laut.de-Kritik

Die Zukunft klingt funky.

Review von

Wenigstens kommen sie nicht aus Stuttgart! Sehr deutsch klingt das neue, dritte Messer-Album trotzdem. Infolge des Weggangs des Percussionisten Manu Chittka haben die vier jungen Münsteraner ihre Formation wieder auf herkömmliches Bandformat reduziert. Der ewigen Mode der Bundesrepublik nach der Wende gehorchend, spielen sie Post-Punk, allemal ziemlich gut. Deutlich funkiger gibt man sich auf "No Future Days", das die Kapelle zudem selbst produzierte.

Präzise Basslines sind hierbei wichtig. Pogo McCartney hat sie drauf, trägt fast jeden Song mit Leichtigkeit, treibt die Refrains voran, schmückt die Strophen aus, schlägt zum Glück nicht dauernd mit dem Daumen auf die Saiten. Man hört das im Opener "Das Verrückte Haus", der sphärisch beginnt und in der Mitte in einen sloganhaften Chorus ausartet.

Die in Formation gerufenen, prägnanten Ansagen erinnern stellenweise an die bereits verblichenen 1000 Robota, die mutmaßlich diesen Trend einst starteten. Messer geben sich lyrisch deutlich abstrakter, wenn man so will naturalistischer, oder gar dada: "Wie ein Taucher laufe ich durch Flure, ein Wesen unter Wasser / durch Wälder, Haine und Alleen / Ich atme so viel langsamer / auf Straßen unter See / doch immer schneller wird es gehen."

Solche Ansätze spiegelt auch das Albumcover, das sich an den Collagen des Surrealisten Man Ray orientiert: vier Köpfe in Siebdruck, daneben eingeritzt der Plattentitel. "Tod In Mexiko" generiert weitere Referenzen an die allgemeine Kunstgeschichte: Wolfgang Paalen, österreichischer Maler und Bildhauer, nahm sich 1959 in Mexiko das Leben. Die generelle Hinwendung zur Vergeistigung führen Messer mit "Die Frau In Den Dünen" fort, das sich den Namen wiederum vom 1964 entstandenen japanischen Filmklassiker leiht.

Wer das ganze Album auf seine eklektizistischen Formeln hin untersucht, spart sich am Ende das Proseminar "Subversion und Transgression im 20. Jahrhundert". "Die Frau In Den Dünen" ist dennoch der fetzigste aller neun Songs: Verhallte, phasenverzerrte Gitarren, die an die Psychedelic Furs erinnern, weitere Slogans, dezent psychedelische Synthiepads und ein altvertrauter Viervierteltakt schieben nach vorne.

Hinsichtlich des Bandsounds darf man durchaus von einer Veränderung sprechen. Der Begriff "Weiterentwicklung" im Sinne von "Fortschritt" ist allerdings kritisch zu betrachten. Dafür fällt vor allem Sänger Hendrik Otremba außer enigmatischen Versen zu wenig ein, dafür spielt auch Gitarrist Milek seinen Disco-Funk zu redundant.

"Versiegelte Zeit" bleibt gleichwohl eine überaus amüsante, clevere Angelegenheit, eine selbstironische, zweiteilige Mixtur aus Jan Delay und Krautrock. Hier demonstriert die Gruppe, wozu sie und der neu gefundene Gestus im Ansatz in der Lage sind. Wie ein Verweis auf das Sequel entlassen Messer ihre Fans mit einem Bonbon. Bekannt ist ohnehin, dass man sich vor allem live auf die Band verlassen kann.

Trackliste

  1. 1. Das Verrückte Haus
  2. 2. Der Mieter
  3. 3. Tapetentür
  4. 4. Anorak
  5. 5. Tiefenrausch II
  6. 6. Tod In Mexiko
  7. 7. Die Frau In Den Dünen
  8. 8. Stern In Der Ferne
  9. 9. Versiegelte Zeit

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