laut.de-Kritik

Bubblegum-Punk war gestern.

Review von

Alle zwei Jahre, in schöner Regelmäßigkeit, beehren unsere Lieblings-Intellekto-Punker die Fanschar. Nun ist die Band 30 Jahre alt geworden. Und seien wir mal ehrlich. Die kreative Hochphase ist lang, lang, lang vorbei.

Von "Suffer" (1988) bis einschließlich "Recipe For Hate" (1993) waren die Alben großartig inspiriert. Seitdem fehlt ein echter Killer. Ich gestehe freimütig: Damit habe ich auch gar nicht mehr gerechnet.

Und jetzt das: "Dissent Of Man" ist die totale kreative Wiederauferstehung! Bad Religion sind wieder da, wo sie hingehören. Nach vorne. Was ist nun anders im Vergleich zu den nicht schlechten Vorgängern "Maps" oder "Empire"? Ganz einfach: Energielevel und Härtegrad ziehen deutlich an. Die Melodien entsorgen jeglichen Rest uninspirierten Bubblegum-Punks der Marke "Punk Rock Song".

Das alte Ehepaar Brett Gurewitz und Greg Graffin hat alle Jagger/Richards-Lennon/Mccartney-Querelen endlich beigelegt. Man konzentriert sich allein auf die Band. Das hört man deutlich.

Die typischen Whoaah-Yaaa-Yaaa-Backing Vocals von Mr Brett finden schließlich ihr wohldosiertes Maß am rechten Platz. Sie kontrastieren Graffins Betonungsmuster nicht eine Sekunde. Dennoch umhüllen sie den fast mathematisch exakt phrasierten Gesang des graduierten Evolutionsbiologen in jedem Song einem warmen Mantel gleich. Der unsägliche Fischerchöre-Effekt manch vergangener Aufnahme landet damit endgültig in der musikalischen Mottenkiste. Toll!

Die Scheibe klingt sogar fast wie eine Art Best Of. Die Melodieführung ist - wie immer - extrem eingängig; nahezu folkig. Banal gerät sie auf "Dissent Of Man" gleichwohl nie. Das liegt zum einen an den cleveren Rhythmuswechseln. Vornehmlich jedoch an der den Tracks innewohnenden Melancholie.

Gurewitz ist von uralter jüdischer Musik geprägt. Graffin hingegen liebt tragisch angehauchte Americana. Die emotionale Schnittmenge verhindert jegliches Abdriften der Musik in oberflächlichen Partypunk, den zahllose Epigonen zelebrieren.

Lässig geben sie vor diesem Hintergrund die kraftvollen Elder Statesmen des US-Punk zwischen weise trauerndem Beobachter und aggressivem Erwecker einer zuweilen überforderten Menschheit. Es ist angesichts der gebotenen Qualitätsdichte nicht leicht, einzelne Stücke hervorzuheben.

"Only Rain", "Avalon" oder "Wrong Way Kids" wird Fans der frühen "Against The Grain"-Stunde begeistern. Mein persönlicher Favorit bleibt "Ad Hominem". Der Track überzeugt textlich und kompositorisch als Fortsetzung des BR-Evergreens "Watch It Die". Zum Ausklang des - wie üblich - nicht ganz so langen Longplayers servieren die Kalifornier noch ein echtes Schmankerl: "I Won't Say Anything" verbindet die akustischen Elemente der Graffin Soloalben mit BR-Spirit. Die großartig desillusionierten Lyrics tun ihr übriges.

Überhaupt haben es die Texte erwartungsgemäß verdient, bewusst erschlossen zu werden. Sprachlich pointiert, zugleich metaphorisch und naturwissenschaftlich präzise sezieren Dr. Punk und Co. weltweit rückständige Menschenverachtung, Machtstreben und religiös bedingte Ignoranz. Die Beschäftigung lohnt sich, so man das subversive Ausmaß (aus konservativ amerikanischer Sicht) erkennen möchte.

Nach 17 Jahren haben sie ihren Platz endlich wieder zurückerobert. Kein Dissenz mit dem Dissent! Dies ist nicht "nur ein Punk Rock Song", sondern ein hochgradig amüsantes Manifest der Aufklärung.

Trackliste

  1. 1. The Day That the Earth Stalled
  2. 2. Only Rain
  3. 3. The Resist Stance
  4. 4. Won t Somebody
  5. 5. The Devil In Stitches
  6. 6. Pride And The Pallor
  7. 7. Wrong Way Kids
  8. 8. Meeting Of The Minds
  9. 9. Someone To Believe
  10. 10. Avalon
  11. 11. Cyanide
  12. 12. Turn Your Back On Me
  13. 13. Ad Hominem
  14. 14. Where The Fun Is
  15. 15. I Won t Say Anything

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13 Kommentare

  • Vor 3 Jahren

    Geilomat! Dann muss ich mir wohl nach Jahren tatsächlich mal wieder ne Bad Religion-Scheibe kaufen!

  • Vor 3 Jahren

    Also Stranger Than Fiction würde ich auch noch in die Hochphase der Band einschließen. Das Album bekommt immer Kritik ab, daß es meiner Meinung nach nich verdient. Zusammen mit Recipe For Hate meine Lieblingsalben. Dissent Of Men konnte mich jetzt beim Anhören auf Myspace nicht richtig überzeugen, aber ich habe jetzt schon einige sehr positive Reviews gelesen, daher werd ich es mir wohl holen. Den Bonustrack "Finite" finde ich aber richtig geil, weiß aber nicht, auf welcher Version des Albums er drauf ist.

  • Vor 3 Jahren

    Ein ganz großes Album. Hab auch ein wenig gebraucht um mich reinzuhören, aber jetzt läufts auf Rotation.
    "Only Rain" und "Avalalon" sind für mich die zwei absoluten Höhepunkte...wie in den guten alten Zeiten ;) wobei ich die neueren Alben auch nicht wirklich schlecht fand.

  • Vor 3 Jahren

    Also ich weiß ja nicht? 4/5 für diese höchstens mittelmäßige BR-Platte? Und TPoB nur 3/5, TNA aber ebenfalls 4/5? WTF?
    Was mich ein bisschen aufgeregt hat war, dass laut.de in der Bio von BR hinzugefügt hat, dass sie jetzt ja Kommerz sind, weil sie für eine "große deutsche Telekommunikatinsfirma" (oder so ähnlich) auftreten. Ich denke mal, damit war der Auftritt bei dem von T-Online gesponsorten Festival im Sommer gemeint. Lieb laut´ler: die VANS WARPED-Tour findet ihr aber sicher immer noch cool, oder? Und dass BR dieses Jahr ein gutes Livealbum für umme rausgehauen haben, war euch keine Meldung wert? Achso, da habt ihr bestimmt an diesen dämlichen Listen gearbeitet.
    @ nichtihnnichter: sorry, aber geh kleinen kindern aufm schulhof die mütze klauen.

  • Vor 2 Jahren

    Nette Review, wo hier aber im Vergleich zu den direkten beiden Vorgängerplatten Schnelligkeit und Härtegrad anziehen sollen ist mir ein Rätsel. Rund die Hälfte der Platte ist für BR-Verhältnisse im eher gemäßigten Tempo. Das funktioniert mal ganz gut ("Won't Somebody", "Ad Hominem") an anderne Stellen erinnert es mehr an die wirklich schwachen Platten Mitte/Ende der 90er ("Devil in Stitches", "Where the Fun is", "Turn Your Back On Me"). Die schnelleren Nummern sind hingegen fast ausnahmslos großartig. Alles in allem ein solides Album, die totale kreative Auferstehung, die in der Review gefeiert wird, fand imo jedoch mit den erwähnten Alben Empire Strikes First und New Maps of Hell statt.