laut.de-Kritik

Im Zeichen des Sturms der Götterdämmerung entgegen.

Review von

Wie viele Schwanengesänge muss dieser Zausel anstimmen, bis die Apokalypse wirklich wahr wird? Noch bleiben der Welt die Grundfeste, Dylans Erzähler erschüttert sie nur im Traum: "The watchman he lay dreaming / Of all things that can be / He dreamed the Titanic was sinking / Into the deep blue sea." Er begleitet den zerberstenden Dampfer im Dreivierteltakt zum Meeresgrund und verkauft uns "Tempest" als Vision vom Untergang.

Dylans 45 Strophen starke Suada ist eine Echtzeiterfahrung in 14 Minuten, die voller Verheißung in ein goldenes Zeitalter aufbricht und ein hehres Ende vor dem Jüngsten Gericht nimmt. Dass hier der gescheitelte Leo aus dem James Cameron-Blockbuster absäuft und die Ebenen von echter Tragödie und gespieltem Drama verschwimmen, kümmert 'His Bobness' keinen Deut. Seine Erzählungen sind Schilderungen, die der Wahrheit und Geschichte den Vexierspiegel vor Augen halten und damit gnadenlos an der Realität zerren.

Genauigkeit steht diesem spröden 35. Studioalbum Bob Dylans ohnehin im Weg. Es wirkt schlohweiß im Vergleich zu Dylans ergrautem Haar, so weit aus der Vergangenheit geholt und beinahe älter anmutend als sein Erzeuger. Für seine Strahlkraft in der Gegenwart benötigt es keine gestriegelte Aufnahmeprozedur, sondern lediglich die von Wind und Wetter gegerbte Beharrlichkeit, Retro zu sein, ohne Dylan als Referenz dazu nennen zu müssen.

Das Zepter wie die Klaviertasten gibt der Meister längst nicht mehr aus der Hand: Seine Langspielplatten (denn nichts anderes als das sind sie) produziert Dylan seit "Love And Theft", dem "Tempest" noch am ehesten ähnelt, unter dem Pseudonym Jack Frost.

Weil er die Scharaden dennoch nicht beiseite legen kann, lauert mal wieder um die Ecke das berühmte Zitat. Er topft die Mississippi Sheiks in sein bluesiges "Narrow Way" um, verpflanzt den Folksong "Barbara Allen" in "Scarlet Town" - nicht ohne sich vorher Verse bei dem Dichter John Greenleaf Whittier zu borgen.

Und was einst Muddy Waters' Riff aus "Mannish Boy" war, ist nun mit Hammer und Meißel eingelassen ins bärbeißige "Early Roman Kings". Dylan steckt die Despoten des Alten Rom in mondäne Anzüge, stattet sie mit modernen Krawatten aus und sieht dabei zu, wie sie uns auf zeitgemäße Art kaputtmachen. Dinge, die sie schon weiland taten und jetzt sehen sie auch noch gut aus dabei.

Dass Dylan in den Credits kein Wort für die Leihgaben seiner Lehrmeister übrig hat, spricht für seine unverdrossene Vehemenz, die Gaunerei bis heute nicht einstellen zu wollen. Und dafür, dass dieses Verständnis für ihn insofern ungeschriebenes Gesetz ist, zumal dabei aus alten Ideen neue geboren werden. Als ob er wieder einmal zeigen möchte, dass in einer verflochtenen Welt die Traditionslinien selbst vor großen Namen keinen Halt machen. Schließlich ist das Material stattlicher als die kleine, kümmerliche Kreatur und gleichzeitig ein heiliges Erbe, das geschultert gehört – um dem Vermächtnis einen neuen Kontext zu verschaffen, wo es wieder eingesetzt werden kann.

Ein ganzer Mollakkord in neun vollen Minuten fasst das Ehedrama "Tin Angel" ein, in dem die Schlächterei erst ein Ende nimmt, als alle, Mann, Frau und Liebhaber dahingerafft sind: "All three lovers together in a heap / Thrown into the grave forever to sleep / Funeral torches blazed away / Through the towns and the villages all night and all day."

Was bei Dylan und Lennon zeitlebens fehlschlug (höchste Ehrerbietung füreinander, die im Aufeinandertreffen allerdings zu einem weitgehend kommunikativen Brachliegen führte) holt der Zeitgenosse von einst mit dem rührenden "Roll On John" nach. Er schreit in den Strophen wie im Schmerz nach John, schickt ihm aber im Refrain einen endgültigen, milden Abschiedsgruß nach: "Shine your light / Move it on / You burn so bright / Roll on John."

Im Zeichen des Sturms ("Tempest") sind die Leinen los und die Richtung eine ausgemachte Sache: Immer dem Abgrund nach, der Götterdämmerung entgegen. Dahinter wartet "Scarlet Town", die geisterhafte Märchenstadt. Wir finden uns ganz dösig in ihr wieder und wissen, dass die mythischen Reisen durch Raum und Zeit mit diesem Hobo und seinem Augurenlächeln weitergehen.

Trackliste

  1. 1. Duquesne Whistle
  2. 2. Soon After Midnight
  3. 3. Narrow Way
  4. 4. Long and Wasted Years
  5. 5. Pay In Blood
  6. 6. Scarlet Town
  7. 7. Early Roman Kings
  8. 8. Tin Angel
  9. 9. Tempest
  10. 10. Roll On John

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8 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Unerwartet gutes Album, vor allem seine Stimme ist wieder etwas angenehmer.

  • Vor einem Jahr

    @mfriedrich (« Ich finde das Album schrecklich...Wann sagt ihm endlich einer, dass seine Zeit vorbei ist? »):

    Das kannst Du als offensichtlicher Justin Bieber- und Britney Spears-Hörer ja gern übernehmen ;-)

  • Vor einem Jahr

    Mit den neueren Platten von Bob Dylan ist es manchmal so wie auf eine "Moderne Kunst Vernissage" zu gehen. Prinzipiell kann man das Gebotene durchaus achten und wertschätzen, aber was ist, wenn es einem nicht in der Gänze gefällt? Riskiert man dann sich als künstlerischer Redneck zu outen, der einfach zu unsensibel/ zu wenig open-minded/ zu rückwärtsgewandt oder mal ganz generell ein Idiot ist?

    Ich mache mal den Redneck. Im Prinzip ist das durchaus ganz gelungen; abwechslungsreiche Songs an sich, eine Top- Band im Rücken, ABER......

    ..... kein Raum zum Atmen! Mag sein, dass es cool ist 7 Minuten über einen Akkord zu sprech-singen; 14 Minuten lang gefühlte 287 Strophen zu deklamieren, und sicher; es wird einige geben, die diese repetitive Monotonie als wunderbares Stilmittel preisen werden. Dennoch, ein Tonartwechsel hier, ein Break da, Tempo mal im Song ändern dort; na so total falsch ist das doch auch nicht. Und wenn ich schon so'ne klasse Band habe, warum dürfen die nicht auch mal ein Solo spielen? Gitarren- Orgel- oder meinetwegen auch Zahnstochersolo würden den Ohren auch mal Pause geben. Frei nach DIETER NUHR: einfach mal die..........