28. August 2012

"Wir waren beide Arschlöcher"

Interview geführt von

Ob mit Ober-Krümel Fred Durst oder Zeitarbeit-Chef Marilyn Manson: Wes Borland hat in den letzten Jahren reichlich verbale Schlachten geschlagen.Zwischen den Stühlen der beiden Business-Hochkaräter fand Borland noch am ehesten Ruhe bei seinem eigenen musikalischen Baby, den Black Light Burns. Hier hat er alle Zügel im Griff und lässt sich von niemandem reinreden.

Wes, das zweite Black Light Burns-Album "The Moment You Realize You're Going To Fall" klingt meiner Ansicht nach wie die perfekte Weiterführung des Debüts. Siehst du das ähnlich?

Wes Borland: Ich denke, dass wir damals mit "Cruel Melody" ein Fundament gelegt haben, das wir nun ausbauen wollten. Die Grundstimmung ist sicher ähnlich. Dennoch finde ich, dass wir uns vor allem vom Sound her auf dem neuen Album etwas differenzierter präsentieren. Wir wollten heavy klingen, ohne aber von gängigen Sound-Klischees wie Metal-Gitarren und Hall-lastigen Drums Gebrauch zu machen. Ich habe die komplette Scheibe fast nur mit einer Telecaster eingespielt, ohne Humbucker, nur mit Single-Coils bestückt. Dadurch entstand ein ganz anderer Grundsound. Alles klingt irgendwie roher, direkter und rockiger. Genau das wollten wir auch erreichen.

Würdest du den Black Light Burns-Sound als innovativ bezeichnen?

Heutzutage ist es fast unmöglich komplett Neues zu kreieren. Letztlich fließen alle musikalischen Inspirationen zusammen und werden durch den eigenen Filter gejagt. Daraus entsteht dann entweder etwas Eigenes mit Bezug zu Anderem oder lediglich die Kopie von etwas, was schon längst da ist. Ich hoffe, dass uns Ersteres gelungen ist.

Nine Inch Nails, Queens Of The Stone Age, Marilyn Manson: waren das deine Inspirationsquellen?

Nun, diese Künstler spielen sicherlich eine große Rolle in meinem Leben. Aber ich habe während des Songwritings zum neuen Album auch viel Portishead, Jesus Lizard, Death From Above 1979 und The Strokes gehört.

Du bezeichnest das Album als das mit Abstand persönlichste Werk, das du je geschaffen hast. Bezieht sich das in erster Linie auf die Lyrics oder fühlst du dich auch musikalisch am ultimativen Ich-Punkt angelangt?

Für den Moment würde ich sowohl den Inhalt als auch die Musik als das Persönlichste einstufen, was ich bisher gemacht habe. Die letzten drei Jahre waren nicht immer einfach für mich und die Band. Es ist viel passiert und immer wieder kam irgendetwas dazwischen. In diesem Jahr habe ich mir aber geschworen, das Album unter allen Umständen zu veröffentlichen. Das Gute an dem langen Entstehungsprozess ist die Tatsache, dass wir als Band wachsen konnten. Jeder für sich ist in den letzten drei Jahren ein besserer Musiker geworden. Die Zeit hat uns zusammengeschweißt.

"Wir sind als komplette Band auseinander gefallen"


Das Cover stammt ja aus deiner Hand: Zwei Frauen, ein Tiger und der Kopf eines Teufels. Was hat es damit auf sich?

Eigentlich spiegelt die Zeichnung nur die Stimmung wieder, in der ich mich befand, als ich die Songs für das Album schrieb. Es gibt keinen spezifischen Hintergrund. So läuft das oft bei mir, wenn ich mich mit Coverartworks befasse. Ich lasse mich da einfach treiben und versuche die gerade entstehende Musik in die Zeichnung zu integrieren.

Du hast das Album nach dem letzten Song der Scheibe benannt. Warum?

Eigentlich lief es eher umgekehrt. Der Song ist ein Instrumental. Mir war es sehr wichtig, das Album mit einem instrumentalen Part abzuschließen. Allerdings hatte ich lange keinen Titel für diesen Song. Die Zeile "The Moment You Realize You're Going To Fall" kommt insgesamt öfter vor auf dem Album und sagt letztlich auch viel über die grundsätzlichen Themen auf der Platte aus. Deswegen habe ich mich für diesen Titel entschieden; sowohl für das Album, als auch für besagten Song.

Hattest du selbst schon Momente, in denen du dachtest, dass dir der Boden unter den Füßen weggerissen wird?

Oh, ja, ziemlich oft sogar (lacht). Ich glaube, jeder der mich kennt, weiß, dass ich in meinem Leben schon so einige Entscheidungen getroffen habe oder treffen musste, die mein weiteres Leben nachhaltig verändert und beeinflusst haben.

Welche kommt dir da zuerst in den Sinn?

Da kommen mir so einige in den Sinn (lacht). Es ist schwer da jetzt die Ultimative auszuwählen.

Wenn ich behaupten würde, dass die letzte schwere Entscheidung knapp drei Jahre zurück liegt, würdest du mir Recht geben?

Du meinst meinen Wiedereinstieg bei Limp Bizkit?

Exakt.

Das war sicher keine leichte Entscheidung (lacht).

Nach deinem letzten Ausstieg hattest du dir eine dreijährige Ruhepause verordnet. Mittlerweile sind abermals drei Jahre ins Land gezogen seit du 2009 wieder dazu gestoßen bist. Wie ist der Stand der Dinge?

Gut, dass du diese Phase nochmal ansprichst, denn scheinbar denken viele Leute, dass ich 2006 ausgestiegen bin. Das ist so nicht ganz richtig. Wir sind eigentlich als komplette Band auseinander gefallen. Wir hatten einige Songs am Start mit denen vor allem unser Bassist Sam Rivers nicht glücklich war. Fred Durst hatte dann keine Lust, das neue Material zu promoten und damit auf Tour zu gehen.

Keiner war glücklich mit der Situation und irgendwie arbeiteten alle auch gegeneinander. Zwar wollten wir weiterhin zusammenarbeiten, aber wir konnten keinen Zugang mehr zueinander finden. Es mag für viele Leute vielleicht komisch klingen, aber jetzt fühlen wir uns besser und stärker denn je.

Ich glaube, das klingt für viele Leute nicht nur komisch, sondern mitunter vielleicht schal und unglaubwürdig. Es ist ja kein Geheimnis, dass du und Fred Durst nur selten einer Meinung wart. Ist das seit drei Jahren anders?

Nein, aber wir haben in den vergangenen Jahren aus unseren Fehlern gelernt. Wir sind beide älter und reifer geworden. Deshalb sind wir auch heute nicht immer einer Meinung. Aber wir gehen respektvoll miteinander um. Mittlerweile verbindet uns sogar eine Art Freundschaft. Das ist etwas, was ich mir früher nie hätte vorstellen können, weil wir einfach zu unterschiedlich waren und viele Dinge falsch angepackt haben. Dabei stellt sich aber keineswegs die Schuldfrage. Wir waren beide Arschlöcher.

Wir haben uns dieses Mal geschworen, alles Vergangene ruhen zu lassen und nur noch nach vorne zu blicken. Das war sehr hilfreich. Als wir uns vor sechs Jahren voneinander entfernten war es für niemanden leicht. Aber es war nötig. Letztlich hat diese Pause die Band gerettet.

"Limp Bizkit stehen für fette Grooves und harte Riffs"


Die menschliche Seite ist sicherlich ein ganz wichtiger Faktor. Dennoch hast du damals auch sehr oft musikalische Differenzen angesprochen. Du fühltest dich nach eigener Aussage alles andere als wohl mit den Ergebnissen seinerzeit. Viele Fans sahen euer letztes Album "Gold Cobra" aber in der Tradition eures älteren Materials. Haben die Leute was auf den Ohren oder hast du dich mittlerweile arrangiert?

Ich denke, dass du eine Band wie Limp Bizkit nicht einfach komplett ummodeln kannst. Das wussten wir und das wollten wir auch gar nicht. Limp Bizkit stehen für fette Grooves und harte Riffs. Das hat sich nicht geändert. Dennoch gibt es viele Parts auf dem Album, die gerade mich als Gitarristen anders und intensiver positionieren.

Meiner Meinung nach hat kein Limp Bizkit-Album eine ähnlich intensive Dynamik zu bieten wie "Gold Cobra". Aber man findet natürlich immer Leute, die die Dinge anders sehen. Ich für meinen Teil bin hochzufrieden mit dem Ergebnis und hatte großen Spaß dabei, die Sachen live zu präsentieren.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass du nur bei Limp Bizkit eingestiegen bist, weil deine musikalische Liaison mit Marilyn Manson davor in die Brüche ging. Ist dem so?

Auch hier wurde wieder viel geschrieben und aus dem Zusammenhang gerissen. Brian (Marilyn Manson) und ich haben eine Weile lang sehr gut funktioniert. Irgendwann kam ich aber an den Punkt, an dem ich mich zwischen Brian und Limp Bizkit entscheiden musste. Das Thema hatten wir ja bereits zu Beginn unseres Gesprächs (lacht).

Als er dann erfuhr, dass ich wieder bei Limp Bizkit einsteigen würde, war er natürlich erst mal ziemlich angepisst. Das ist auch ganz normal, denke ich. Wie die Dinge dann allerdings transportiert wurden und was daraus letztlich entstanden ist, ist sicher eine andere Sache. Wir haben beide aber wieder ziemlich schnell zueinander gefunden und uns wieder gesehen. Alles ist bestens. Wir sind immer noch gute Freunde.

Wenn man das Dreiergespann Borland-Manson-Durst in den letzten Jahren in der Presse verfolgt hat, ist nach außen hin viel böses Blut geflossen. Wenn man dich so reden hört, fragt man sich, wer von euch bei besagten Äußerungen oder Interviews überhaupt persönlich zugegen war. Oder geht es dabei auch um Publicity?

(lacht) Ich kann dir versichern, dass vieles davon entweder gar nicht oder wesentlich differenzierter stattgefunden hat.

Das lass ich jetzt mal so stehen und richte stattdessen einen Blick nach vorne. Seit geraumer Zeit kursieren die beiden Albumtitel "The Unquestionable Truth Part 2" und "Stamped of the Disco Elephants" im Netz. Wie ist da der Stand der Dinge?

Wir haben in diesem Jahr bisher unheimlich viel Zeit im Studio verbracht. Das kann ich schon mal verraten. Wann und wie es zu einem der besagten Releases kommen wird, kann ich dir im Moment nicht sagen. Dafür ist es noch zu früh. Wir arbeiten aber definitiv auf Hochtouren.

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