laut.de-Kritik

Mit Melodic Death Metal zurück ins Leben.

Review von

Ein kleines Quiz: Welche Eigenschaft geht vielen Metalbands komplett ab? Was sagen Sie da, Ironie? Potzblitz, das ging schnell. Richtig! Und doch gibt es Bands, die nicht dem Durchschnitt entsprechen, womit wir bei Carcass wären. Wer sein Album mit einem kitschigen Klischee-Lead beginnt und das Stück auch noch "1985" tauft, hat den Schalk wohl faustdick im Nacken.

Seit dem Comeback der englischen Death Metal-/Grindcore-Institution vor sechs Jahren wurde kaum eine Platte im extremen Metalbereich sehnlicher erwartet als diese. "Surgical Steel" bollert denn auch gut durch die Boxen und sortiert sich nicht in der "Swansong"-, sondern eher in der "Heartwork"-Ära ein, allerdings um einen deutlichen Thrash-Anteil erweitert.

Nach "1985" starten die Scouser mit "Thrasher's Abbatoir" und dem "Cadaver Pouch Conveyor System" (wie meinen?) gut durch. Melodic Death Metal, Punkt. Damit formulieren Carcass heute natürlich kein Alleinstellungsmerkmal mehr, aber die memorablen Riffs und packenden Melodien, die Bill Steer zu Dutzenden aus dem Ärmel tropfen, findet man bei der Konkurrenz nur selten. Vom medizinischen Fachvokabular ganz zu schweigen.

Neu dabei: Schlagzeuger Dan Wilding, der einen sehr guten Einstand abliefert. Ex-Gitarrist Michael Amott wollte beim Album nicht mehr mitmachen und konzentriert sich lieber auf seine Hauptband Arch Enemy. Dann halt nicht, wird sich Jeff Walker gedacht haben. Der Mann klingt immer noch wie ein schlecht gelaunter Hund, der dir gleich das Bein abbeißt. Oder wie ein durchgeknallter Chirurg auf Drogen, der hysterisch lachend seine Folterwerkzeuge bereitlegt - die vom Cover.

Nein, man möchte nicht wissen, wofür diese Gerätschaften im einzelnen gut sind, danke der Nachfrage. Und: Japp, es handelt sich um ein Update des Covermotivs der '92er EP "Tools Of The Trade". Carcass-Kenner verfallen in Verzückung. Der hingehustete Refrain von "Captive Bolt Pistol" erinnert etwas an Nile, die Carcass in technischer Hinsicht locker überrundet haben.

Neuerdings darf ein Song auch mal aus mehreren Teilen bestehen, wie im langen Abschlusssong "Mount Of Execution" - ein echtes Highlight auf einem Album mit vielen starken Songs. Unterm Strich, unterm OP-Tisch: Operation gelungen, Patient bei bester Gesundheit.

Trackliste

  1. 1. 1985
  2. 2. Thrasher's Abattoir
  3. 3. Cadaver Pouch Conveyor System
  4. 4. A Congealed Clot Of Blood
  5. 5. The Master Butcher's Apron
  6. 6. Noncompliance To ASTM F 899-12 Standard
  7. 7. The Granulating Dark Satanic Mills
  8. 8. Unfit For Human Consumption
  9. 9. 316 L Grade Surgical Steel
  10. 10. Captive Bolt Pistol
  11. 11. Mount Of Execution

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7 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 10 Monaten

    Ich hätte nicht erwartet, dass Carcass so ein starkes Album abliefern. Fast auf Heartwork-Niveau, lediglich das Drumming (auf Heartwork etwas grooviger und natürlicher klingend) fällt gegenüber meiner Referenzplatte der Band etwas ab. Dafür sind die Blastbeats fantastisch und abwechslungsreich in die Songs eingebaut, die ebenfalls jeweils einen sehr eigenen Charakter haben, was man von den anscheinend nach Schema F komponierten Alben vieler moderner Death Metal/Metalcore/Deathcore-Bands leider nicht behaupten kann. Und noch dazu: Jeff Walker > Angela Gossow; beziehungsweise Carcass > Arch Enemy.
    Jetzt noch eine Headlinertour, anstatt dem Vorprogramm von Amon Amarth und ich wäre vollends glücklich.

    • Vor 10 Monaten

      was meinst du mit "natürlicher klingend"? vermutlich nicht den schlagzeug-sound, oder? denn den finde ich auf der "heartwork" auch nicht organischer als auf der neuen. klingt beides zu studiomäßig für mich. aber gut, ein echt klingendes schlagzeug muss man im metalbereich eh lange suchen. ist immer alles schön kondensiert und komprimiert, damit es möglichst knallt. ich halte da nicht so viel von.

      ja, eine tour würde ich auch gerne nehmen, aber das publikum von amon amarth halte ich nicht aus.

    • Vor 10 Monaten

      Doch, ich mein schon den Schlagzeugsound. Den empfinde ich auf Heartwork als ziemlich fett, aber dennoch natürlich. Komprimierte Sounds mag ich allerdings auch nicht, weswegen ich kaum noch Metal höre.

  • Vor 10 Monaten

    Ironie geht den meisten Metalbands komplett ab. Kacke. Ich dachte immer, die meinen das durch und durch ironisch. Offensichtlich habe ich das Genre bisher komplett falsch verstanden. :(

    • Vor 10 Monaten

      Ich glaub schon, dass das alles ernst gemeint ist.
      Wir haben beim Trinkgelage neulich mal darüber schwadroniert, ob Manowar im Alltag wirklich so drauf sind und ich finde den Gedanken mehr als plausibel. Der Sänger geht in seiner Lederweste zum Bäcker und bestellt in seiner tiefsten Stimmlage drei Brötchen for victory, wartet an der Bushaltestelle (leicht gereizt, weil er sich beim Rasieren ganz eine unangenehme Hautirritation zugezogen hat) und brüllt "let's all wait together! For the bus to come! It arrives in four minutes, I BELIIIEEVE!"

    • Vor 10 Monaten

      bei manowar hab ich jahrelang darauf gehofft, dass es eine presskonferenz gibt und demaio verkündet: alles nur ein scherz, eine parodie aufs metal-business.

      aber inzwischen glaube ich, dass die das wirklich ernst meinen. und genau solche bands hab ich in meiner einleitung gemeint.

  • Vor 10 Monaten

    Die meisten Metalbands haben keinen Sinn für Ironie? Das würd ich vielleicht für viele Death und Black Metal Bands unterschreiben, aber ansonsten ... ned wirklich.