laut.de-Kritik

Adenauer-Pop zum Abgewöhnen.

Review von

"Mein kleines Mädchen, heut' geb' ich auf dich acht. Halt dich ganz fest und sei mein Sozius heut' Nacht. Denn vom deutschen Staat fahren wir davon!" Schon diese ersten Zeilen des Openers "Vespa 500 Special" zeigt den Weg des neuen Albums "Gaudeamus Igitur" auf. Auf quietschenden Reifen und mit C64-Gefiepe im Rucksack gilt es, dem grauen Alltag zu entkommen, bis das Fahrtziel - die Gefilde des totalen Eskapismus - endlich erreicht ist.

Nach der höchstens mittelmäßigen Kraftwerk-Hommage "Tanzmusik Für Roboter" erfolgt bei Welle: Erdball nunmehr der vorhersehbare Rückzug ins Private, bis die düsteren Zeiten endlich vorbei sein mögen. Das Ergebnis ist totaler Biedermeier-Pop, der den 80ern mit seinem Hang zur Flucht ins Idyll den Teppich ausrollt.

Damit betreiben und verlieren sie ein durchaus riskantes Spiel. Grundsätzlich spricht selbstredend nichts gegen Ablenkung von Unbill und Horror. Warum also nicht ein wenig abschalten? Allerdings klappt so ein mit der Partybrechstange angelegtes Unterfangen nur, wenn die textlichen und musikalischen Ideen überhaupt zu großer Unterhaltung taugen. Genau an diesem Punkt hat die Band leider nicht genug auf dem Kasten.

Statt poppiger Grandezza und großer Illusion verarzten Honey und Co ihr Publikum über weite Strecken mit Rohrkrepierer-Tracks. Der Hörer fühlt sich, als sei er in einer Mallorca-Animations-Zeitschleife der 80er Jahre gefangen. Das Eröffnungslied geht zugegebenermaßen gut ab. Danach geht es allerdings recht steil bergab.

Das alte Studentenlied "Gaudeamus Igitur" interpretieren Welle: Erdball dermaßen anämisch und langweilig, dass man sogar über die recht kurze zweiminütige Songdistanz kaum an der Skip-Taste vorbei kommt. Auch danach bleibt alles so angestaubt betulich wie auf einem "Bunten Abend" der Nierentisch-Nachkriegsära. In den besseren Momenten erhebt sich der mumifizierte Geist Trude Herrs oder Peter Frankenfelds; nur eben mit C64 im Anschlag ("Nur Mit Mir Allein"). Doch das Meiste taugt nicht mal dazu ("1000 Engel").

Ist dann doch mal ein im Ansatz origineller Geistesblitz vorhanden, wie etwa der Jules Verne-Track "20.000 Meilen Unter Dem Meer", ruiniert ein Songwriting die gelungene Ausgangsposition, das selbst für Schlagerpopverhältnisse zu platt ist. "Komm, tauch mit mir ins tiefe Blau hinein. Und niemand wird uns zwei hier unten stören!" singt die schwachbrüstige Lady Lila in gewohnt steriler, komplett austauschbarer Art. Das ist kein Lockmittel, das ist ein Alptraum.

Die 08/15-Vocals der Dame Lila werden hernach in "Polyamerie" sogar noch grässlicher. Unvorstellbar, dass eine seit fast 30 Jahren bestehende Profikombo auf solch halbgar hingenölten Proberaumgesang setzt. Dieser paradoxe Witz ist leider auf Albumlänge die einzig zündende Pointe, wenn auch nicht freiwillig.

Manchmal imitiert eben auch die Kunst nur das schlechte Fernsehen. So gelingt Welle: Erdball schlussendlich immerhin das Kunststück, entgegen des Albumtitels eine der unerträglichsten Platten des Jahres fabriziert zu haben. Wer diesen Adenauer-Pop gut findet, hält auch das zu Tausenden eingepferchte Übereinanderliegen an umgekippten Binnengewässern für den Gipfel des sommerlichen Entertainments. "Das alles wartet nur auf dich!"

Trackliste

  1. 1. Vespa 50N Special
  2. 2. Gaudeamus Igitur
  3. 3. 000 Meilen Unter Dem Meer
  4. 4. Die letzte Chance zu leben
  5. 5. L'inconnue De La Seine
  6. 6. Nur Mit Mir Allein
  7. 7. Polyarmorie
  8. 8. Stirb Mir Nicht Weg (C=64)
  9. 9. 1000 Engel (Tax-5 Remix)
  10. 10. 000 Meilen Unter Dem Meer (Tax-5 Remix)
  11. 11. Die Allerletzte Chance

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LAUT.DE-PORTRÄT Welle: Erdball

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6 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    hast du vielleicht eine andere CD gehört??
    Ich war am 28.04.17 auf dem Konzert und es wurde die komplette neue Platte vorgestellt und das Publikum war begeistert...
    also von unerträglich meilenweilt entfernt, eher das Gegenteil.
    Persönlich finde ich das Album auch mehr als genial

  • Vor 3 Jahren

    Abgesehen von Ihrer Rechtschreibung, welche sehr zu wünschen übrig lässt (u.a. "Alptraum", was auch immer das sein soll...(vielleicht eine Bildtraumreise mit Lady Lila in die Schweizer Alpen?)) scheinen sie auch nur ein sehr begrenztes Kunst- sowie Textverständnis zu besitzen. Ob die neue Sendung gefällt oder nicht ist wie bei allem natürlich Geschmackssache, aber es ist absolut unterstes Niveau, auf welches Sie sich hier mit ihren diversen Formulierungen, Mutmaßungen und Anschuldigungen begeben haben. Welle:Erdball vertritt keine kommerziellen Interessen, vielleicht mitunter auch ein Grund, warum Sie keinen Gefallen daran finden. Ob man LadyLilas markante Stimme mag sei dahingestellt, aber der Sender wird, auch wenn Ihnen das wohl unbegreiflich sein wird, seine Beweggründe haben sie aus 300 Bewerberinnen auserwählt zu haben.
    Vielleicht sollten Sie sich aber auch einfach anderen, einfacheren Musikgenres widmen, die sie fähig sind zu verstehen.

    • Vor 3 Jahren

      hehe, der war gut.
      das mag ja alles sein. und ich gebe zu, dass mich derlei komplexe musik und ebensolcher gesang womöglich überfordert. bin halt ein einfach gestrickter banause.

      aber:

      was die rechtschreibung angeht, bitte an die redaktion wenden; nicht an die autoren. ist wie mit druckfehlern in tageszeitungen usw. ich zb sende meine texte nur per rauchzeichen oder kehlkopfgesang.

      das wort "alptraum" jedoch ist dudenfest und bedeutet lediglich die althergebrachte, noch immer neben "albtraum" gültige schreibweise.

      schönen abend noch. und nicht so doll ärgern. reviews und musik sind nur entertainment. :smoke:

      http://www.duden.de/rechtschreibung/Albtraum

    • Vor 3 Jahren

      willst du dich für den lappen der woche empfehlen? meine stimme hast du jedenfalls

    • Vor 3 Jahren

      LadyLila kann
      niemals
      an Alexa herankommen. Das ist ob der Tatsache. Faktum

  • Vor 3 Jahren

    die sind zugegeben ne gute liveband. und auch sehr sympathisch.

    ändert aber nichts daran, dass das konzept besser ist als das songwriting (vom titelsong oder "nur mit mir allein" habe ich fast narkolepsie bekommen) und die austauschbaren vocals a la "polyarmorie" sind - ohne den livepartyfaktor - aus meiner sicht eben auch ne zumutung.

  • Vor 3 Jahren

    Kann die Ansicht in der Review verstehen, aber gerade dieses "Langweilige" ist halt auch irgendwie sehr geil. Und der zweitletzte Satz zu dem perfekten Sommer ist sehr cool, aber auch die Vorstellung finde ich viel zu interessant als langweilig zu sein. Aber Garret hat schon recht mit Alexa/Lady Lila.

  • Vor 3 Jahren

    Der Vorwurf des "Adenauer-Pop" dürfte den Sender nicht treffen, im Gegenteil. Für den Moderator "Honey" eher eine Auszeichnung, will er doch genau das damalige Lebensgefühl ausdrücken mit seinen Adaptionen. Ein in der adoleszenten Gründungsphase der Republik lediglich "unschuldig" erscheinendes Lebensgefühl, daher ist es, soweit dem Vorwurf des Eskapismus gefolgt wird, nur gerecht, wenn der "Muff" dieser Zeit auch augenzwinkernd zum Ausdruck gebracht wird. Ironie will verstanden werden.

    Typisch deutsche Rezension, in der alles bärbeissig unter die Messlatten einer scheinbar notwendigen Wertigkeit welcher Art auch immer subsumiert werden muß, ob das vom Darbietenden angestrebt wurde oder nicht.

    • Vor 3 Jahren

      es ist nur so: selbst ein gelungenes konzept heiligt als zweck nicht jedes fehlende mittel; von vocals bis zum songwriting.
      denn gerade die von dir ins spiel gebrachte ironie lebt ja vom gegensatz zwischen wörtlicher bedeutung und wirklicher bedeutung. dafür isses aber etwas zu dünn im musikalischen und textlichen.

      und klar: für so ein typisch deutsches album einer typisch deutschen combo, passt doch ne typisch deutsche rezension eines typisch deutschen autors.