laut.de-Kritik

Keine Skyline, nur Bäume: Aufbruch ins Ungewisse.

Review von

"Von der Lebensgeschichte 'Into the Wild' des US-Abenteurers Christopher McCandless" habe sich Jephza zu seinem Album "inspirieren" lassen, verrät sein Label. Ohje, ohje. Von dem Schwachkopf, der quasi einen Steinwurf von einer Fährstation, etwa dreißig Kilometer von einem Highway und doch stolze vier Tagesmärsche von der nächsten Siedlung entfernt in der Wildnis Alaskas krepierte? Weil er ein so krasser Aussteiger sein wollte, dass ein Blick auf eine Karte nicht in Frage kam?

"Dumm, tragisch, rücksichtslos" kritisieren Alaskas Nationalpark-Ranger McCandless' Verhalten, dessentwegen sie sich jetzt mit den Scharen junger, verirrter Männer befassen müssen, die auf des vermeintlichen Supertramps Spuren in die Wildnis pilgern. Jetzt auch noch Jephza? Bitte nicht!

Zum Glück entpuppt sich sein "Supertramp" als um Welten reflektierter, als äußerst persönlich und durch und durch wahrhaftig. "Keine Skyline. Nur Bäume und sehr viel Zeit, die ich versäumte." Schon das "Intro" kündet von "so viel Herzblut, dass jede CD nach Eisen riecht". Jephza hält dieses Versprechen.

Statt zum romantisierten Zurück-zur-Natur-Wandertag aufzurufen, den Titel und Cover befürchten lassen, bricht der Rapper aus dem Westerwald eine Lanze für den Aufbruch ins Ungewisse. Dafür, inne zu halten, auf seine Umgebung und in sich hinein zu horchen, zu beobachten und zu verarbeiten.

Ziellosigkeit zulassen und sehen, wohin sie einen führt: Das klingt erst einmal banal. Jephza zeigt aber, dass man auf diese Tour oft wirkungsvoller voran kommt als mit der Brechstange. Go with the flow. "Was bringt schon Stehenbleiben?" Jephza lässt lieber seinen Gedanken und Sichtweisen freien Lauf.

Was dabei herauskommt, kann sprunghaft und widersprüchlich wirken wie die Schnappschüsse des ganz normalen Wahnsinns an einem ganz normalen Abend in "Just Want To Know". Es kann die Nostalgiewelle reiten, wie der Blick zurück in die Vergangenheit der "90er Kinder". Es kann Liebe, Freundschaft, Natur, Familie und das Leben feiern oder aber, auch ganz ohne greifbaren Grund, die eine oder andere Träne kullern lassen.

"Heut' werd' ich Love verschenken!" Eben noch den Wert des Lebens gepriesen und sich an den Kleinigkeiten erfreut, die einen "Schönen Tag 2" ausmachen, fordert Jephza im nächsten Moment sein Recht auf gepflegten Pessimismus ein: "Lass' mich das Schlechte sehen."

Ein mögliches Missverständnis räumt er von vorne herein aus dem Weg und beschreibt damit seine Spannbreite ganz gut: "Auch, wenn ich meist relativ deep rapp', heißt das noch lange nicht, dass ich euch nicht auseinander nehmen könnte."

"Der Wackste Macht Das Licht Aus"? In dem Fall darf Jephza den Lichtschalter getrost links liegen lassen. Er drückt ohnehin statt dessen auf Play und verschwindet für eine Weile in seiner "Traumwelt 2012": "Scheiß auf Zeit. Ey, das hier kann tagelang so bleiben. Kein aufgewühlter Track, einfach ein paar Reime auf einem Beat, der mich jedesmal wieder träumen lässt."

Grimmig, gut gelaunt, ratlos, entschlossen, euphorisch, bedrückt: Egal, welcher Stimmung sich Jephza gerade zeigt, er bleibt zu einhundert Prozent er selbst. Das mag nicht immer aufregend erscheinen, aufrichtig aber zu jeder Zeit.

Mit der musikalischen Ausgestaltung verhält es sich ganz ähnlich. Statt produktionstechnischer Revolution bietet "Supertramp" eher stimmige, detailverliebte Illustrationen. Zuweilen spielen diese aber auch mit den Erwartungen, etwa wenn in "Just Want You To Know" ein aufgedrehtes Soul-Sample und rumpelige Drums aufeinander treffen und der Rap die anfängliche Schmusestimmung bricht.

Für die "90er Kinder" schraubt Bitbeats am Pitch-Regler, bis der angeschrägte Blues im Walzertakt schlingert. Was ein "Schöner Tag 2" sein will, verdient einen angemessen schönen Bass, ehe kurz darauf mit Donnergrollen und Synthiesounds "The Rain" niederprasselt.

Zu welcher Könnerschaft im Spiel mit dem Blickwinkel Jephza es bringt, zeigt sich allerdings am "Bahnsteig": Diffus wie ein Nebelschleier liegt leise Traurigkeit über der Szenerie, bis dunkle Wolken aufziehen und brachiale, hässliche, sinnlose Gewalt in eine Alltagssituation einbricht.

Schreck, Angst, Duckmäusertum, das Ringen mit dem inneren Schweinehund und der eigenen Feigheit, ehe der Zorn auf sich selbst die Überhand gewinnt und sich in einer aggressiven Explosion entlädt, schließlich der Schwenk zurück in die (nur noch scheinbar unbeteiligte) Zuschauerperspektive: All das bekommen Jephza und Produzent David Floyd zu fassen. Von wegen Skit! Episches Storytelling - in unter zwei Minuten.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Zum Erlenborn
  3. 3. Just Want To Know
  4. 4. Happiness Only Real When Shared
  5. 5. 90er Kinder
  6. 6. Bahnsteig (Skit)
  7. 7. Supertramp
  8. 8. Schöner Tag 2
  9. 9. The Rain feat. Yu
  10. 10. Wenn Die Welt
  11. 11. Der Wackste Macht Das Licht Aus feat. Davido
  12. 12. Traumwelt 2012

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