laut.de-Kritik

"Es ist ziemlich dunkel in mir. Öffnet mich!"

Review von

"I'm very moved and very proud to present the one and only, the great Johnny Cash!" verkündet ein sichtlich gerührter Claude Nobs. Den Organisator des feinen Festivals am Genfer See zu beeindrucken, ist nicht einfach. Folgten doch schon unzählige weltbekannte Künstler seiner Einladung nach Montreux. Aber der Anlass, von dem die DVD Zeugnis ablegt, ist auch ein besonderer.

Im selben Jahr, 1994, hat Cash mit "American Recordings" das Album aufgenommen, das ihn aus der Versenkung eines alternden Country-Stars emporgehoben hat. Unter der Führung des Produzenten Rick Rubin begleitet er sich auf der Gitarre zu eigenen und fremden Stücken, wodurch er Zugang zum jugendlichen Rock-Publikum bekam. "Wow, Gangsta-Rap!" verkünden Beavis & Butt-Head erstaunt, als Cash im Video zur Singleauskopplung "Delia's Gone" das Model Kate Moss begräbt.

Natürlich war er dort ebenso in schwarz gekleidet wie in Montreux, vom (gefärbten) Haar bis hin zu den Spitzen seiner Cowboystiefel. Der einzige Farbtupfer, den er sich genehmigt, ist eine goldbraune Martin-Westerngitarre. Ohne Verzug stürzt sich Cash ins erste Stück, das unverweigerlich "Folsom Prison Blues" ist. 35 Jahre und tausende Auftritte sind seit Compton 1959 vergangen. Musikalisch hat sich aber wenig geändert: Umgeben von Kontrabass (David Roe), E-Gitarre (Bob Wotton) und Schlagzeug (damals wie hier W.S. Holland) gibt er den Rhythmus vor und raunt seine Texte ins Mikrophon. Dass seine Stimme etwas dünner geworden ist, stört nicht weiter.

Kaum hat sich die Begeisterung gelegt, kommt schon ein erster Höhepunkt. "Hello, I'm Johnny Cash. How Are You?" stellt sich der Musiker vor, bevor er Kris Kristoffersons Kater-Elegie "Sunday Morning Coming Down" anstimmt. "On a Sunday morning sidewalk, I'm wishing Lord that I was stoned, 'cause there's something in a Sunday, that makes the body feel alone", singt er überzeugend, ohne mit der Wimper zu zucken.

Auf die Gassenhauer "Ring Of Fire", "I Walk The Line" und "Ghost Riders In The Sky" folgt der emotionalste Teil des Auftritts. Die Band verlässt die Bühne, Cash hängt sich eine schwarze Gitarre um und stellt sein neues Album vor. "I've got a record out called 'American Recordings' for the American Recordings Company and it was recorded in America", erzählt er mit einem Schmunzeln, bevor er das gewalttätige, aber rührende "Delia's Gone" vorträgt.

"Das Thema des Albums ist 'Schuld und Sühne'. Abschnitte des Lebens, wie ich sie erfahren habe. Ziemlich düstere Lieder. Ein bisschen wie mein Kleiderschrank. Öffnet mich. Es ist ziemlich dunkel in mir", erklärt er, bevor er das nach einem Nachruf klingende "Let The Train Blow The Whistle" anstimmt. Sünde ist auch aus "The Beast In Me" herauszuhören, das aus der Feder seines ehemaligen Schwiegersohns Nick Lowe stammt. Die Sühne erfolgt mit dem alttestamentarisch-blutigen "Redemption".

Angesichts der Intensität des Soloauftritts flacht das Konzert im letzten Drittel leicht ab. Cashs Ehefrau schreitet auf die Bühne, um "Jackson" und "Will The Circle Be Unbroken" mitzusingen, in dem auch Sohnemann John Carter Cash ans Mikro kommt, nachdem er zuvor im Hintergrund eine Akustikgitarre geschrammelt hat. In "Orange Blossom Special" überrascht Cash mit dem Einsatz zweier Mundharmonikas, "San Quentin" gehört zum Routineprogramm, "The Next Time I'm In Town" bietet zum Abschluss ein Stück, das in der veröffentlichten Version von "American Recordings" keinen Platz gefunden hat.

Die vielen schönen Momente lassen über kleinere Macken hinweg sehen, zu denen die eintönige Beleuchtung und der matte Klang gehören. Aber Musik lebt hauptsächlich vom Erzeuger und seiner Interpretation, weniger von der technischen Perfektion. Und es gab wohl kaum einen Interpreten, der mit wenigen Mitteln eine größere Ausdrucksstärke besaß als Johnny Cash. "Es scheint unglaublich, dass wir sein munteres 'Hello, I'm Johnny Cash' nicht mehr hören werden. Diesen Auftritt kann man getrost neben seine besten Alben einsortieren", heißt es folgerichtig im Booklet.

Trackliste

  1. 1. Introduction By Claude Knobs
  2. 2. Folsom Prison Blues
  3. 3. Get Rhythm
  4. 4. Sunday Morning Coming Down
  5. 5. Ring Of Fire
  6. 6. I Walk The Line
  7. 7. Guess Thing Happen That Way
  8. 8. Ghost Riders In The Sky
  9. 9. Delia
  10. 10. Tennessee Stud
  11. 11. Bird On A Wire
  12. 12. Let The Train Blow The Whistle
  13. 13. The Beast In Me
  14. 14. Redemption
  15. 15. Big River
  16. 16. Jackson (with June Carter Cash)
  17. 17. Wil The Circle Be Unbroken (with June Carter Cash)
  18. 18. Orange Blossom Special
  19. 19. San Quentin
  20. 20. The Next Time I'm In Town

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