laut.de-Kritik

Ein Juwel für Liebhaber entspannter Zwirbelmusik.

Review von

Als im September 1996 die Gebrüder Godfrey und Skye Edwards mit ihrem Debüt "Who Can You Trust?" fast aus dem Nichts auf der Bildfläche erscheinen, ist der Trip Hop-Zug eigentlich schon abgefahren. Der sonst so treffsichere Radiosender FM4 aus der Alpenrepublik versteigt sich anno Tobak im Zusammenhang mit Morcheeba gar zu der Behauptung, das Trio spiele in der zweiten Liga des Genres. Angesichts des Debüts: eine mittelschwere Fehlinterpretation.

Den großen Erfolg feiern Morcheeba erst mit dem zweiten Album "Big Calm" und Überflieger-Tracks wie "The Sea" oder "Part Of The Process". Mit "Who Can You Trust?" stehen sie aber noch knietief in trippigen Gefilden, was ihnen im Rückblick auch am besten zu Gesicht steht.

Die zwei Brüder und die Elfe am Mikrofon laufen sich eher zufällig über den Weg und beginnen um 1995 herum, an Songs zu basteln. DJ und Produzent Paul sowie sein an diversen Instrumenten versierter Bruder Ross bilden hierbei ein kongeniales Duo. Die beiden bereiten Skye, der Sängerin mit der Engelsstimme, das ideale Fundament, um darüber ihre Texte zu hauchen. Die Dame besitzt ein Timbre, mit dem sie auch ellenlange Epistel aus dem Brockhaus zitieren könnte, das Publikum hinge dennoch gespannt an ihren Lippen.

Der Sound des Albums bietet oldschoolige Hip Hop-Beats, zahlreiche Scratches, funky Gitarreneinlagen, perkussive Spielereien mit Congas und Tablas, Sequenzer-Gezwirbel und allerlei weitere spaßige Ingredienzen. Das macht die Reise durch das Dutzend Tracks zum perfekten Sportzigaretten-Soundtrack. Am Meer, See, Fluss, zu Hause? Ganz egal: "Who Can You Trust?" einlegen, und man schwebt entspannt von einem angenehmen Emotions-Strudel zum nächsten.

Trotz der wunderbar ineinander greifenden Rädchen der Produktion klingen die Songs nie aufdringlich. An allen Ecken und Enden sorgen Effekte und Spielereien für die richtige Auflockerung. Hier tut sich besonders Ross Godfrey hervor, der allerlei Saiteninstrumente aus seinem Fundus auspackt. Slidegitarre? Bitte, gerne! Die Single "Trigger Hippie" profitiert davon enorm, wenn er im Hintergrund wie ein zugedröhnter Blueser sein Instrument malträtiert.

Über die gesamte Spielzeit befindet sich "Who Can You Trust?" im steten Fluss, lediglich von den beiden Instrumentals "Post Houmous" und "Enjoy The Wait" unterbrochen. Letzteres kommt eher einem Witz gleich, wenn Ross einmal mehr den John Lee Hooker mimt, während sein Geschwisterchen mit blubberndem Elektro dagegen hält.

Das 2000er "Fragments Of Freedom" markiert die Hinwendung zu fröhlicheren Pop-Tunes, mit dem sträflich unterschätzten "Howling" findet sich hier das komplette Gegenstück zur unbeschwerten Heiterkeit. Ein düster und drohend wabernder Sound mit hübscher Streicher-Sektion begleitet die Slogans, die Skye von sich gibt und die die Stimmung im Ungefähren lassen.

Wer heult hier warum? Wer feuert die Knarre ab und schaukelt durch den Himmel? Die Antwort lautet: egal. Wie oben erwähnt, Skye könnte auch ein Kochbuch vertonen, es klänge einfach umwerfend. "Small Town" flicht ein wenig Off-Beat ein, ein dröhnendes Saxophon sowie ein ganz famoses Orgel-Solo sorgen an den Flanken für den nötigen Drive. Immer schön nach vorne pumpend, aber mit Bedacht!

Wer bis hier noch keinen durchgezogen hat, muss das spätestens beim fast neunminütigen Titeltrack. Wem kann man nun trauen? Na, diesem Trio hier. Die schicken dich nämlich mit Wah Wah-Gitarre, Blubber-Elektro, Fiep und Säusel gleich auf die nächste grüne Wolke. Aber keine Angst, man befindet sich in guten Händen. Keine Bewegung zu schnell, kein Gedanke zu hektisch, hier schälen sich angenehme Emotionen aus der Hirnrinde, verweilen einen schönen Moment und sagen sanft Auf Wiedersehen.

Morcheeba lassen einen aber nicht in der benebelten Stimmung zurück. Wie der persönliche Gutenmorgen-Gruß zieht "Almost Done" den Hörer wieder ein Stück empor. Gerade so weit, um am Kaffee nippen zu können. Das abschließende "End Title" entschwindet in satten zwei Minütchen als funkige, gut gelaunte Arschwackel-Reprise des Openers "Moog Island" um die Ecke.

Das Photoshop Philipp-Cover lässt vielleicht anderes vermuten, aber "Who Can You Trust?" stellt aufgrund seiner Kompaktheit, der grandiosen Kompositionen und der absolut relaxten Stimmung ein Highlight des Trip Hops dar. Über dieses Juwel muss jeder Liebhaber entspannter Zwirbelmusik irgendwann stolpern. Oder schweben. Je, nachdem.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Moog Island
  2. 2. Trigger Hippie
  3. 3. Post Houmous
  4. 4. Tape Loop
  5. 5. Never An Easy Way
  6. 6. Howling
  7. 7. Small Town
  8. 8. Enjoy The Wait
  9. 9. Col
  10. 10. Who Can You Trust?
  11. 11. Almost Done
  12. 12. End Theme

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