14. April 2007

"Meine Konstanz ist der Wechsel"

Interview geführt von

Dieter Ilg über die Unkomplexität des Unalltäglichen, die Kommunikation mit 22 beinamputierten Nilkrokodilen, das Machen von Betten und über Thomas Quasthoffs "The Jazz Album", auf dem er, salopp ausgedrückt, groovt bis zum Abwinken.Sein Hobby ist Fußball. Dort kennt man die Namen der Stürmer ebenso gut wie die der Hintermannschaft. Das ist im Jazz nicht unbedingt der Fall, auch wenn man in der Champions League spielt und einer der gefragtesten Bassisten der Jetztzeit ist. Weil Dieter Ilg ständig unterwegs ist, haben wir uns per E-Mail mit ihm unterhalten.

Dieter, es ist ziemlich schwierig, mit dir einen Termin für ein Interview zu finden, weil du ständig auf Tournee bist. Mit wem warst/bist du gerade unterwegs?

Wenn ich ständig auf Tournee wäre ... das klingt wie der Anfang eines Horrorfilms. Ich erscheine häufiger auf Reisen, als ich denn wirklich bin. Und von unterwegs lässt die moderne Kommunikation heutzutage noch viele Möglichkeiten der Kontaktaufnahme zu; wenn auch vielleicht weniger entspannt als von zuhause. Nun gut, die letzten Wochen waren wirklich sehr intensiv. Ende Februar war ich zusammen mit dem französischen Gitarristen Nguyen Le sowie dem englischen Schlagwerker Steve Argüelles für eine Konzertreise in Pakistan. Anfang März dann Proben zur Tournee mit dem deutschen Sänger Thomas Quasthoff in New York. Mit von der Partie waren der deutsche Trompeter Till Brönner und die Amerikaner Peter Erskine, Chuck Loeb und Allan Broadbent. Wir hatten Auftritte in New York, Wien, Köln und Berlin. Zwischenrein geschoben ein Duokonzert mit Charlie Mariano in Esslingen. Und im Anschluss zwei Konzerte in Till Brönners Band in Berlin und dem spanischen San Javier.

Anschließend zwei Wochen am Schreibtisch zur Abarbeitung des zwischenzeitlich sich angehäuften Aktenberges des Selbstständigen. Klingt nicht sehr romantisch, ist aber die Realität, denn die Bürokratie nimmt verheerende Ausmaße an. Aber das war ja jetzt nicht die Frage ...

Nein, das war nicht die Frage, aber "ich erscheine häufiger auf Reisen als ich wirklich bin" klingt schwer nach Understatement, bedenkt man die Liste an Orten und Ländern, die du in den letzten zwei Wochen beehrtest. Mal ganz abgesehen von der beeindruckenden Anzahl renommierter Künstler, die deine Dienste in Anspruch nahmen - und wir haben es hier nur mit einer Momentaufnahme zu tun. Fehlt dir in all diesem Durcheinander nicht manchmal die Konstanz?

Die meisten Aufträge sind Projektgeschichten. Doch auch innerhalb eines Projekts kann sich durchaus genügend Konstanz entwickeln. Seit Herbst letzten Jahres bin ich z.B. "fest" in der Band von Till Brönner. Nun gut, wie lange ich das sein werde, steht natürlich in den Sternen, da es ja keine Arbeitsverträge gibt, sondern nur "lose" Vereinbarungen, wenn überhaupt. Verträge werden nur zwischen Künstler oder dem jeweiligen Vertreter des Künstlers und dem Veranstalter eines Konzertes oder einer Konzertagentur oder einer Tonkonservenfirma etc. gemacht. Untereinander machen Musiker keine Verträge in meinem Genre, zumindest habe ich das noch nicht erlebt. Es ist quasi eine Mischung aus Feuerwehreinsatz, Montagetruppe und Küchencrew.

Meine regelmäßigere - auf den gemeinsamen Zeitraum und die Quantität der Auftritte bezogen - eigene Arbeitsgruppe ist ja immer noch seit sechs bis sieben Jahren mein Duo mit Charlie Mariano. Zuvor waren es meine unterschiedlichen Trioformationen, mit denen ich eine genregemäße Konstanz aufbaute.

Eine feste Stelle in einem Orchester, an einer Musik(Hoch)schule o.ä. ist wiederum eine andere Sache. Dies kommt für mich nur bedingt in Betracht. Konstanz empfinde ich teilweise ja auch in der Gewöhnung an den Wechsel zwischen Reisen und Nichtreisen.

Deine Konstanz ist also der Wechsel. Wie fühlt es sich an, gestern mit Thomas Quasthoff, heute mit Till Brönner, morgen mit Nguyen Le und übermorgen mit Charlie Mariano die Bühne zu teilen?

Hm, wie fühlt es sich an? Gut :-)

Es ist schwierig für mich, diese Frage ad hoc zu beantworten. Natürlich macht es viel Spaß und es ist ein Vergnügen mit den Genannten aufzutreten. Auf der anderen Seite ist es Alltag und total normal für mich. Das ist das Schöne. Und es gibt wirklich genug Zeiten, in denen ich viel Zeit zuhause verbringe, wo mich die unbezahlte Arbeit erwartet, die auch getan werden will. Ich kann mir den Tag dann natürlich selbst einteilen und finde mich werktags auch einmal ein paar Stunden in freier Natur. Das ist der gelebte Kontrast zum Handlungsreisenden.

Es ist für dich zum "Alltag" und "total normal" geworden, in der Champions League des Jazz zu kicken. Sich in diesen Kreisen zu bewegen klingt wie der Jugendtraum eines jeden Musikers. Inwieweit hat sich dein persönlicher Traum erfüllt?

Ja, es ist ein Jugendtraum, der wirklich geworden ist. Obwohl ich mit 16 Jahren, als mein Berufsziel, meine Berufung, feststand, sicher nicht voraussehen konnte, was da auf mich zukommen würde. Mein Wunsch ist Wirklichkeit geworden, ich konnte mein Talent nutzen. Dafür habe ich gearbeitet und geträumt, gelitten und Befriedigung erfahren. Und ich bin gespannt wie es weiter geht.

Du klingst sehr glücklich, ausgeglichen und zufrieden...

Wenn ich sehr glücklich, ausgeglichen und zufrieden klinge, habe ich meinen Job sehr gut gemacht ... würde mein Promotionagent sagen, wenn ich denn einen hätte. Es hängt immer auch mit dem Fragestellenden zusammen, wie ein Interview wird. Man kann tagtäglich in den Zeitungen sehen, wo und wie die Maulkörbe verteilt sind. Objektiver Journalismus ist eine Nischenkultur, wenn es ihn denn überhaupt gibt. Keine Angst,
ich könnte zwar vom Leder ziehen wie ein Berufssattler, aber ich bin ja "glücklich, ausgeglichen und zufrieden".

Du bist als Bassist ja ein klassischer Sideman und die Bühnenstrahler werfen ihr Licht oft knapp an dir vorbei, auf die Front! Vermisst du es manchmal, im Rampenlicht zu stehen?

Ich würde zum einen sehr gerne mehr im Flutlicht stehen, allerdings auch ohne die Zwänge, die das im Rampenlicht stehen so mit sich bringt ...

Was meinst du damit?

Schön aussehen, immer modisch gekleidet sein, charmant ansagen, den Entertainer spielen. Alles Dinge, die zu einem gewissen Punkt zu einem öffentlichen Auftritt dazugehören, allerdings mit der Musik ursprünglich nicht im Zusammenhang stehen. Das ist ein Konflikt. Und hier wiederum gibt es unterschiedliche Typen von Menschen, die sich dieser mehr oder minder paradoxen Situation stellen. Extrovertierte und introvertierte Persönlichkeiten, umgängliche und eckige Individuen, weibliche und männliche Diven. Nur um diesen einen Aspekt abzudecken.

Aber um deine Frage von vorhin noch mal aufzugreifen: Wie gesagt, ich würde zum einen sehr gerne mehr im Flutlicht stehen, allerdings ohne die genannten Zwänge ... und zum anderen macht es mir sehr viel Spaß "im Dunkeln" die Fäden zu ziehen. Es ist immer wieder überraschend festzustellen, wie wenig Einfluss den Männern und Frauen im Hintergrund suggeriert wird.

Ich denke, der Einfluss der Strippenzieher im Hintergrund ist immens, immerhin liefert ihr das Fundament, und ohne Fundament lässt sich schwer ein Haus bauen ... oder geht dein Einfluss weit über den "Fundament"-Gedanken hinaus?

Primär ging es mir in meiner Aussage um die Tatsache, dass ein Ballack ohne einen Frings nur die Hälfte wert ist. Man legt sich ins Bett und vergisst dabei oft, wer denn das Bett gemacht hat. Zuschauer und Zuhörer im traditionellen Musikumfeld sind fixiert auf Frontfrau und Frontmann.

"Neid ist der Gefährte des Ruhmes"


Bei einem deiner letzten Projekte übernimmt der aus der Klassik kommende Thomas Quasthoff die Rolle des Frontmannes. Auf dem Album "Watch What Happens", das sich derzeit in den Charts tummelt, interpretiert er Jazzstandards - und du "machst ihm das Bett". Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Ein Anruf vom Produzenten des Tonträgers, Till Brönner und seinem managenden Bruder Pino mit der Frage, ob ich Interesse daran hätte. Meine Antwort: klar! So einfach kam es zu unserem ersten Treffen im Studio im September 2006, wo wir gleich auch die Grundspuren für die CD legten. Und bei der CD mit den Konzerten kurz nach Veröffentlichung des Silberlings ist meine Funktion die des stützenden Kontrabassisten, Teppich legen, grooven bis zum Abwinken, salopp ausgedrückt. Klingt einfach, wird aber unterschätzt, da zumeist nur das virtuos erscheinende als intellektuell besonders wahrgenommen wird. Der Offensichtlichkeit geht der Mensch gerne auf den Leim. Tagtägliches Training zur Entdeckung der Komplexität und Authentizität im einfach Erscheinenden ist ein lebensnotwendiges Elixier für mich.

Ich weiß, dass ich das eigentlich Herrn Quasthoff fragen müsste, dennoch: Wie kommt ein Lied- und Oratoriensänger dazu, ein Jazz-Album aufzunehmen? Du weißt doch sicher etwas über die Entstehungsgeschichte.

Thomas und Till haben sich irgendwann einmal getroffen, Gefallen aneinander gefunden und beschlossen, dieses Projekt anzugehen. Denn Thomas Quasthoff hat sich schon immer für Jazz interessiert.

Meine vorherige Frage hat einen Grund. Ich bin ganz ehrlich, ich persönlich finde, Thomas Quasthoff fügt mit seinen Ausführungen den bisher bekannten Standardinterpretationen recht wenig Neues hinzu: Great American Songbook-Repertoire, in traditioneller Jazzmanier vorgetragen. Oder erkenne ich da die Komplexität des Alltäglichen nicht?

Du erkennst vielleicht die Unkomplexität des Unalltäglichen nicht ... abgesehen davon, dass es kaum etwas gibt, das es noch nicht gegeben hat in der Musik, ist das, was neu erscheint nicht unbedingt neu. Es ist außerordentlich, was Thomas Quasthoff - als klassischer Sänger - auf dem Album leistet. Es ist neu für alle seine Fans, und die es werden wollen. Qualitativ eine sehr gut produzierte CD. Und was gibt es Schöneres als wertkonservative Jazztradition? Etwa strukturkonservative Jazzavantgarde?

Ob die Musik dir gefällt, ist etwas ganz anderes. Für mich gibt es sehr schöne Momente auf der CD. Etwas gut gespieltes muss einem nicht gefallen, und es bleibt trotzdem etwas gut gespieltes. Wenn ich selbst diese CD produziert hätte, wäre sie natürlich anders geworden, weil ich anders bin als Till Brönner. Nicht mehr und nicht weniger.

Deiner Aussage, "etwas gut gespieltes muss einem nicht gefallen, und es bleibt trotzdem etwas gut gespieltes", stimme ich zu. Dennoch möchte ich mit den Zitaten "Wenn ich neue Jazz-CDs höre, habe ich oft das Gefühl, etwas zu hören, das ich schon kenne" (Esbjörn Svensson) und "99 Prozent von dem, was im Jazz passiert, sind längst gesagt" (Johannes Enders) kontern.

Wir Menschen definieren uns die Realität so, wie wir im Moment damit am besten zurechtkommen. Und da Musiker Menschen sind, gibt es auch viele Musiker, die das, was sie gerade nicht tun, verdammen, um das, was sie gerade tun, zu erhöhen.

Wenn ich unter dem Zwang stehen würde, etwas Neues erschaffen zu müssen, wäre es aus gesundheitlichen Gründen eventuell erwägenswert, einen Psychologen aufzusuchen. Wenn ich etwas erschaffe, dann primär mit dem Zweck, authentisch zu sein. Ob das dann etwas Neues ist bzw. für jemanden anderen etwas Neues darstellt ist sekundär. Und was heißt "neu"? Nenne mir jemanden, der genauso Bass spielt wie ich. Gibt es nicht, denn ich bin ein Individuum. Wer mich nicht von einem anderen Individuum unterscheiden kann, dem fehlt vielleicht die Fähigkeit zu unterscheiden.

Du sagst "es ist außerordentlich, was Thomas Quasthoff - als klassischer Sänger - auf dem Album leistet". Die Volksweisheit sagt: "Schuster, bleib bei deinen Leisten..."

"Der Neid ist der Gefährte des Ruhmes". (Sprichwort)

"Volkslieder sind mir eine Herzensangelegenheit"


Du bittest, zwischen Wertkonservativem und Strukturkonservativem zu differenzieren. Ich möchte den Blick auf etwas Wertkonservatives wenden. Ende der 90er hast du "auf der Suche nach deiner musikalischen Identität und deinen kulturellen Wurzeln" das deutsche Volksliedgut entdeckt. Sich in deiner Art und Weise unseren musikalischen Überlieferungen zu widmen, war einerseits traditionsbewusst und andererseits neu. Wie betrachtest du aus heutiger Sicht diese Zeit, die "Folk Songs"-Aufnahme von damals und die sehr erfolgreichen Tourneen?

Die Zeit im Trio mit Wolfgang Muthspiel und Steve Argüelles von 1997 - 2001 ist mir sehr gut und ereignisreich in Erinnerung. Die Volksliedadaptionen waren und sind eine Herzensangelegenheit, und die erste CD des Trios "Folk Songs", zum Teil auch mit dem Pianisten Benoit Delbecq, habe ich erst letztes Jahr wieder, diesmal auf meinem kleinen Eigenlabel "fullfat" veröffentlicht. Zeitlos kommt mir die Musik vor, und das gefällt mir. Mit der Materie "deutsches Volkslied" wäre es meiner Ansicht nach nur mit einer großen PR-Aktion einer international im großen Maßstab arbeitenden Tonträgerfirma möglich gewesen, so erfolgreich zu sein, dass die Formation auf längere Sicht Bestand gehabt hätte.

Die einschlägigen Festivals waren durch meine eigene, bescheidene PR-Aktion nicht zu überzeugen, meinem Trio die Auftrittsmöglichkeiten zu geben, die ich und wir uns gewünscht hätten. Und immer in den gleichen Etablissements herumzutingeln, war den Jungs zuwider. Vielleicht hätte ich mich geschlechtsumwandeln müssen, oder wir hätten mit 22 beinamputierten Nilkrokodilen auf der Bühne kommunizieren sollen ... zumindest große Interviews und Anzeigen in den einschlägigen Musikmagazinen und dergleichen mehr hätte größere Publizität erwirkt. Es hat nicht sollen sein.

Jetzt klingst du nicht "glücklich, ausgeglichen und zufrieden". Was hat nicht sollen sein? Was hättest du dir gewünscht?

Durch größere Anerkennung bessere Konzertmöglichkeiten für das Trio, Einladungen zu größeren Festivals im In- und Ausland etc. pp. Ist ganz logisch, oder?

Man kann auch zufrieden sein mit dem was ist und gleichzeitig etwas kritisieren. Das eine bedingt nicht unbedingt das andere. Alles eine Frage des "wie".

Also ein paar "Wie"-Fragen. Wie sieht deine Zukunft aus? Wie geht es mit Charlie Mariano weiter, und wie vereinbarst du Beruf und Privatleben?

Wie meine Zukunft aussieht weiß ich nicht, sonst wäre ich ja Hellseher ;-) ... mein Duo mit Charlie Mariano nimmt jetzt im April mit einigen Einzelkonzerten seinen Lauf, was man und frau auf www.dieterilg.de nachschauen kann, wo auch einiges zu meiner Person, zum Duo etc. auffindbar ist. Im Sommer stößt der argentinische Gitarrist Quique Sinesi für einige Auftritte zum Duo. Desgleichen gibt es ein neues Trioprojekt von Rebekka Bakken, in dem ich mitwirke. Till Brönner wird mit seiner Band dieses Jahr noch einige Konzerte organisieren können und auf kurz oder lang werde ich meine Beschäftigung mit Volkliedmelodien oder anderen Leckereien fortsetzen. Kommt Zeit kommt Rat.

Ich werde teilweise viel zuhause sein und teilweise viel unterwegs. Meine Frau, Familie, Patenkinder und gute Freunde sind das gewohnt, und können wie ich selbst gut damit umgehen.

Dieter, vielen Dank für das Gespräch.

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