Thom Yorke und Co. setzten mit einem Doppelkonzert am Wochenende das Highlight in der Hauptstadt.

Berlin (mma) - Radiohead beherrschten am vergangenen Wochenende die deutsche Hauptstadt. Facebook ist dafür der gewohnt hervorragende Indikator: Viele Freunde und Bekannte, die sich in der Vergangenheit nicht unbedingt zuvorderst als Musikconnaisseure profilierten, fluten pünktlich zum ersten Teil des Doppelkonzert-Wochenendes ihre Wall mit verwackelten Amateurfotos der Pilgerstätte in der Parkarena Wuhlheide.

Der Eindruck bestätigt sich kurz darauf. Noch am Post-Konzert-Samstag andernorts in der Stadt leuchten die Augen, als ein an sich Radiohead-unbewanderter WG-Mitbewohner ("Ich kenne nur 'Creep'!") vom Auftritt berichtet. Dass die Clique um Thom Yorke ihm "das beste Konzert des Jahres" geschenkt habe, heißt es. Außerdem hinterließ Phil Selways Schlagzeug mächtig Eindruck.

Tränen - angesichts der Ticketpreise

Die Freundin des Mitbewohners hingegen hegt gar zu viel Leidenschaft fürs Thema. Seit Southside-Festival-Quetscherei in den ersten Reihen verzichtet sie lieber auf weitere Livemomente mit ihrer Lieblingsband. Unserer amerikanischen Couchsurferin wiederum kommen beim Gedanken daran, sich die über 60 Euro fürs Ticket nicht leisten zu können, beinahe die Tränen.

Ihr bleibt die inoffizielle Yorke-Aftershow-Party im zum hippen Club umfunktionierten ehemaligen Stadtbad Wedding. Dort wird der Sänger später beim DJ-Set neben Eröffnungsact Daniel Snaith (alias Caribou, alias Daphni) gesichtet.

Die Nagelprobe am Sonntagabend

Am Sonntag bietet dann endlich der zweite Teil des Mammut-Programms in der Wuhlheide die Probe aufs Exempel. Während sich ein verzopfter und sichtlich gealterter Leadsänger gleich zweimal über die herbstlichen Temperaturen mokiert, reißen er und seine Mannen das gewohnt souveräne Set vom Brett. Wie am Vorabend spielen Radiohead zweieinhalb Stunden Best Of.

Das gedoppelte Schlagzeug wird zwischendurch gar noch auf drei Drummer erweitert, entsprechend drückend wie rhythmusforciert kommt der Sound. Auch in Anbetracht der einstelligen Temperaturen dauert es dennoch eine Weile, bis aus dem kollektiven Respektapplaus erste Euphoriewellen aus der Arena laufen.

Digitale Dramaturgie

Die Briten scheinen auch genau auf diese Dramaturgie abzuzielen: Man gibt sich zunächst reichlich autark vom Publikum und behält die großen Alternativerock-Hits im Ärmel. Displays oberhalb des Bühnengeschehens bilden die Performance der einzelnen Musiker abseits einiger Signaleffekte relativ nüchtern ab.

Zugleich funktioniert diese visuelle Dopplung auch symbolisch auf zweierlei Ebenen: Die Band vereinnahmt so abseits des Servicegedankens ein Mehr an Raum, vervielfacht sich in eine digitale Unendlichkeit hinein. Zum anderen darf die Spiegelung womöglich auch als Statement zur generellen Reproduzierbarkeit im Digital Age gelesen werden.

Pychedelischer Kosmos

Ebenso unterstreichen projizierte QR Codes die gezielt moderne wie minimale Präsentation. Folglich kann sich die nicht ganz so zahlreiche Zuschauermenge (am Samstag war von 15.000 Besuchern die Rede) bis zur Mitte des Abends vor allem auf das Adjektiv 'solide' als Wasserstandsmeldung einigen.

Erst "Climbing Up The Walls" bricht das saisonal verfrühte Eis auch für diejenigen, die sich nicht schon mit psychedelischen Substanzen Zugang zum gleichfalls psychedelischen Radiohead-Kosmos verschafft haben. Am Ende aber stehen sie natürlich, die Wände aus Beifall für "Paranoid Android" und Co.

Das altbekannte Dilemma

Eine mittlerweile 27-jährige Formation mit so enormer Bühnenerfahrung weiß eben exakt, wann der Hebel in den nächsten Gang umgelegt werden muss. Im selben Moment belegt der immense Stadionrahmen mit 25.000 bis 30.000 Ticketkäufern das alte Erfolgsdilemma: Eine Intimität zwischen Sendern und Empfängern oder eine den Songreigen transzendierende Kraft kann auf Sitzplätzen und unter ständigem Ordner-Fingerzeig letztlich schwer aufkommen.

Alles wirkt etwas zu wohlgeordnet. Glücklich somit die, die zumindest Thom Yorke auch Face-to-face beim DJ-Abend zuvor erleben durften - dort erfrischenderweise jenseits versiegelter Souveränität. Dass der weltberühmte Philanthrop derlei Nahbarkeit überhaupt zulässt, ist ihm hoch anzurechnen.

Fotos

Radiohead

Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Radiohead,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig)

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laut.de-Porträt Radiohead

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6 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Ich war Samstag da, und ich muss da mal ein zwei Stellen einhaken. Zum einen waren die Zuschauer von Anfang an kaum zu halten, und zweitens haben meine Freunde und ich uns bewusst für Sitzplätze weit oben entschieden, um eben die Bühnenshow besser bewundern zu können - und die Stimmung und Atmosphäre war fantastisch. Anders lässt sich auch nicht erklären warum bei "Give up the ghost" annähernd Totenstille geherrscht hat... ich war selber so baff dass ich mich umgesehen habe, so leise war es! Eines der besten Konzerte auf denen ich jemals war :)

  • Vor 2 Jahren

    schließe mich Bernoit an, war ebenfalls Samstags brav hinten auf der Tribüne, die Athmosphäre ohne Worte, eine tolle Setlist, kein Song wurde vermisst (gut die leutchen hinter mir beschwerten sich über das fehlen von Karma Police) die Band stark introvertiert, die Bühnenshow mit den Bildschirmen kongenial, und ich Hellauf begeistert.

  • Vor 2 Jahren

    schließe mich Bernoit an, war ebenfalls Samstags brav hinten auf der Tribüne, die Athmosphäre ohne Worte, eine tolle Setlist, kein Song wurde vermisst (gut die leutchen hinter mir beschwerten sich über das fehlen von Karma Police) die Band stark introvertiert, die Bühnenshow mit den Bildschirmen kongenial, und ich Hellauf begeistert. Und still war es nicht nur während Give Up Ghosts sondern auch auf dem kompletten Weg zur S-Bahn.

  • Vor 2 Jahren

    Bullshit...gerade die Wuhlheide transportiert das musikalische optische Kunstwerk wirklich perfekt. Das war 2008 so und heute genauso. Thom hat die Kälte wie nen angestacheltes Rumpelstizchen weggetanzt ;) Optisch sind sie natürlich schwer zu toppen aber technisch sind es noch Menschen. Es gab da so kleine Aussetzer welche diese ja als Ausserirdisch gut geltende Band durch puren Humor wegwischte...ick sach nur kalte Glatze vom Drummer wer da war ^^

  • Vor 2 Jahren

    Ich war am Sonntag da, und fands fantastisch - tolle Setlist, die kaum zu Wünschen übrig lies (ich hab The National Anthem vermisst, das am Samstag gespielt wurde, hab dafür aber How to Disappear Completely bekommen), wahnsinnig gute Klangqualität, ein gut aufgelegter Thom der so seine Witze machte. Der einzige Wehrmutstropfen war die Crowd, die oft nicht so richtig in Fahrt zu kommen schien. Während Paranoid Android hat sich das Mädel vor mir zu mir umgedreht und gefragt, wie denn der Song heißt, und ich war komplett erschüttert. Highlights waren für mich vor allem die neuen Songs (Feral, Separator, Morning Mr. Magpie, Lotus Flower), außerdem noch Kid A, Myxomatosis, There There und Paranoid Android. Enttäuschend war die letzte Zugabe mit einem sehr stillen Everything in Its Right Place (konnte mich selbst mitsingen hören) und einem meiner Meinung nach viel zu laschen Idioteque.

    Alles in Allem fand ichs aber fantastisch, ich hatte meinen Spaß und ein fettes Dauergrinsen das ganze Set durch.