laut.de-Kritik

Willkommen in der Irrelevanz.

Review von

Hurra! Morbid Angel spielen wieder richtigen Death Metal! Oh, weh! Der ist echt schwach. Zwar fühlt es sich gut an, nach dem "experimentellen" "Illud Divinum Insanus" mit dem bollernden Riff von "Piles Of Little Arms" einzusteigen. Allzu bald stellt man dann jedoch fest: Der insgesamt eher mittelmäßige Track markiert einen der Höhepunkte von "Kingdoms Disdained".

Besonders das großkotzig betitelte "Declaring New Law" ist fast schon eine Frechheit, der absolute Tiefpunkt der Scheibe. Eine ganze Minute lang hackt Trey Azagthoth unermüdlich auf genau einem abgestoppt gespielten Akkord herum. Scott Fuller an den Drums geht nicht viel einfallsreicher vor, und Steve Tucker knarzt Alibi-mäßig ein paar Extranoten drunter durch, während er seltsame Spoken Word-Growls hinlegt.

Nach der Einstiegsminute wird es keineswegs besser. Morbid Angel spielen einfach für den Rest des Songs ein fast genauso statisches Riff. Das Ziel war wohl, hypnotisch zu klingen. Sie klingen tatsächlich einfach nur faul. Als wollte er diesen Eindruck noch verstärken, klatscht Azagthoth noch ein liebloses Solo obendrauf. Der Mann erzielt regelmäßig hohe Platzierungen in "Bester Metalgitarrist"-Rankings, hier wirkt es, als habe er gerade seine Orientskala entdeckt und sie einfach nur eingebaut, weil er sie so cool findet. Ist das ein Witz?

Die Produktion hilft beim Schönhören auch nicht weiter. Erik Rutan hat einen merkwürdigen Mix aus Moderne und Oldschool gezimmert. Weder er noch die Band hatten offenbar einen Plan, wie Morbid Angel 2017 klingen sollten. Die Leads kommen dünn aus den Boxen, darunter matschen die tiefgestimmten Gitarren, als habe man sich auf halbem Weg zu Millenniumssound entschieden, doch noch ein bisschen 90er-Underground reinzubringen. Scott Fullers Becken klingen zwar gut, stehen teilweise aber zu dominant im Mix.

Ab und an schaffen es Morbid Angel immerhin in die Mittelmäßigkeit. "D.E.A.D." liefert ein Beispiel, dafür, hier brechen die Genrepioniere aus dem sonst vorherrschenden Marschgalopp aus und verlangen dem Hörer auch strukturell etwas ab. Die Tremolosalven machen zumindest bis kurz vor Schluss sogar Spaß, bis die Band entscheidet, wieder in einfallslosen Repetitiv-Hack zu verfallen.

Ein Hauptproblem an "Kingdoms Disdained" ist, dass die Riffs bis auf wenige Ausnahmen (zum Beispiel "Pile Of Little Arms") im Grunde keinen Wiedererkennungswert besitzen. Oft unterscheiden sie sich einzig darin, in welcher Reihenfolge sie ihre begrenztes Repertoire an Riffrhythmik abspulen. Tiefgestimmte Gitarren sind eben kein Garant für gute Riffs und erst recht keiner für Kreativität. Airbourne servieren frischere Riffs als Morbid Angel auf "Kingdoms Disdained".

Das Statement über Wiedererkennungert gilt übrigens nicht für "The Pillars Crumbling". Dort ploppt nämlich im Outro ein Lead auf, an das man sich – leider – erinnert. Vor allem daran, wie schlecht es ist. Nicht einmal hier sieht Azaghtoth eine Notwendigkeit, sich großartig übers Griffbrett zu bewegen sondern pendelt stur zwischen den beiden Bestandteilen eines Power Chords hin und her. Als Einleitung zum Solo hätte das vielleicht funktioniert. Dass das "Solo" dann aber aus fünf Wiederholungen desselben Patterns besteht, haut weniger rein.

Morbid Angel sind nicht mehr die Band, die Hornträger wegen eines angeblichen Frevels am Metal ("Illud Divinum Insanus") verhöhnen. Auf "Kingdoms Disdained" sind sie das Gegenteil: eine Band, die man nur gut findet, wenn man Metal hört, weil es böse grunzt und gurgelt und kracht und alles andere "seichter Pop" ist. Dann lieber Experimente, die polarisieren wenigstens. So sind Morbid Angel einfach irrelevant. Die Hymne dazu liefern sie mit "The Fall Of Idols" gleich mit. Aber nettes Cover-Artwork, ich muss schon sagen ...

Trackliste

  1. 1. Piles Of Little Arms
  2. 2. D.E.A.D.
  3. 3. Garden Of Disdain
  4. 4. The Righteous Voice
  5. 5. Architext And Iconoclast
  6. 6. Paradigms Warped
  7. 7. The Pillars Crumbling
  8. 8. For No Master
  9. 9. Declaring New law (Secret Hell)
  10. 10. From The Hand Of Kings
  11. 11. The Fall Of Idols

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3 Kommentare

  • Vor 17 Tagen

    Hmm, ich weiß nicht. Ich finde Morbid Angel und "Kingdoms Disdained" nicht nur deshalb gut, weil "es böse grunzt und gurgelt und kracht und alles andere "seichter Pop" ist". Aber das ist eben einer der Aspekte, die einen guten Rezensenten von einem eher mittelmäßigen unterscheiden: Der gute Rezensent braucht solche allgemeingültig formulierten Pseudo-Argumente nicht, um auszudrücken, dass ihm ein Album schlichtweg nicht gefällt, sondern belässt es bei sachlicher Kritik mit Substanz. Ja, selbst einen Verriss kann man so schreiben, dass man dabei nicht wie die vermeintlich höchste Instanz wirkt.

    Ist auch nicht böse gemeint, Herr Berger, aber: Relevanz ist nicht messbar. Ich schätze, dass Morbid Angel in dieser Form für ihr Kernpublikum weitaus mehr Relevanz besitzen als noch mit "Illud Divinum Insanus", aber auch dies ist nur geraten.

    Damit ziele ich gar nicht auf die dämlichen "Seid doch bitte objektiv"-Kasper ab, die überhaupt nichts kapiert haben, sondern möchte lediglich darauf hinweisen, dass man seine Argumente etwas bodenständiger formuliert.

  • Vor 16 Tagen

    Herr Berger, mit Verlaub, sie haben keine Ahnung von Metal. Bestes Album von Morbid Angel seit GTA.

  • Vor 14 Tagen

    Setzt genau da an, wo sie mit Tucker aufgehört haben, lassen aber sinnlose Zwischenspielchen wie auf Heretic weg.

    Wie zu erwarten ein extrem zähflüssiger und brutaler Brocken, ohne ganz die Raffinesse von gateways To Annihilation zu erreichen.

    Dennoch ein erarbeitenswertes Album.