Rainer Schmidt, Spiegel-Autor und ehemaliger Vize-Chefredakteur bei Vanity Fair, hat einen Roman über Techno und Berlin geschrieben.

Berlin () - Anders als Tobias Rapp, der in "Lost And Sound - Berlin, Techno, Easyjet" die exzessive Feierkultur der Hauptstadt mit soziologischem Weitblick seziert hat, wagt sich Schmidt in seinem Roman "Liebestänze" – eingebettet in eine schmerzfreie Liebesgeschichte - an das Ende der Gründerjahre der Berliner Techno-Szene.

Schöne neue Techno-Welt

Die Geschichte von mit dem Anwalt kommt einem irgendwie bekannt vor. Felix kann es jedenfalls gar nicht fassen, dass er soeben das Mädchen am Tresen geheiratet haben soll. Was so ein bischen Nasenpulver in einem Düsseldorfer Techno-Club nicht alles anrichten kann! Sein Anwalt werde morgen sehen, ob sich da nicht noch etwas machen lässt. Das klingt etwas nach den Ausschweifungen aus "Fear & Loathing In Las Vegas" – und ein bisschen ist es auch so, in der schönen neuen Techno-Welt Mitte der 90er Jahre.

Wem gehört Techno?

Es ist 1996. Die Loveparade ist mittlerweile zu groß für den Kurfürstendamm geworden und droht mit seiner neuen Wegführung zu Siegessäule und Brandenburger Tor die rapide angewachsene Feierszene zu spalten. Kommerzieller Ausverkauf nennen das einige der Raver, die beim Kulturschock 1989 noch entgrenzt über den Kudamm tanzten, "we are one family" kontert die Gegenseite der massenhaften Nachzügler, die den Event mit seinen platten Botschaften zu einer politischen Kulturrevolution aufbläst, die Jahre später von einer Fitnesskette aufgekauft und in den Ruhrpott umgeleitet wird.

Techno im Feuilleton

Es geht bei diesen zynischen Rangeleien auch um die Deutungshoheit bei der Frage, wem denn diese neue Musik, die zur Rechtfertigung für tagelange Exzesse hergenommen wird, nun eigentlich gehört. Den Frankfurtern, Dr. Motte, Westbam, oder doch allen? Vom etwas kitschigen Ideal der durch und durch hedonistischen Techno-Familie ist nach zig Häutungen der Szene und der damit einhergehenden Rationalisierung und Professionalisierung auch dieser Eventsparte jedenfalls nicht mehr viel übrig geblieben. Auch die im Buch noch angeschnittenen Vorbehalte der 68er und der Spex-Brigaden sind verflogen. Techno darf heute auch mal im Feullieton verhandelt werden.

Vom Manager zum Raver

Kein Wunder also, dass sich Partys, DJs und nicht zuletzt auch das Publikum in der Hauptstadt pluralisiert haben und so auch naturgemäß das Distinktionsbedürfnis steigern. So wird heute in einem Berliner Techno-Forum vorsichtshalber nach dem antanzenden Sinus-Milieu und nach Statusberichten per I-Phone gefragt, bevor man auch nur zwei Sekunden auf einer zweitklassigen Afterhour verbringt. Auch vom Beginn dieses ständigen Wettlaufs um die besten Partys zwischen Mittwoch und Sonntag erzählt "Liebestänze" (KiWi, 288 Seiten, 8,95€).

Felix, bei dem es sich auch um die aggressiv-desillusionierte Hauptperson aus Schmidts Debütromans "Wie Lange Noch" handelt, ist nach ökonomischen Exzessen als Bankmanager in London ausgepowert wieder zurück in Düsseldorf, wo ihn seine Weggefährten - der unstetige Purist Mike und der Drogen-Exzentriker Ohlsen - auf Techno-Partys nicht nur ungefragt Es (gemeint ist naürlich Ecstasy) in den Mund schieben, sondern ihn alsbald auch zum unvermeidlichen Umzug nach Berlin überreden. Dort schließt das draufgängerische Trio schnell zu absoluten Hasardeuren der Szene auf.

Tanzen oder Liebe?

Rasant kommt dem sinnsuchenden Jungbanker die Balance zwischen einem prinzipienfesten Arbeitsleben und von Schmidt mysthisch verklärten, mehrtägigen Tripps in Techno-Welten im (alten) Tresor, dem ehemaligen E-Werk, oder bei der Mayday in Dortmund abhanden. Weil er sich für das berauschte, grenzenlose Partyleben entscheidet, steuert er unausweichlich auf seine Entlassung zu. "Diese Stadt bestraft mich dafür, dass ich ein Leben habe", hat im bereits erwähnten Techno-Forum neulich jemand sehr treffend formuliert, weil die Person nicht am Montag Nachmittag (!) in die Bar25 zu einem Set von Ricardo Villalobos konnte. Der einfache Grund, der in dem Buch weitestgehend ausgeblendet wird: Man muss tagsüber Geld verdienen bevor man es nachts ausgeben.

Jener DJ wird es auch sein, der in dem bald anlaufenden Dokumentarfilm "Villalobos" von Romuald Karmakar davon spricht, dass die Leute die Liebe in den Clubs nicht mehr finden, weil sie die Kommunikation verlernt haben. Eine Ahnung von dieser doch fremden Nähe bekommt man, wenn Felix' Werben um die attraktive, aufstrebende DJane Karla durch einige libidöse Abenteuer auf eine harte Probe gestellt wird.

Liebestänze auch als Video-Roman

Weitaus launiger als die einfach gestrickte Liebesgeschichte sind Felix Aufeinandertreffen mit den kaputtesten Protagonisten dieser Berliner Nächte: Mit Ohlsen, dem "größten Raver aller Zeiten". Dem Paten, der Versöhnungs-Raves im Irak und China veranstalten will, bis der große Schwindel am Ende auffliegt. Und dem Professor, der sich auf Pilzen in einen Stern verliebt und im Club nackt von den Boxen herunter predigt. "Zeitzeugen" haben Schmidt ein paar der unglaublichsten Ankedoten aus jener Zeit in den Block diktiert.

Jeder, der schon schlaflose Tage in der mittlerweile geschlossenen Bar25 oder dem weltweit verehrten Berghain zugebracht hat, weiß, dass sie nicht aus der Luft gegriffen sein können, wenn sich selbst die Bild-Zeitung mittlerweile auf Spurensuche begibt. Doch die Drogengeschichten, so abgefahren-kaputt sie auch sein mögen, vernebeln auch die Botschaft von der sinnlichen Progressivität des Techno, die Schmidt in Form der reinen Musikliebe einer Karla ebenso ins Bild gerückt haben will. Wie Felix und Karla gegen Ende des Buches bei der Loveparade auf der Siegessäule stehen und selig auf Hundertausende halbnackter Raver blicken - da übertreibt es Schmidt schon mal mit dem Humanismus.

Auf www.liebestaenze.de hat Schmidt seinen Roman zudem von 300 Protagonisten aus jener Zeit in kurzen Videobotschaften einlesen lassen. Paul Van Dyk, Westbam, Dr. Motte, Maxim Biller und andere lesen dort jeweils eine Seite vor, bis das ganze Buch Ende November online steht.

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