25. April 2014

"Das Web bringt den Pöbel zum Vorschein"

Interview geführt von

In den Neunzigern mit den Politpunks ...But Alive unterwegs, 2002 ein erfolgreiches Indie-Label gegründet, als Kettcar-Sänger und -Gitarrist seither fast jedes Jahr die Festivalbühnen beehrt und neben seiner Diplomarbeit vier einflussreiche deutschsprachige Platten geschrieben: Nur ein Soloprojekt fehlte Marcus Wiebusch noch. Als Konsequenz der ausdrücklich als vorübergehend deklarierten Kettcar-Auszeit veröffentlichte er kürzlich seinen Erstling "Konfetti".

Man sollte nicht meinen, dass es einst vor allem Wiebusch war, der den in der Musikjournaille bis heute unkaputtbaren Begriff 'Befindlichkeits-Pop' nachhaltig wie unfreiwillig mitprägte. Erstaunlich unprätentiös setzt sich der Grand Hotel van Cleef-Mitgründer auf "Konfetti" mit Homophobie im Fußball, Hass im Internet und Hipstertum auseinander. Von seinem Weg zum Solodebüt erzählt uns der gut gelaunte Mittvierziger in einem schicken Hotel nahe des Kölner Hauptbahnhofs.

An deiner Soloplatte hast du mit zahlreichen Produzenten gearbeitet. Wie entstand denn die Auswahl: Waren das einfach Leute aus deinem persönlichen Umfeld, oder hast du sie dir aufgrund ihrer bisherigen Arbeit ausgeguckt?

Genau so. Nur einen kannte ich bereits, das war Tobias Siebert. Mit dem hatten wir bereits bei der dritten Kettcar-Platte gearbeitet. Aber mit Robert Koch wollte ich zum Beispiel unbedingt zusammenarbeiten, weil ich seine Arbeit für Marterias "Verstrahlt" so megamäßig gut fand. Außerdem wusste ich, dass er für Casper ein paar Sachen gemacht hat. Und seine Solosachen, Robots Don't Sleep, fand ich wahnsinnig spannend. Mit ihm habe ich "Jede Zeit Hat Ihre Pest" aufgenommen. Dann hat das so gut geklappt, dass wir gleich "Haters Gonna Hate" gemacht haben. Über diese Zusammenarbeit hab ich wiederum seinen Mischer kennengelernt, Matthias Mania, und dachte: Ey, was ist das denn für ein geiler Typ? Dann haben wir eben zusammen "Der Fernsehturm Liebt Den Mond" gemacht.

Gemeinsam mit dem Hip Hop-Producer Dirty Dasmo.

Genau. Interessanterweise hat er damit fast den analogsten Song gemacht. Das war der Kompagnon von Matthias Mania. Den kannte ich vorher auch noch nicht. Außerdem wollte ich mit so Frischlingen wie Tim Neuhaus arbeiten, der hatte vorher ja wenig produziert. Und bei Jochen Naaf habe ich auch einfach mal angefragt. Tatsächlich habe ich aber auch eine große Niederlage erfahren: Ich wollte unbedingt, dass The Krauts "Der Tag Wird Kommen" produzieren. Leider abgesagt.

Die möchten nur ganze Alben produzieren?

Das noch nicht mal. Die fanden den Song total interessant. Aber sie hatten leider keine Zeit. Die sind wahnsinnig viel gebucht. Das war auf jeden Fall eine heftige Niederlage, das muss man auch mal sagen. Das hatte ich mir sehr gewünscht. Aber so bin ich eben vom einen zum anderen gekommen. Das war immer ein Bauchgefühl.

Am meisten hat mich der Name Tim Neuhaus bei "Nur Einmal Rächen" überrascht.

Ich wusste, dass er bei seinem zweiten Album selber produziert hat. Und das klingt einfach so gut, dass ich dachte: Ey, komm. Lass mal 'nen Song zusammen machen. Tim Neuhaus muss sich nicht verstecken, finde ich. Der hat das sehr gut gemacht. Und er hat sogar selber Schlagzeug gespielt. Tim war immer mein erster Ansprechpartner, wenns ums Schlagzeug ging. Sein Drummer Flo hat bei "Schwarzes Konfetti" getrommelt, weil Tim keine Zeit hatte.

Spielt er denn auch in deiner Liveband?

Ja, genau. Felix von Die Höchste Eisenbahn spielt Bass. Über Felix bin ich auf einen Pianisten namens Pär Lammers gestoßen, der bei der Tapete-Band Jack Beauregard gespielt hat. Über Tim habe ich den Gitarristen Christoph Bernewitz kennengelernt, der auch bei Clueso spielt. Und die drei Bläser sind aus dem Berliner Jazzanova-Umfeld. Acht Leute.

Auch das kam nach und nach. Bei den parallel mit den Produzenten entwickelten Arrangements hat es sich im Laufe der Zeit immer wieder ergeben: Was könnte man machen? Joa, Bläser. Interessanterweise haben wir jetzt sechs oder sieben Songs mit Bläsern. Und dann war irgendwie klar, dass es da kein Zurück mehr gibt.

Hattest du bei all den verschiedenen Studiomusikern nie Bedenken, dass der rote Faden verloren geht?

Erst mal war es sowieso klar, dass die Songs extrem unterschiedlich werden. Ich finde, Homogenität wird völlig überbewertet. Ich hab den Produzenten immer gesagt: Die Platte soll funktionieren wie ein Mixtape. Macht den allerbesten Sound, den ihr hinkriegt. Dann meinten die immer: Ja, wir müssen doch hören, was die anderen Produzenten gemacht haben. Spiel mal was vor.

Ach, die haben das gegenseitig nie gehört?

Nee, ich wollte nicht, dass sies hören. Ich wollte, dass sie frei mit ihren eigenen Soundwelten klarkommen. Ist doch vollkommen egal, was Jochen Naaf oder Robert Koch machen. Mach den geilen Song, den du haben willst. Ich war dann selber überrascht, wie homogen es am Ende geworden ist. Das liegt natürlich auch an meiner Stimme als verbindendes Element. Und daran, dass der Master-Typ sehr viel richtig gemacht hat. Ich finde, man kann es durchhören, und es funktioniert tatsächlich hier und da wie ein Mixtape. So gesehen ist es komplett aufgegangen.

Anfangs dachte ich, dass "Springen" und "Nur Einmal Rächen" mit Sicherheit vom selben Produzenten stammen. Natürlich auch, weil der Groove der gleiche ist.

Ich muss tatsächlich sagen: Dass der Groove derart ähnlich ist, wurde noch mal ein Thema. Weil Tim ja beides gespielt hat. Aber ich bin eben ganz großer The National-Fan. (lacht)

Ach, stimmt. Genau das ist es.

Und ich liebe dieses Geballer auf der Stand-Tom. Und das haben die Songs halt beide. "Nur Einmal Rächen" wurde übrigens von "The Social Network" inspiriert, dem Film über Mark Zuckerberg. Grandioser Film. Es gibt darin einzelne Szenen, bei denen ich gedacht hab: Das ist einfach ein Rächer. Es wird ja suggeriert, dass er sehr hart drauf ist. Er rächt sich an diesen Oberschichts-Alphatieren, die ihn behandeln wie Dreck. Der ist ihnen vom Intellekt eigentlich völlig überlegen und sie behandeln ihn wie einen Hilfsboten. Und dann rächt er sich.

Das Motiv fand ich interessant. Denn du musst ja nur mal durchdeklinieren, wer in den ganzen Internetkonzernen oben sitzt. Das sind die Nerds von damals. Das ist ein Zeitgeist-Phänomen, dass es vor dreißig Jahren in der Form nicht gegeben hat. Aber heutzutage können die Nerds von damals mit nur einem Programm Milliardär werden. Das geht nun mal rasend schnell. Gleichzeitig hat das aber was wahnsinnig verzweifeltes. Ich hoffe, das kommt in dem Song auch rüber. Denn am Ende von "The Social Network" ist Mark Zuckerberg ja ein einsamer, verzweifelter, steinreicher Mensch.

Glaubst du, der Protagonist im Film entspricht dem echten Mark Zuckerberg?

Ich lese gerade das Buch, auf dem er basiert: "Milliardär per Zufall". Ich glaube, dass einiges wahr ist, und vieles so ... es interessiert mich nicht wirklich. In einem guten Film muss ja auch nicht alles stimmen. Er ist trotzdem wahnsinnig schlüssig.

"Homosexuelle Fußballer führen ein Höllenleben."


Bei "Haters Gonna Hate" habe ich mich gefragt: Entstand der Text zum Instrumental oder andersrum? Denn das ist wahrscheinlich der Beat, den die Scheuklappen-Fans am meisten hassen werden.

(lacht) Ja. Es ist tatsächlich der Song, der gerade am meisten polarisiert. Noch mehr als "Der Tag Wird Kommen". Entweder die Leute lieben ihn, oder: voll scheiße! Selbst in meiner Band. Ich habe jeden gefragt: Welchen Song findest du am besten und welchen am schlechtesten? Da taucht der auf der einen und auf der anderen Seite auf.

Als Robert und ich den Song gemacht haben, war mir irgendwie klar, dass ich dazu wieder Sprechgesang mache. Und ich hatte zuvor einen Artikel über digitalen Hass gelesen. Darüber, dass es für manche Leute, die dem ausgesetzt sind, schon Therapie-würdig wird. Der Wind wird jedes Jahr rauer. Dann habe ich das Buch "Meute Mit Meinung" gelesen, in dem das alles noch mal sehr fein aufgegliedert wird.

Diese Leute im Netz sind meistens einfach attention whores, die man ruhig mal als solche bezeichnen kann. Es klingt so einfach, aber mit dem Song wollte ich es nochmal sagen: Die Leute werden hassen, sie werden immer hassen. Es ist eine Form des Hasses, der Jahrtausende alt ist und immer da war. Du kannst sagen, was du willst. Sorry, jetzt werd ich doch noch ein bisschen ausführlicher. Wenns dir zu ausführlich wird, musst dus sagen.

Kein Thema.

Ich finde, wir haben so eine Decke der Zivilisation über uns ausgebreitet, um den Pöbel in den Griff zu kriegen. Aber durch die Anonymität des Internets kommt es wieder zum Vorschein, dass die Leute charakterbedingten Hass einfach rauslassen. In einer Form, die man sich gar nicht vorstellen kann. Ich weiß nicht, ob du auch in so offenen Foren unterwegs bist. Manche können das überhaupt nicht nachvollziehen.

Ich kann das als laut.de-Leser leider sehr gut nachvollziehen.

Wie gesagt: Haters gonna hate. Der Hass ist uralt, er war immer da. Aber er kommt eben durch diese Anonymität wieder raus. Attention whores. Na ja, egal.

Mit "Der Tag Wird Kommen" hast du einen siebenminütigen Track über Homophobie geschrieben. Dein Label sprach von durchweg positivem Feedback, was ich mir irgendwie so gar nicht vorstellen kann: Der Song muss doch polarisieren, gerade musikalisch.

Ja, klar. Du kannst ja mal in der neuen Spex nachlesen, wie die das sehen. Die haben den Text verrissen. Was haben sie gesagt? Der Text ist moralisierend und erhebt den Zeigefinger. Willkommen in der Welt des Marcus Wiebusch. Moral ist es, was mich von den Leuten trennt. Der Song ist moralisch, weil ich die Arschlöcher und die Idioten benenne. Und ich seh nicht ein, warum ich das nicht machen sollte. Denn Homophobie äußert sich nicht nur, wenn jemand "du Drecksschwuchtel" sagt, sondern in der Lebenswirklichkeit von Homosexuellen mit Hass, Ausgrenzung, indirekter und direkter Gewalt.

Dieses Schicksal des homosexuellen Profis, das ich beschreibe, ist ein bitteres Schicksal. Er kann seine Sexualität nicht ausleben. Er führt ein Höllenleben. Dass ich die Verantwortlichen auch mal als Idioten bezeichne, ist vielleicht überemotional. Am Ende hau ich ja auch nochmal auf den Tisch, indem ich sie alle benenne: "ihr Bibelzitierer, ihr Funktionäre, ihr harten Herdentiere." Ich kann daran nichts Falsches sehen, wenn man einmal deutlich wird. Aber das findet die Spex wohl nicht so gut.

Natürlich gibts auch die knüppelharten homophoben Idioten, die es noch nicht mitbekommen haben und noch kommen werden. Der Song ist ja [zum Zeitpunkt des Interviews, d. Red.] erst drei, vier Tage alt. Aber da muss man halt drüber stehen. Die nehme ich natürlich ohne mit der Wimper zu zucken in Kauf.

Dass der Song vor Thomas Hitzlspergers Outing entstanden ist, habt ihr im Pressetext bereits betont. Wie wärst du vorgegangen, wenn sich in der Zwischenzeit ein aktiver Profi geoutet hätte?

Stimmt, dann wäre der Song obsolet. Ich muss mich auch jetzt noch fragen, ob ich ihn live spielen würde, wenn sich in der Zwischenzeit einer outet. Aber darum geht es ja in dem Song: Ich habe das Gefühl, dass das Klima noch nicht da ist. Aber wir arbeiten dran. Es geht um den Fortschritt und darum, dass wir dieses Klima schaffen werden, alle zusammen. Es gibt gute Beispiele, dass das auch klappen kann.

Wenn du mir vor zehn Jahren zum Beispiel gesagt hättest, dass wir mal einen schwulen Außenminister haben werden, der in Länder reist, in den Homosexualität unter Strafe steht, hätte ich gesagt: Das wird nie passieren. Homosexualität und Politik, das geht nicht. Aber guck dir an, wo wir heute stehen: Wir hatten einen schwulen Außenminister, einen schwulen Berliner Bürgermeister, einen schwulen Hamburger Bürgermeister. Dieses Feld wurde erobert. Diese Fortschritte haben wir in den verschiedensten kulturellen Bereichen gemacht. Und wir werden sie auch auf dem archaischen Feld des Fußballs machen.

Es ist ein langer Weg. Es gibt auch immer wieder Rückschläge, siehe Russland. Und Politik ist nix anderes, als Forderungen zu stellen, dass das Leben der Menschen besser wird. Schreibst du einen politischen Song, transportierst du diese Forderungen in Musik. Und ich glaube fest daran, dass wir das Leben dieser Menschen besser machen können. Denn sie werden einfach noch nicht gleich behandelt. Darum werden wir alle zusammen daran arbeiten und die Dummheit besiegen. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Und darum gehts in dem Song: dass man nicht eine Sekunde daran zweifelt. Diese Positivität ist mir wichtig zu betonen. Man muss den Diskurs einfach immer weiter vorantreiben und die Sachen benennen.

Ist dein Lieblingsverein FC St. Pauli in der Hinsicht eigentlich schon weiter als der Rest?

Ja. Ich habe im Zuge der Recherchearbeiten natürlich auch ein bisschen rausgekriegt, in welchen Vereinen es günstiger oder ungünstiger für Homosexuelle ist. Da gibt es halt statistische Erhebungen, für die ein paar hundert Fans befragt wurden, wie sies fänden, wenn sich ein Spieler outen würde. St. Pauli war der mit Abstand toleranteste Verein.

"Wechsle ich zu einer Öko-Bank, bin ich sofort ein Gutmensch."


Und wie ist das musikalische Feedback auf den Song? Ich habe durchaus Stimmen gehört wie: "Warum rappt er jetzt?"

Ja. Aber ich hatte eben durchgehend Text. Stell dir mal vor, ich hätte daraus einen normalen Song gemacht. Wie lang wäre der geworden? Das ist eben das tolle an Sprechgesang. Das habe ich bei "...But Alive" ja auch mal gemacht. Da hieß es in der Punk-Szene auch: "Oh Gott, wie kann er es wagen?" Aber insgesamt fand man es natürlich geil. Denn erstens gehört es für mich zum Punk-Gestus dazu, Sachen zu machen, die man nicht erwartet. Und zweitens hatte ich halt diesen langen Text. Und den hatte ich jetzt auch wieder, also dachte ich, dann mache ich eben Sprechgesang.

Als ich 2011 die Idee zum Soloalbum hatte, war mir total schnell klar, dass ich mal wieder ein inhaltlicheres Album mache. Dass ich Texte schreibe, die sich mit gesellschaftlichen Phänomenen und Problemen auseinandersetzen. Und kein Metaphern-Album. Das hatte ich jetzt irgendwie durch, mit Kettcar. Das heißt nicht, dass ich beim nächsten Kettcar-Album wieder Metaphern-Texte schreibe. Das finde ich zwar auch total spannend, weil man nicht genau weiß, was der Autor jetzt meint. Aber das wollte ich jetzt nicht. Ich wollte klar und deutlich sein.

Hättest du diesen Beschluss auch für ein Kettcar-Album fassen können?

Gute Frage. Kettcar waren immer sehr experimentierfreudig. Mal Streicher, mal ein düsteres Album, wir haben auch viel mit Elektronik gemacht. Aber mir war halt mal danach, nicht alles mit anderen abstimmen zu müssen. Der Bandkontext bedeutet auch: sehr viel reden. Und ich wollte mehr machen. Wenn ich jetzt Sprechgesang sage, dann ist das Sprechgesang. Dann mach ich das.

Sven Regener hat letztens im Interview erzählt: Sobald ein Bandmitglied nicht wirklich begeistert ist, scheidet die Idee für Element of Crime aus.

Das ist hier und da auch ein gutes Korrektiv. Man haut eben nur die Sachen raus, die wirklich durch eine Mühle gegangen sind. Aber ich arbeite gerade bei Musik gerne sehr schnell und intuitiv. Bei Kettcar wurde das in den letzten Jahre zunehmend langwieriger. Das fand ich manchmal ein bisschen schwierig.

Aber dass es ein weiteres Kettcar-Album geben wird, kannst du versprechen?

Versprechen kann ich gar nix. Vielleicht schreib jetzt auch erst mal meinen Roman, den alle erwarten. Ich weiß es nicht. Aber wir haben mit der Band die klare Absprache: Wenn der Sturm des Soloalbums im Spätsommer vorüber ist, setzen wir uns zusammen und gehen unsere Skizzen durch. Was ist in uns? Was wollen wir für ein Album machen? Dann werden wir einen Weg finden, wie wir zusammen eine Platte aufnehmen können. Ich bin da frohen Mutes.

Ihr habt euch also durchaus verabredet – anders als etwa Tomte ...

Da hat es sich ein bisschen verlaufen, stimmt. Nee nee, wir setzen uns zusammen.

Gibt es für deinen Geschmack zu wenig deutschsprachigen politischen Pop?

Ja.

Dabei wurden Kettcar ja immer wieder die unpolitischen Texte vorgeworfen.

Stimmt. Interessanterweise würde aber aus dem linken Umfeld niemand sagen, dass Kettcar eine unpolitische Band ist. Wir haben uns sehr oft sehr eindeutig positioniert, zu vielen Themen. Mir war aber nicht nach politischen Texten, weil ich das in den Neunzigern zu Genüge gemacht habe. "Sylt" hatte hier und da zwar politische Anklänge. Aber jetzt habe ich es nochmal ein bisschen doller gemacht.

Es ist deswegen schwierig mit politischen Texten, weil wir in sehr, sehr komplizierten politischen Zeiten leben. Der letzte gute politische Text ist aber gar nicht so lange her: "Bengalische Tiger" von Marteria. Der äußert so eine diffuse Unzufriedenheit, und dass man sich nicht alles gefallen lassen möchte. Das finde ich ganz gut eingefangen. Aber so bald du ein bisschen komplexer wirst, wird es wahnsinnig schwierig.

Wenn ich beispielsweise einen Song über Bankenregulierung machen würde ... Das ist natürlich für jeden hier klar, dass man Banken und das Finanzwesen regulieren muss. Aber dann fragt mich der Nächste: Sag mal, bei welcher Scheiß-Bank bist denn du? Komplizierte Zeiten. Wenn ich dann aber sage, ich bin bei der Öko-Bank, dann bin ich sofort ein Gutmensch. Es ist wahnsinnig schwierig.

Du siehst es auch daran: Ich schreibe mit "Der Tag Wird Kommen" einen guten politischen Song – und die Spex sagt, ich hebe meinen Zeigefinger und moralisiere. Natürlich moralisiere ich, jeder gute politische Text moralisiert. Komplizierte Zeiten. Du kriegst eben schnell auf den Deckel. Entweder du bist ein Moralapostel oder du gehst das komplizierte Thema nicht richtig an. Oder du bist ein Heuchler.

Es ist wirklich schwierig. Ich muss da auch mal eine Lanze brechen für Bands, die es versuchen und vielleicht auch scheitern. Ich wünsche mir natürlich mehr davon. Aber das Klima der medialen Rezeption ist für politische Bands ganz schön hart. So erkläre ich mir, dass es nicht mehr politische Texte gibt, obwohl es gerade viele politische Themen gibt.

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