laut.de-Kritik

Mit facettenreichen Klängen in arktische Gefilde.

Review von

Uralte Seemannslieder nach dem Nummer-Eins-Erfolg von "Wellerman" in der Version von Nathan Evans gerade wieder Hochkonjunktur. Auch Santiano gaben im Frühjahr zusammen mit Evans eine eigene, schunkelnde Version des neuseeländischen Shantys zum Besten, der zwischen 1860 und 1870 entstand. Nun veröffentlichen sie mit "Wenn Die Kälte Kommt" ein Konzeptalbum, das Erinnerungen an eine Zeit weckt, als der Brite Robert Falcon Scott und der Norweger Roald Amundsen einen Wettlauf um die Eroberung des Südpols bestreiteten, der für Scott tödlich endete. Den "Wellerman" haben die Schleswig-Holsteiner als Bonus draufgepackt.

"Wenn Die Kälte Kommt" schlägt die Brücke zur Moderne, unterstützen Santiano doch die Unternehmungen des norddeutschen Polarforschers Arved Fuchs, der auf seiner "Dagmar Aaen" über die Konsequenzen des Klimawandels forscht. Zudem gibt es inhaltlich Parallelen zu Corona: Die Schleswig-Holsteiner skizzieren den Weg vom anfänglichen Zusammenhalt zu Beginn der Krise bis hin zur arktischen Gefühlskälte einiger Menschen als Folge einer gespaltenen Gesellschaft. Beispielsweise lässt sich das Titelstück als Kommentar auf den Egoismus in Teilen unserer Gesellschaft verstehen.

Ansonsten geht es wieder um die Santiano-typischen Themen wie Abschied, Heim- und Fernweh, Freundschaft, Liebe und Hoffnung. Musikalisch überzeugt die Platte jedoch nicht immer. Schon das erwähnte Titelstück fördert mehrere Probleme zu Tage. Der erste Teil erweist sich aufgrund der ähnlichen Stimmlagen von Björn Both und Andreas Fahnert noch als gelungen. In der zweiten Strophe gewinnt jedoch der hohe Gesang von Hans-Timm Hinrichsen zu sehr an Dominanz.

Dazu kommt noch eine schwachbrüstige Produktion, die dafür sorgt, dass sich rockig treibende Passagen, Orchestersounds und Folk-Einsprengsel zu einem dumpfen Klangbrei vermischen. Gegen Ende darf noch Axel Stosberg für einen ruhigen Zwischenteil kurz ans Mikro, um das gesangliche Wirrwarr noch weiter zu verstärken, auch wenn die mehrstimmigen Harmonien im Refrain wieder einmal, ebenso wie in den restlichen Gesangstracks, wie eh und je sitzen.

Dieser unausgegorene Mischmasch verschiedener Stimmen in den Strophen und den Zwischenteilen überträgt sich ebenfalls auf mehr als die Hälfte der Stücke. Dabei machen Songs wie "Heave Ho", "Graubart", "An't Enn Vun De Welt" oder "Ein Leben Lang" mehr als deutlich, dass außerhalb der Refrains maximal zwei Sänger mit ähnlicher Stimmfarbe völlig genügt hätten.

Zudem versprüht die Scheibe gerade zu Beginn eine gewisse Schlagerhaftigkeit. "Was Du Liebst" und "Nichts Als Horizonte" bewerben sich mit Schunkelrhythmen, begleitet von Akkordeonklängen, direkt für das Samstagabendprogramm der Öffentlich-Rechtlichen. Andererseits muss man gestehen, dass Santiano-Tracks für Schlager-Verhältnisse durchaus songwritische Abwechslung zu bieten haben, etwa wenn man im erstgenannten Stück gegen Ende ein kurzes Gitarrensolo vernimmt. Dennoch bleiben Björn Both & Co. dann am besten, wenn sie sich ihre Eigentümlichkeit bewahren.

So begegnet man mit "Heave Ho" wieder einer englischsprachigen Komposition, die mit kraftvollen Trommel- und traditionellen Folk-Rhythmen sowie schmissigen Seemannsgesängen treibend nach vorne geht. Als noch wilder erweist sich "Lange Her", das mit tänzerischer Geige und schmetternden Lyrics dazu einlädt, in alten Erinnerungen zu verweilen und die Gläser auf das zu heben, "was noch kommen mag". Auch Hans-Timm Hinrichsen steuert mit "An't Enn Vun De Welt" wieder ein schwungvolles Lied auf Plattdeutsch bei.

Ansonsten stellen diese ausgelassenen Momente eher die Ausnahme denn die Regel dar. Gerade gegen Ende finden sich Songs, die mit midtempolastigen Rhythmen und schwelgerischer Instrumentation die Dramatik der Geschichte vorantreiben. Auch die deutsch/englische Version des schwedischen Traditionals "Wer Kann Segeln Ohne Wind" sprüht nicht unbedingt vor guter Laune über, sondern verpackt die Verlorenheit auf dem Meer und die damit einhergehende Ungewissheit, ob man sein Ziel jemals erreicht, in bedächtige Folk-Töne und Gesänge. Die sentimentale Ballade "Ein Leben Lang" kreist um das Thema Verlust und dürfte bald auf Beerdigungen zum Einsatz kommen.

Demgegenüber gibt es mit "Graubart" auch ein richtig rockiges Stück. Das verfügt über eine ähnlich düstere Thematik und zeigt mit schweren Gitarren, hymnisch melancholischer Stimmführung und dunklen Folk-Einsprengseln, wohin die Reise der Schleswig-Holsteiner auf den weiteren Alben hingehen könnte. So bleibt ein facettenreiches Werk, das neben Altbewährtem auch Ansätze zur Weiterentwicklung bietet. Jedoch besitzt es einige Baustellen, an denen Björn Both & Co. auf jeden Fall arbeiten sollten, um nicht in all zu generische musikalische Gefilde abzudriften.

Trackliste

  1. 1. Wenn Die Kälte Kommt
  2. 2. Was Du Liebst
  3. 3. Heave Ho
  4. 4. Nichts Als Horizonte
  5. 5. Wer Kann Segeln Ohne Wind
  6. 6. Graubart
  7. 7. Lange Her
  8. 8. Solang Die Fiddle Spielt
  9. 9. An't Enn Vun De Welt
  10. 10. Das Ist Eure Zeit
  11. 11. Steh Auf
  12. 12. Nicht Umsonst Gelebt
  13. 13. Ein Leben Lang
  14. 14. Wellerman

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