachen ist, alles kann und macht. Deshalb ist es auch interessant, diese Bandbreite auf dem Album darzustellen. Und darum ging's ja auch in "Schwarzweiss": der Typ, der in einem Song sagt: 'Hebt die, hebt die Hände hoch!' und im Song davor gerade über seinen toten Vater erzählt hat. So bin ich letztendlich auch, weißt du? Ich bleib nie zu lange auf einem Film. Wir können uns hier z.B. ernsthaft unterhalten und dann wird irgendwann ein dummer Spruch kommen oder wir können rumjoken und dann werd ich irgendwann irgendwas Schlaues sagen.

Es sind viele Facetten auf dem Album, aber teilweise ist das ja schon ein richtiger Seelenstriptease, den du da hinlegst. Was für mich da einfach nicht so ganz zusammenpasst, ist, dass du auf der einen Seite den Eigenbrödler rauskehrst – du sagst ja z.B. auch auf dem Album im Song "Allein", du hättest dich mit dir selbst allein immer am geborgendsten gefühlt. Es kommt oft ein großes Misstrauen anderen Menschen gegenüber rüber. Gleichzeitig aber packst du dein Innerstes vor allen komplett auf den Tisch.

Das findest du einen Widerspruch?

Ja - schon.

Ich hab einfach solch ein Misstrauen den Menschen gegenüber und mag sie so wenig als Gruppe, dass ich persönlich nichts mit ihnen zu tun hab, aber ich freu mich einfach, wenn sie meine Musik hören und daraus was ziehen können. Das wäre doch vielleicht 'ne Definition.

Und du meinst, die Leute wollen das hören, wenn du von deinem Vater oder den Schuldgefühlen deinem Sohn gegenüber erzählst, also von Sachen, die doch schon eher in die Familie gehören, oder?

So denk ich daran gar nicht. Am Ende ist es ja Musik. Das ist ja kein Referat, das ich geschrieben hab und dann musst du's lesen. Es ist ja immer noch ein Song, den du hören kannst oder nicht. Ich hab natürlich auch lange daran gearbeitet, diese Songs in 'ne musikalische Form zu bringen, von der ich denk, dass es als Musikstück etwas ist, was man gerne hören kann oder das was aussagt. Ich seh mich denn doch vordergründig als Rapper und Musiker und nicht als der neue Apostel, der die Message verkündet.

Ich bin jemand, der ausdrückt und fühlt, was er denkt. Ob das Leute interessiert, ist zweitrangig. Wenn man sich die Frage in kreativen Prozessen stellt, dann kann man sich die auch auf alles bezogen stellen. Du kannst auch sagen: 'Hebt die Hände hoch' – interessiert das die Menschen? 'Rapgenie' – wenn ich schon wieder sage, ich bin der beste Rapper, interessiert das die Leute? Interessiert überhaupt jemanden irgendwas? Nee, ich mach doch nichts, denn das könnte irgendjemanden nicht interessieren oder nicht gefallen.'

Aber noch mal anders: siehst du denn nicht auch Gefahren darin, das Private in die Öffentlichkeit zu zerren? Wo zieht man denn da die Trennlinie?

Ich habe ja mit den Leute überhaupt nichts zu tun. Da braucht man keine Trennlinie. Meine Trennlinie ist, dass mein Privatleben mein Privatleben ist, und da haben auch die meisten dieser Hörer keinen Einfluss drauf und nichts mit zu tun - es sei denn, sie quatschen mich auf der Straße an. Die andere Sache ist, dass diese Texte mir wichtig sind. Ich hab, wie gesagt, sehr viel aus Texten und Rapliedern gelernt, deshalb ist es schon mein logisches Verständnis, dass ich solche Texte selber schreibe, was eben auch nicht berechnend passiert. Wenn mich ein Song inspiriert, irgendwas zu schreiben - irgendein Sound, irgendein Lied, irgendeine Melodie - dann sind diese Songs eh da und dann hab ich am Ende ja die Chance gehabt, zu sagen, ich bring sie raus oder nicht.

Ich benutze dieses Wort "Seelenstriptease" nicht. Ich glaub, man kann entweder ehrlich sein oder man kann nicht ehrlich sein, das ist das Einzige, was es gibt, für mich in dieser Welt. Wenn irgendjemand solche Sachen mir erzählen würde, dann würde ich persönlich nie das Wort "Seelenstriptease" verwenden, sondern sagen: 'Wow - der traut sich, viel zu erzählen.' Ich werd das oft gefragt in den letzten Tagen ... Ich weiß aber echt nicht, was einen angreifbarer macht: wenn man ehrlich ist oder wenn man unehrlich ist.

Ich hab angefangen in der Öffentlichkeit mit drei/vier Alben von Texten, in denen es nur darum geht, dass ich der beste Rapper bin und alle anderen scheiße sind. Ich glaube, das macht einen eindeutig angreifbarer, als wenn man sagt: 'Mein Vater ist gestorben.' Da kann wirklich keiner sagen: 'Nein, dein Vater ist nicht gestorben.' oder da kann keiner sagen: 'Ey – du vermisst deinen Sohn nicht, weil er 8000 km von dir weg wohnt'. Das sind keine Themen, auf die die Leute Einfluss nehmen werden.

Wenn ich sag: 'Ich bin der allerkrasseste Typ, ich bin der heftigste Gangster!', dann werden Leute sagen: 'Oh, warte mal! Ich bin der heftigste Gangster!' Das macht einen angreifbar, nämlich wirklich physisch angreifbar, weil dir, egal, wo du hingehst, Leute auf einmal auf's Maul hauen wollen – so wie's bei den ganzen Gangsterrappern eben ist. Aber, wo ich hingehe, kommen Leute auf mich zu und sagen: 'Alter, krasser Text. Mein Vater ist letztes Jahr auch gestorben.' Die Leute öffnen sich mir gegenüber ja auch. Ich benutz einfach dieses Wort "Seelenstriptease" nicht und sehe es dementsprechend auch nicht so, dass ich das mach. Aber ich werde oft damit konfrontiert, dass die Leute es so sehn. Ich find's auch nicht schlimm, wenn man das so sagt ... Sehr sexy ... (grinst) ... 'n Seelenstriptease.

Angreifbar ...

Weißt du? Was sollen denn die Leute wirklich sagen über diese Themen? Am Ende geht's ja nur um Geschmackssache. Natürlich können sie bei jedem Lied von mir sagen: gefällt ihnen/gefällt ihnen nicht - unabhängig von der Tiefe des Themas - aber ich weiß nicht genau, was einen angreifbarer macht: wenn man sagt, was wirklich bei einem emotional passiert oder nicht. Ich hab's auch nicht verstanden. Keiner dieser Leute, die mir, wie du, diese Frage gestellt haben, konnte mir ein Szenario sagen, wo ich angreifbar dadurch werde.

Ich finde gar nicht, dass es nur darum geht. Als ich die Frage gestellt habe, ob du Gefahren darin siehst, das Private in die Öffentlichkeit zu holen, habe ich auch darauf abgezielt, ob du nicht vielleicht auch Gefahren für die siehst, um die es außer dir noch geht, und ob man nicht auch deshalb eine Trennlinie ziehen sollte und aufpassen sollte, wie viel man da nach außen gibt – nicht nur wegen dir...

Nee - wegen dir anscheinend. Im nächsten Album erzähl ich jetzt nix mehr. (Schmunzelt. Es gibt übrigens keinen, auf den dieses Wort besser passen würde, als auf Samy. Die Personifikation des "Insichhineinschmunzelns") Für mich ist das alles okay und deshalb mach ich's so. Man kann ja nur so fühlen, wie man selbst eben ist, und handeln, wie man selbst fühlt. Ich seh da kein Risiko.

Aber beim Seelenstriptease geht es ja nicht nur darum, ob du angreifbarer wirst oder nicht. Man erzählt normalerweise so ja auch nicht jedem alles. Was du auf deinem Album sagst, ist etwas, das alle hören - alle, die Samy hören, hören dann, was da alles ablief und in dir vorging. Es geht dabei ja nicht darum, dass jemand sagen könnte: "Das ist nicht wahr, was du da sagst!"

Aber weißt du, wenn man so lange schon in der Öffentlichkeit ist, dann ist dieses "Verstandenwerden" schon auch irgendwann ein Bedürfnis. Und wenn man schlau ist, weiß man, dass man eh nie von der ganzen Masse komplett verstanden wird, aber es für Leute, die sich intensiv damit beschäftigen, schon die Möglichkeit gibt, dich mehr zu verstehen - weil die genauer hinhören und sich Interviews ankucken und lesen und mehr recherchieren. Ich finde das schon wichtig. Andere Rapper haben ja auch mir das Privileg gegeben, ihren Werdegang und ihr Gefühlsleben über Jahrzehnte zu verfolgen. Dadurch war ich immer sehr inspiriert. Ich war nie der Typ, der dachte, zehn Alben nur auf dem einen Film zu machen. Ich finde das genau richtig, wenn man die persönliche Entwicklung von einem Menschen auch reflektiert in seiner Musik sieht. Bei mir passieren Sachen, die sich eindeutig auch auf mein kreatives Schaffen auswirken und dann kann man wieder einfach nur Stilbrüche machen oder die auch erklären. So ein paar von den Dingen erklären eigentlich ziemlich gut, wie's bei mir gerade aussieht und warum.

"So geil ist mein Leben doch nicht."


Du sagst auf "Schwarzweiss", du bist nie zufrieden mit dem, was du hast.

Das sind natürlich schon so Momente, wo ich irgendwas generalisiere und versuche auf den Punkt zu bringen, was schon im Kern stimmt, aber sich natürlich nicht auf jede einzelne Situation im Alltag bezieht. Ich sitz hier jetzt nicht und denke den ganzen Tag: 'Ich hätte jetzt lieber ein schwarz gestrichenes Zimmer!' Ich bin nicht die ganze Zeit unglücklich. Vom Grundding her hab ich sehr viel Humor und sehe sehr viel Anlässe, jeden Tag auch zu lachen. Aber ich hab schon auch einfach oft so Momente, wenn die Musik dann vorbei ist und die Stille da, in denen ich denk: 'Okay - so geil ist mein Leben doch nicht.' Und das ist einfach so ein Grundding bei mir, weißt du? Man hat sich ja nicht selber ausgesucht, zu leben, und jetzt muss man da irgendwie durch. Ich glaube, das Wichtigste ist, das Beste daraus zu machen. Das fällt manchmal sehr leicht und manchmal eben auch nicht. Ich bin auch sehr wetterabhängig und leb hier in diesem Land, wo nie die Sonne scheint. Stimmungsschwankungen - so würd ich das beschreiben.

Aber es ist nicht so, dass du das gar nicht genießen kannst, wenn du was erreicht hast?

Doch, das ist bei mir auch so.

Denkst du immer schon gleich wieder ans Nächste?

Ich denke, für einen Künstler gibts auch gar nichts anderes, weil als Künstler das Kreative und das Schaffende einfach mehr zählt als der Status oder der Erfolg eines bestimmten Werkes, das du gemacht hast. Seitdem mein Album rausging letzte Woche, fing es schon wieder an. Ab dem Punkt, an dem ich weiß, dass die Öffentlichkeit jetzt meinen Status der letzten zwei Jahre künstlerischen Schaffens beurteilen kann, ab dem Moment hab ich wieder sehr konkrete Ideen, was mein nächster Schritt musikalisch sein kann und wie sich das anhören oder anfühlen muss.

Jetzt hab ich auch schon gleich wieder angefangen und bin am Organisieren: wann bin ich von der Tour zurück und wann kann ich wieder ins Studio? Und plane jetzt schon Sessions ... Das ist schon auch das, was den Unterschied zwischen Kunst und dem Rest der Finanzwelt ausmacht. Man ist nie cool, weil es nicht darum geht, was du gemacht hast, sondern es geht immer um das nächste Ding. Ich glaube jeder Künstler hat auch irgendwie mal so angefangen, dass er sich gefragt hat: 'Kann ich das jetzt oder nicht?' Und dann hat er irgendwie mal bewiesen, das er's kann und dann musst du's dir aber auch immer wieder beweisen. Kann ich jetzt nochmal oder kann ich nochmal anders? Mach noch mal das Gleiche! Mach mal besser! Mach mal größer!

Meinst du denn, du kriegst da irgendwann rechtzeitig den Absprung?

(Schmunzelt.) Ja - ich glaube, ich krieg irgendwann so 'n Amy-Winehouse-Absprung - auf jeden Fall.

Ach komm! Echt?

(Lacht.) Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Ich rauche zumindest kein Crack ... Ich weiß es nicht. Ich überleg mir das auch oft, wann der Punkt ist, wo man lieber einfach sagt: 'Fuck it - ich zieh jetzt auf irgend 'ne Insel und mach 'n Bootsverleih auf.' Irgendwas Entspanntes. Kann noch kommen. Ich hoffe, dass es irgendwann noch kommt.

Okay, jetzt noch mal kurz zu "Schwarzweiss". Ich habe den Titel, als ich ihn das erste Mal gehört hab, neben dem Kontrastding mit "Schwarz-Weiß-Denken" assoziiert, das jedem halbwegs differenziert denkenden Menschen ja ein Gräuel ist.

"Schwarz-Weiß-Denken" ist gar nicht in meinem Wortschatz. Das kannte ich auch wirklich nicht. Ich kenn schon vieles und hab schon eigentlich fast alles mal gehört, was es in der deutschen Sprache gibt, aber entweder benütze ich solche Sachen dann als Sinnbilder oder ich benütze sie nicht. "Schwarz-Weiß-Denken" war keins davon. Das hat bei mir nie irgendwas ausgelöst, von dem ich mir wirklich vorstellen konnte, was das heißt. Ich weiß schon, was Leute damit meinen, aber ich fand's nie so.

"Schwarz-Weiß-Denken" meint eben: so oder so. Und Schwarz-Weiß-Maler sind Leute, die die Nuancen nicht sehen oder sehen wollen, die es noch dazwischen gibt im Leben.

Aber mein Unterschied dazu ist ja, dass ich "Schwarzweiss" als eine Farbe betrachte. Ich seh das nicht als Schwarz und Weiß. Es ist eben aus dem Kontrast entstanden ein Ding, was aber wieder ein eindeutiges Bild ergibt und wieder eine neue Farbe. Das eine ist Schwarz, das andere ist Weiß, das ist "Schwarzweiss". Das war so meine Herangehensweise. Ich hatte auch zwischenzeitlich mit dem Gedanken gespielt, den Titel "Schwarzweiss" in Bunt auf die Platte zu schreiben, weil das dann noch mehr dieses Kontrastding hervorholt. Das ist für mich das Überthema gewesen, das es um Kontraste geht, verschiedene Kontraste zu einem Bild zusammenzufügen, das aber kein verwirrendes Bild ergibt, sondern ein Bild, das man verstehen kann.

Es geht ja um ganz verschiedene Kontraste. Kontraste, die du in dir vereinst, deine Hautfarbe etc., aber auch um Kontraste unserer Zeit. Welche sind das denn für dich primär?

Da ist wahrscheinlich der Song, der das am meisten auf den Punkt bringt, "Zurück zu wir" mit Max Herre, wo ich einfach über diese moderne Welt rede, diese extreme Reizüberflutung der Großstädte und alles blinkt und alles leuchtet und jedes Schild sagt dir, du musst abnehmen und jedes Schild sagt dir, du musst die und die Marke tragen, und das Auto kaufen... Die Essenz im Hook, die Max gemacht hat, ist eben, zu sagen: 'Ich muss zurück zu mir' bzw. dann im letzten Hook 'zurück zu wir'. Auf die Essenz des Menschseins gehen und eigentlich mal kucken, was sind denn die Werte, die einen wirklich glücklich machen? Das sind eben: Familie und Freunde und auch Natur z.B. Das merk ich eben auch sehr, dass mir die Großstädte mittlerweile nicht mehr wirklich gut tun und dass ich nur noch eine begrenzte Anzahl an Tagen am Stück noch gerne in der Großstadt bin und dann echt gerne wieder auf dem Land bin.

Du wohnst aber noch in Hamburg?

Etwas außerhalb von Hamburg.

Noch eine Frage zu einer ganz alten Zeile - schon 'ne Weile her. Da hast du gerappt: "Hip Hop ist schutzlos".

Ah - auf 'nem Stieber Twins-Ding!

Wie hast du das damals gemeint und wie siehst du das jetzt?

Das ist schwer ey! Das war jetzt echt so vor 13 Jahren oder so. Das jetzt echt 'n bisschen mies (lacht). Damals war das ja alles noch ein bisschen ein umgedrehtes Ding. Die Szene war eine wirkliche Hip Hop- Szene, in der es um wirkliche Hip Hop-Werte ging und es gab wenige Leute, die da irgendwie aus dem Raster fielen. Wir waren alle cool miteinander – so auf alle Städte verteilt. Max und die ganzen Leute in Stuttgart und wir in Hamburg und die Stieber Twins. Das war ja diese Kollaboration zwischen Max und Stieber und mir. Damals ging es um den Fakt, dass das Bild von Hip Hop in der Öffentlichkeit für die breite Masse, Der Wolf, Oli P. und die Fanta Vier waren. Wir hatten selber noch nicht so den Hype. Die Szene war nicht groß genug oder nicht Mainstream genug, um gegen das Bild, das diese anderen Acts Hip Hop aufgedrückt haben, anzukämfen. Das war das Ding 'Hip Hop ist schutzlos'.

Auf der anderen Seite ist es in den letzten Jahren ja wieder so gekommen – nur zum anderen Extrem hin. Früher waren wir alle die harten, echten Rapper und dann gab's da diese poppigen Typen im Fernsehen und dann waren irgendwann alle echten Rapper nur noch "die Rapper" und die neuen Rapper waren diese ganzen Gangsterjungs, die ins andere Extrem aus dieser Szene rausgebounct sind. In der Mitte sind so die, denen es wirklich um die Kunst geht. Auf der einen Seite sind die, denen es nur um den Kommerz geht, auf der anderen die, die so hardcore sind, dass sie dadurch auch wieder Erfolg gehabt haben. Ich sehe jetzt gerade wieder so 'ne Wendung bzw. so 'ne Phase, wo mal wieder einfach gute Alben von guten Künstlern rauskommen. Das Marteria Ding letztes Jahr und jetzt das Casper-Ding.

Noch mal zur Kunst: was hat's denn mit diesem "Factory"-Ding genau auf sich bzw. mit "Schwarzweiss" als Gesamtkunstwerk?

Ich habe ja in diesem Studio außerhalb von Hamburg aufgenommen. Das war jetzt so quasi mein Wohnort und meine Produktionsstätte für die letzten zwei Jahre. Ich hab dann in letzter Instanz – als das Album praktisch schon fast fertig war – überlegt, weil da so viel Platz ist, dass ich einen Teil der optischen und graphischen Umsetzung des Albums auch dort stattfinden lassen will. Dann hab ich mir ziemlich viele Künstler aus verschiedenen Städten und verschiedenen Phasen meines Lebens geholt, die ich entweder zufällig kannte oder wirklich gute Kollegen oder Leute, die ich zufällig entdeckt hab. Die hab ich alle eingeladen und dann haben wir da wirklich viel rumgemalt. Dieses "Hände hoch"-Video ist da eben entstanden. Ich hab da den großen Aufnahmeraum komplett in Weiß verkleiden lassen und dann haben wir da nur mit Schwarz dieses "Hände hoch"-Video umgesetzt, also Teile aus dem Video an die Wände geschrieben. Wir haben auch "Poesiealbum" da vorbereitet, ein bisschen das Haus dekoriert und ziemlich viel da rumgebastelt.

Das hatte für mich dann einfach so ein Warhole-Factory-Flavour - eben ein Ort, an dem Leute zusammenkommen. Ich hab das auch "Workshops" genannt, obwohl es keinen Lehrer gab und keine Schüler. Aber ich denk, wenn kreative Leute zusammen kommen, ist das ja so ein krasser Austausch und so ein Geben und Nehmen – in einer Minute kannst du mir irgendwas erzählen und mich damit beeinflussen und in der nächsten Minute kann ich wieder irgendwas sagen und dann dich damit beeinflussen - das ist ja ein kreativer Prozess. Das waren kleine Kunst-Workshops. Das hat sehr viel Spaß gemacht und auch maßgeblich den Look dieser Kampagne geprägt.

Und wann kommt das nächste Dynamite?

Mit Zukunftsprojekten bin ich vorsichtig. Ich hab Lust auf alles mögliche an Projekten und weiß aber auch, dass es alles immer auch seine Zeit dauert. Gerade Projekte, die andere professionelle, viel arbeitende Leute beinhalten, sind eben nicht mal eben kurz: 'Cool- lass mal 'n Album machen!' Das sind einfach zu viele Faktoren, die bedacht werden müssen.

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