Der Sänger von Iron Maiden über seine Band, die Schönheit des Fliegens, erfolgreiche Krebsbekämpfung und Krieg in Sarajewo.

London (giu) - Was macht der Sänger einer der erfolgreichsten Heavy Metal-Bands nach einer schweißtreibenden, zweistündigen Show? Er schnappt sich erst mal ein kühles Bier, klar. Und setzt sich dann an den Tisch seines Hotelzimmers, greift zum Stift und schreibt. Eine von mehreren Strategien, die Bruce Dickinson entwickelt hat, um im Rock'n'Roll-Wahnsinn nicht unterzugehen.

Begonnen hat er damit bereits 1986. Das erste Ergebnis war der absurde Roman "The Adventures of Lord Iffy Boatrace", der 1990 erschien und sich in Großbritannien stolze 40.000 Mal verkaufte. Der deutsche Titel lautete "Lord Iffy und die Sex-Maschine", was recht gut wiedergibt, was Dickinson damals bewegte. Der Aufbau eines zweiten Standbeins war es jedoch nicht, denn nach einem weniger erfolgreichen Sequel ließ Dickinson lange den Stift ruhen, bis er 2015 begann, seine Autobiographie zu schreiben. Er hatte einfach zuviel um die Ohren.

Seine Lebensbeichte geht Dickinson traditionell an, indem er bei seiner Kindheit beginnt, die er in einer chaotischen, aber nicht lieblosen Arbeiterfamilie im Norden Englands verbringt. Nach der Grundschule geht er auf ein ehrwürdiges Internat mit sadistischen Lehrern und Mitschülern, wo er ordentlich Prügel einstecken muss. Aber auch seine Liebe fürs Fechten und den Rock entdeckt, insbesondere für Deep Purple und progressive Pop-Rock-Bands wie Genesis zu Zeiten Peter Gabriels oder Van Der Graaf Generator. Sie alle erzeugen in ihm ein actionreiches Kopfkino, das nach wie vor der Antrieb seiner musikalischen Aktivitäten ist.

Mitte der 1970er Jahre zieht er nach London, um am Queen Mary College Geschichte zu studieren. So zumindest die offizielle Begründung, denn erst mal geht es ihm darum, seine Jungfräulichkeit zu verlieren, um dann als Sänger in einer Band anzuheuern. Ersteres klappt schnell, mit einer Zahnmedizinstudentin, die "die Pharmakologie der Verhütungsmittel Wort für Wort runterbeten konnte. Der wohlige Schauer reiner Lust war somit verflogen, doch an seiner Stelle trat die beruhigende Verlässlichkeit einer fundierten klinischen Herangehensweise. Wir gingen jedenfalls ordentlich zur Sache", erinnert er sich.

Bis es mit dem Singen klappt, braucht er dagegen mehrere Anläufe, schließlich schnappt er bei Samson professionelle Luft. Die ist allerdings so mit Marijuana geschwängert, dass er eines Abends erst das Klo und dann das Hemd seines großen Vorbilds Ian Gillan vollkotzt. Also der richtige Zeitpunkt, um sich nach einer anderen Band umzuschauen. Kurz darauf, 1982, steigt er bei Iron Maiden ein und betritt somit eine Achterbahn, der er bis heute angehört.

Wer nun wüste Geschichten rund um die Band erwartet, wird eher enttäuscht. Zwar erwähnt Dickinson eine schlüpfrige Pool-Party und einen Drink, der zu seines Unwissens mit Speed angereichert ist, doch zeichnen sich Iron Maiden seit jeher durch Arbeitseifer und nicht durch Exzesse aus. Bier, na klar, ein bisschen Koks (die anderen), aber sonst ist harte Arbeit angesagt. Als er 1983 nach dem letzten Konzert der "Number Of The Beast"-Tour im Gang seines Hotels auf der Suche nach etwas Essbarem auf allen Vieren zu einem Tablett krabbelt und sein verzerrtes Gesicht in einem Spiegel sieht, beschließt Dickinson, etwas ändern zu müssen.

Er besinnt sich auf seine Schulleidenschaft, das Fechten. Wann immer es der Zeitplan der Band zulässt, trainiert er und nimmt an Lehrgängen teil. Bald ist er so gut, dass er Turniere bestreitet, in den 1990er Jahren gehört er sogar der britischen Nationalmannschaft an. Starallüren ist ihm dabei fremd. Zwar kauft er sich mit seinem ersten Geld eine ordentliche Bleibe in London, doch zeigt sich eine Journalistin entsetzt, die ihn bei einem Fechtlehrgang in Bonn besucht, als sie feststellt, dass in seinem Zimmer gerade mal eine Matratze auf dem Boden und ein Fernseher stehen. Mehr bräuchte er nicht, so Dickinson.

Auf dem Weg von einem Turnier ins Studio entdeckt Dickinson Ende der 1980er Jahre das Fliegen, eine Leidenschaft, die bald die fürs Fechten übertrumpft. Er hangelt sich von Schein zu Schein und wird im neuen Jahrtausend gar Fluglinien-Pilot. "This is your Captain Bruce Dickinson speaking" heißt es für einige Sommer, als er Charterflüge für die mittlerweile nicht mehr existierende Gesellschaft Astraeus durchführt. Wer sich für die Eigenschaften unterschiedlicher Fluggeräte interessiert, wird hier fündig. Auch erzählt Dickinson die eine oder andere nette Anekdote. Etwa, als am Flughafen München ein Iron Maiden-Fan in voller Montur auf ihn zuläuft und ihn fragt, wo die Haltestelle für den Bus ins Stadtzentrum sei. Er hatte Dickinson in Pilotenuniform nicht erkannt.

Über Iron Maiden erfahrt man nicht viel mehr als ohnehin schon bekannt - die Band hat über die Jahre ja unzählige Konzertmitschnitte samt Dokumentationen veröffentlicht. Leider erzählt Dickinson wenig von seinem sicherlich nicht immer einfachen Verhältnis zu Bassist und eisernen Bandchef Steve Harris. Außer, dass sie immer wieder mal aus künstlerischen Gründen aneinander geraten und dass Dickinson deshalb zwischen 1993 und 1999 die Band verlässt. In diesem Zusammenhang fällt einer seiner besten Sprüche: "Bands wie Soundgarden und Faith No More klangen innovativ, während Leute aus dem 'traditionellen' Metal-Lager eher an Transen erinnerten, die sich dringend mal rasieren mussten."

Außer seinen Erzeugern und seiner Schwester - und das ist der schwächste Punkt des Werks - erfährt man über seine Familie genau gar nichts. "Was privates betrifft, so habe ich zu Beginn des Schreibens eine innerbetriebliche Entscheidung getroffen: keine Geburten, Hochzeiten oder Scheidungen, weder von mir noch von irgendjemand anderem", erläutert er im Nachwort dazu. Ein wesentlicher Aspekt seines Lebens fehlt also, immerhin war er zwei Mal verheiratet und hat drei (erwachsene) Kinder.

Nicht, dass er sein Innenleben außen vor lässt. Er schreibt viel über den Zungenkrebs, den er 2015 durch Strahlung und Chemotherapie besiegt. Bemerkenswert, wie er auch diesen Kampf mit der üblichen Energie angeht. Um sich abzulenken, beginnt er mit der Erstellung seiner Memoiren, an einem Tisch in seinem Stammpub. Zwar schmeckt das Bier zu diesem Zeitpunkt nicht, aber es geht ums Prinzip.

Die eindrücklichste Passage ist seine Erinnerung an einem Benefizkonzert Mitte der 1990er Jahre in Sarajewo zu Zeiten des Kriegs. Mit einer kurzerhand zusammen gestellten Band reist er in einem Jeep in die belagerte Stadt, fürchtet um sein Leben und bewundert all die Menschen, die trotzdem ihrem Leben nachgehen. Eine Erfahrung, die ihn so sehr mitnimmt, dass er unter die Fotos seiner verschiedenen Aktivitäten auch das eines bosnischen Jungen mischt, der von einem serbischen Heckenschützen erschossen wurde und neben einem UN-Jeep in einer Blutlache liegt.

1984 hatte er mit Iron Maiden Polen bereist, damals noch ein schwer zugänglicher kommunistischer Staat. Neben der Begeisterung der Fans ist ihm vor allem ein Besuch in Erinnerung geblieben.

"Über Auschwitz fliegen keine Vögel. Es scheint, als vergifte der Boden die Luft mit dem Gestank des Todes und dem Bösen all derer, die einst auf ihm marschierten und das Grauen planten. Das wahre Ausmaß des Schreckens zeigt sich im Kontrast zwischen der Banalität der Planung der industriellen Massenvernichtung einerseits und dem Schrecken in den Gaskammern andererseits. Dieser Schrecken, so glaube ich zumindest, entsteht aus der heimlichen Angst davor, dass wir tief in unserem Innern selbst solche Monster sein könnten. Der Gedanke daran lässt mich erschaudern. Nach diesem Besuch habe ich viel geweint.

Unüblich tiefgründige Gedanken für den Sänger einer Heavy Metal-Band, möchte man meinen. Eine lesenswerte Biographie also, auch wenn sie manchmal nach der Aktivität klingt, die Dickinsons Beschäftigung als Pilot ersetzt hat: Die des Motivationsredners.

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Bruce Dickinson - Die Autobiografie Ausgewählte Fotos aus dem Buch

Ausgewählte Fotos aus dem Buch, Bruce Dickinson - Die Autobiografie | © Random House (Fotograf: ) Ausgewählte Fotos aus dem Buch, Bruce Dickinson - Die Autobiografie | © Random House (Fotograf: ) Ausgewählte Fotos aus dem Buch, Bruce Dickinson - Die Autobiografie | © Random House (Fotograf: ) Ausgewählte Fotos aus dem Buch, Bruce Dickinson - Die Autobiografie | © Random House (Fotograf: ) Ausgewählte Fotos aus dem Buch, Bruce Dickinson - Die Autobiografie | © Paul Harries (Fotograf: ) Ausgewählte Fotos aus dem Buch, Bruce Dickinson - Die Autobiografie | © Random House (Fotograf: ) Ausgewählte Fotos aus dem Buch, Bruce Dickinson - Die Autobiografie | © Random House (Fotograf: )

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