laut.de-Kritik

Ist den böhsen Klotz am Künstlerbein endlich los.

Review von

Stephan Weidner hat es nicht leicht. Auf der einen Seite steht die Horde fanatischer Jubelperser. Gegenüber die nicht minder kleine Anzahl Lynchmobber, die den fast fünfzigjährigen Songwriter pauschal auf - zugegeben seinerzeit wenig sympathische - Subkultur-Torheiten der wilden 80er zu reduzieren sucht. Nicht gerade die bequemste Ausgangsposition für eine ungestörte musikalische Entwicklung. Dafür ist es umso erstaunlicher, wie lässig das schlicht "III" betitelte Album auf der musikalischen Ebene überzeugt. Hingerockt, wie aus einem Guss.

Will man Den W seriös kritisieren, kommt man nicht umhin, sich dem Mann auf musikalischem Wege zu nähern. Nach dem teils auf hörbar älteren Entwürfen beruhenden Erstling und dem für Weidner-Verhältnisse experimentierfreudigen, aber stilistisch ziellosen Autonomie fährt er nun endlich in der eigenen Spur: Fetter Rockmetal, keine Lichtjahre aber doch angenehm weit entfernt von der bedrückenden Limitierung seiner umstrittenen Vorgängerband.

Alles im Kontext überflüssige Geschnörkel der Marke Synthie oder Blues/Jazz schiebt Weidner wieder zurück in den Wald. Übrig bleibt eine große Schippe Mucke, die sich aus verschiedenen Genretöpfen den ganz eigenen Sud destilliert. Vor allem die organische Wucht, mit der er hier zu Werke geht, markiert erstmals so etwas wie Bandfeeling auf LP-Länge.

Man muss anerkennen, dass er sich keine Sekunde lang mit dem hierzulande Genre übergreifenden Pro7-Baukastenrock für NDH-Schranzen abgibt. Im Gegenteil: Stilistisch wirkt er wie befreit. Entsprechend ungewöhnlich gelingt der Einstieg "Operation Transformation" samt fetter Stoner-Schlagseite. Für das dunkle "Vergissmeindoch" schaltet Der W seine recht variable Stimme in Refrain mühelos in Richtung Type O-Timbre. Dazu im Hintergrund ein Danzig lastiger Whoa-Whoa-Chor. Das rockt auf der Gothmetal-Ebene schon handwerklich zehnmal mehr als die meisten überforderten Düsterepigonen vom Szeneplaneten.

Als gelegentlich aufblitzender roter Faden manifestiert sich die unterschwellig stets brodelnde Vorliebe für Oldschool NYC-Coremetal. Das ist zwar nicht gänzlich neu bei Weidner. Doch auch bisherige Kollabos mit unter anderen Pro Pain kommen nicht an die gut abgehangene Dosierung der Core-Arrangements heran. Ergebnis: Der rockende Stempel der einzelnen Lieder geht auch in den härteren Momenten nicht verloren. Ob man es wahrhaben will oder nicht: In diesen starken Momenten hat Stephan Weidners Kapelle mehr mit herausragenden Genrepionieren wie "Schweisser" ("Eisenkopf") gemein als mit dem überschaubaren Schlagermetal der allermeisten Onkelzplatten.

Das heißt nicht, es gäbe keine Ausfälle. "Judas" versinkt nach dramaturgisch ansprechender Strophe in üblem Grölrefrain der lahmen Sorte. Dieses künstlich angeprollte Runterdimmen der Stimme ("Biooooo-gra-phiiiiie") klingt ganz furchtbar. Er hat es weder nötig, noch hat das Stilmittel irgendeinen ästhetisch nachvollziehbaren Wert. Und ein mediokrer Song wie "Lachen Steckt An" hat hymnischen Abräumern wie "Mordballaden" wenig entgegen zu setzen außer einer recht kurzen Halbwertszeit.

Die gereiften Texte Weidners taugen ebenso nicht mehr zur Polarisierung, geschweige denn Skandalisierung. Die frühere "Rächer der Enterbten"-Überbetonung nervig männerbündlerischen Underdog-Sektierertums für komplexbeladene Wutbürger ist weitgehend Geschichte. Viel gelungene Selbstreflexion wie in "Kafkas Traum". Dazu bei allem zur Schau gestellten Kampfesmut eine klare, konstruktive und an Sartre ("Hölle, das sind die anderen") angelehnte Absage an Hass und Gewalt.

"Die böse Welt ist die der Anderen. Krank vor Groll hassen wir einander." Dem gegenüber steht leider Weidners Hang zum gelegentlichen Pathos und Phrasendrescherei. Lahme Platitüden der Marke "Nach dem Hochmut kommt der Fall (...) wenn nichts mehr geht. Muss man selbst gehen (....) Der Himmel kann warten, die Hölle auch" locken nicht nur mich keine zwei Sekunden hinter dem Ofen hervor.

Insgesamt schön zu sehen, welch rasante künstlerische Entwicklung Der W seit Beginn seines Solodebüts vor vier Jahren macht. Wer sich diese derbe rockende Platte anhört, sie dabei mit Ausdruck und Ideen der ersten zwei Dekaden seines musikalischen Wirkens vergleicht, wird feststellen: Gut, dass Stephan Weidner den böhsen Klotz am Künstlerbein endlich los ist.

Trackliste

  1. 1. Operation Transformation
  2. 2. Mordballaden
  3. 3. Herz Vvoll Stolz
  4. 4. Kampf Den Kopien
  5. 5. Vergissmeindoch
  6. 6. Pack Schlägt Sich, Pack Verträgt Sich
  7. 7. Kafkas Träume
  8. 8. Judas
  9. 9. Gespräche Mit Dem Mond
  10. 10. Lektion In Wermut
  11. 11. Lachen Steckt An
  12. 12. Stirb In Schönheit

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39 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Was ist denn hier nicht los? :D
    Kubanke rezensiert Weidner? Keine Fanboy-, keine Haterkommentare? Vielleicht bedeutet "den böhsen Klotz am Bein" los zu sein ja auch, demnächst vollständig aus der kollektiven Wahrnehmung zu verschwinden?
    Ich würd's weder betrauern noch bejubeln, sehr viel gleichgültiger kann man einem Mann und seiner Musik wohl kaum gegenübertreten... außer vielleicht, man unterlässt in Zukunft auch Kommentare wie diesen hier.

  • Vor 2 Jahren

    Wir rocken dumpf! Wir rocken stumpf! Wir singen bumms-fallera bumms-fallera.

    Und jetzt alle!

  • Vor 2 Jahren

    Erst 3 Punkte für Haudegen, jetzt für Weidner. Müssen wir uns Sorgen um Anwalt machen?

  • Vor einem Jahr

    Beast
    Denke dass man politisch motivierten Punk a la Toxoplasma und Slime (und ich habe damals lange nichts anderes gehört, meine MEinung dazu ist also ausgereift) nicht mit unpolitischem Außenseiter-Rock a la Onkelz vergleichen sollte. Ich finde auch das Soundbild generell ziemlich unterschiedlich, wenngleich bei allen drei relativ simpel, wenn auch "handfest", bei allen drei kommt es mir eher auf die Lyrics und die Art des Vortrags an. Da muss ich auch nicht nachsitzen, das ist meine Meinung.

  • Vor einem Jahr

    @argemongo (« Beast
    Denke dass man politisch motivierten Punk a la Toxoplasma und Slime (und ich habe damals lange nichts anderes gehört, meine MEinung dazu ist also ausgereift) nicht mit unpolitischem Außenseiter-Rock a la Onkelz vergleichen sollte. Ich finde auch das Soundbild generell ziemlich unterschiedlich, wenngleich bei allen drei relativ simpel, wenn auch "handfest", bei allen drei kommt es mir eher auf die Lyrics und die Art des Vortrags an. Da muss ich auch nicht nachsitzen, das ist meine Meinung. »):

    Die Onkelz waren vielleicht nicht politisch im Sinne einer parteipolitischen Positionierung, als "unpolitisch" würde ich sie aber nicht bezeichnen. Ist die Frage, was relativ simpel für dich bedeutet. Ein Album wie "Schweineherbst" hätten die Onkelz niemals hinbekommen. Sowohl von den Texten als auch von der Musik her. Order dir doch mal ein Promoexemplar. ^^

  • Vor einem Jahr

    @ Beast die Onkelz waren musikalisch wesentlich vielfältiger als Slime oder Toxoplasma. (ich halte beide schlicht für dumme Krawall-Combos, was die Onkelz anfangs zwar auch waren) Beide von dir genannten Bands hätten nie( musikalisch und lyrisch!!) derart ausgereifre Alben wie "Dopamin" oder "Viva los Tioz" hinbekommen. Schließe mich im Übrigen der Meinung von argemongo an.