Schon mal was von viralem Marketing gehört? Nein? Der Begriff bedeutet in Promokreisen so viel, dass eine Kampagne angestoßen wird, die scheinbar ungesteuert, sich einem Virus gleich verbreitend, das zu vermarktende Produkt bewirbt. Nach Michael Cretu bedient sich nun auch Trent Reznor, Mastermind der Nine Inch Nails, der Methode, um auf den neuen Longplayer aufmerksam zu machen - und beweist sich nebenbei als Meister der Propaganda.

Überall (mmö) - Normalerweise wird das neue Album eines Künstlers auf recht traditionellen Wegen beworben: Promokopien gehen an Radiostationen, Printmedien und manchmal auch ans Fernsehen. Wenn dann noch welche übrig sind, kriegen auch die Onliner ein paar Exemplare ab. Plakatieren empfiehlt sich nur in Großstädten und Flyer- bzw. Aufkleberauslegen auf Konzerten ist eher was für den Underground oder für Anhänger des Guerilla-Marketings.

Zunehmend wird heute das Internet als Marketinginstrument entdeckt, und so kann man mittlerweile ganz offiziell und legal komplette Alben vor der Veröffentlichung im Netz hören. So genannte Webwheels, bei denen der Fan von Seite zu Seite springen muss, um die Songs seiner Helden hören zu können, gelten unter Online-Experten allerdings längst als alter Hut, und so kommt Virales Marketing ins Spiel.

Die Regeln werden außer Kraft gesetzt, ganz im Sinne des Guerilla-Marketings machen sich die Werbefachleute Trends und Szenen zu Eigen, um ein Produkt an den Kunden zu bringen. Durch geschickt gefilterte und abgesonderte Informationen wird die Zielperson angefixt und so zum Konsumenten. Also genau das Richtige für einen Kreativkopf wie Trent Reznor.

Der Nine Inch Nails-Chef begnügt sich allerdings nicht damit, sein im April erscheinendes sechstes Album "Year Zero" auf kostenlosen Postkarten oder auf einigen Internetsites anzupreisen. Nein, Reznor tritt gleich eine ganze Lawine los, von der PR-Fachleute noch etwas lernen können.

Anfang des Jahres begann Reznor damit, der interessierten Öffentlichkeit versteckte Nachrichten preiszugeben. Auf neuem Merchandise der Nine Inch Nails sind bestimmte Buchstaben herausgehoben, so dass sich die Botschaft "I am trying to believe" zusammen fügte. Im Internet gibt es die Site iamtryingtobelieve.com, auf der es Informationen zu einem Medikament namens Perepin gibt.

Diese Site kommt angeblich aus der Zukunft, aus dem Jahr Null, das dem NIN-Album den Titel gibt. Dieses Jahr Null stellt vielleicht eine Referenz an die Rote Khmer dar, eine kommunistische Gruppe unter Pol Pot, der 1975 in Kambodscha an die Macht kam und dort bis 1979 eine Schreckensherrschaft errichtete, die je nach Schätzung bis zu zwei Millionen Menschen das Leben kostete. Das Jahr ihrer Machtergreifung erklärten die Roten Khmer zum Jahr Null.

In Diskussionsforen will man jetzt heraus gefunden haben, dass dieses Jahr nach abendländischer Zeitrechnung mit dem Jahr 2022 zusammenfällt. Scheinbar herrscht in Reznors Vision in den USA ein despotisches Regime, das die Bevölkerung u.a. mit dem immunstärkenden Perepin versorgt, um bioterroristischen Akten vorzubeugen. Ob es sich dabei um ein Mittel handeln soll, um die Bevölkerung ruhig zu stellen, bleibt unklar.

Dem Ganzen hängt natürlich der Ruch einer düsteren Verschwörung an, die Reznor auf diversen Sites ausbreitet. Im deutschsprachigen Raum laufen die Fäden auf der Site www.yearzero.de zusammen. Alle hier verlinkten Sites haben ein ähnliches Design, die Texte sind kryptisch und oft nur schwer zu lesen.

Von yearzero.de kommt man beispielsweise auf die Site einer fiktiven Division der amerikanischen Streitkräfte, die angeblich an diversen Auslandseinsätzen in der Vergangenheit beteiligt war. Demnach haben die USA zwischen den Jahren 2009 (dem Jahr -13 BA nach der Zeitrechnung Reznors, in der das Jahr 0000 BA, steht für Born Again, der Beginn einer neuen Zeitrechnung ist) und dem Jahr 2022 Operationen in der Türkei, Indien, Pakistan und im Tschad durchgeführt. Des Weiteren ist hier das Blog eines Veterans der besagten Division verlinkt, das besagt, dass die USA eine Atombombe auf die iranische Hauptstadt Teheran geworfen hätten.

Ebenfalls via www.yearzero.de kommt man zu einer Homepage, die zwei Visionen vom Amerika im Jahr 0000 darstellt, scheinbar eine "offizielle" und eine "reale". Über versteckte Links kommt man von einer dieser Seiten auf ein Mailingsystem, das eine Mail über die Droge Opal enthält, die im Jahr 0000 Furore macht. Einen weiteren Hinweis auf ein totalitäres Regime bietet die Tatsache, dass bei diesem Mailanbieter scheinbar E-Mails als "unpatriotic" markiert werden können. Eine weitere Site, die der First Evangelical Church Of Plano, beschäftigt sich mit "The Presence", einer Erscheinung in der Form einer Hand, die scheinbar im Jahr 0000 eine Rolle spielt. Die Hand Gottes?

Diese Erscheinung kann man angeblich sehen, wenn man an dem Song "My Violent Heart", der auf "Year Zero" enthalten sein wird, eine Spektralanalyse durchführt. Dieses Stück wurde übrigens, zurück in der realen Welt, angeblich nach einem Konzert der NIN in Lissabon auf der Toilette gefunden - auf einem USB-Stick. Natürlich landete der Track prompt im Netz. Auf einem Shirt der Band tauchte derweil versteckt in den Tourdaten eine Telefonnummer in den USA auf, die, wenn man sie anruft, einen Ausschnitt der Single "Survivalism" spielt.

Dasselbe passierte mit dem Track "My Violent Heart". Angeblich ergibt hier die Spektralanalyse eine zehnstellige Telefonnummer, offensichtlich wiederum in den USA. Wer hier anruft, bekommt einen Morsecode zu hören, der, dechiffriert, zu einer weiteren Website mit einem Transkript eines Verhörs führt. Außerdem hört man zuvor die Nachricht einer Frau, die panisch eine Freundin anruft, weil die Polizei bei ihr zuhause ist und anscheinend sie und ihren Mann umbringen will.

Weitere Details harren der Entschlüsselung. Reznor geht offensichtlich ganz in seiner Welt auf, seine düstere Zukunftsvision ist ebenso spannend wie die dazu gehörige Verschwörungstheorie. Dazu passt natürlich, dass der Mastermind "Year Zero" als eine Art Konzeptalbum bezeichnet.

Die dazugehörige Kampagne, hinter der die renommierte Werbeagentur 42 Entertainment steht, birgt ein interessantes Konzept, dass die Fans eine Weile beschäftigen dürfte und die Band im Gespräch hält. Genügend versteckte Links mit Soundschnipseln gibt es zu entdecken. Was vom Album selbst zu halten ist? Auf MySpace könnt ihr euch erste Tracks zu Gemüte führen.

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Nine Inch Nails

Nine Inch Nails,  | © laut.de (Fotograf: Lars Krüger) Nine Inch Nails,  | © laut.de (Fotograf: Lars Krüger) Nine Inch Nails,  | © laut.de (Fotograf: Lars Krüger) Nine Inch Nails,  | ©  (Fotograf: ) Nine Inch Nails,  | © laut.de (Fotograf: Lars Krüger) Nine Inch Nails,  | © laut.de (Fotograf: Lars Krüger) Nine Inch Nails,  | © laut.de (Fotograf: Lars Krüger) Nine Inch Nails,  | © laut.de (Fotograf: Lars Krüger) Nine Inch Nails,  | © laut.de (Fotograf: Lars Krüger) Nine Inch Nails,  | © laut.de (Fotograf: Lars Krüger)

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laut.de-Porträt Nine Inch Nails

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1 Kommentar

  • Vor 9 Jahren

    Ich würd eher sagen Trent Reznor hatte einfach seinen Spaß daran, sich diese ganze "Weltuntergangsgeschichte" auszudenken und daran rumzutüffteln. Hätte es das Internet 1994 in seiner heutigen Form schon gegeben, wäre mit The Downward Spiral (möglicherweise) etwas ähnliches geschehen. Er nutzt das Internet einfach als Plattform für seine Kunst. Und Year Zero ist ja, genau wie Downward Spiral, n Konzeptalbum. Er verfolgt damit ja ne spezielle Absicht. Und warum nicht das Internet dazu benutzen, diese Absicht weiter zu verfolgen? Ich glaube nicht, dass es ums Geld geht. Ich denke mal, davon hat er sowieso schon genug. Und daran ist ja auch nix schlechtes, solang man alles nicht nur aufgrund des Geldes macht. Von euch würde auch keiner arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden. In der Musikbranche kriegt man halt, wenn man "es geschafft hat", mehr Geld als man eigentlich brauch.