laut.de-Kritik

Kompromisslos wie der Tod und komplex wie das Leben.

Review von

Amanda "Fucking" Palmer, extravagante Cabaret-Chanteuse und feministische Ikone, hat nach sieben Jahren Pause von ihrer Solo-Karriere ein neues Album vorgelegt: "There Will Be No Intermission" ist eine Art singende Krisenbewältigung geworden. Zu Pianoklängen zwischen Zirkusmelodie, Ukulele-Klängen oder Theaterorchester entfalten sich die 20 Songs über persönliche Verluste, globale Ängste und genderspezifische Themen.

Zehnminütige Lieder sind darunter, aber dazwischen immer wieder instrumentale Interludes von unter einer Minute Länge. Diese kurzen Zwischentitel bieten ein bisschen Zeit zum Durchatmen: Die unerbittliche Ehrlichkeit in den Songs muss man ja auch erst einmal verarbeiten. Aber gemäß dem Albumtitel gibt es eigentlich keine Pausen hier, man muss sich der Musik regelrecht stellen.

Der Anspruch dieses Werks ist hoch, will es doch nicht nur therapeutisch für die Künstlerin wirken, sondern auch für die Hörer: Die erste Vorab-Single "Drowning In The Sound" entstand in Interaktion mit den Fans, deren Kommentare und Ideen mit in den Songtext einflossen. So ertrinkt man nicht nur im Klavier-Sound, sondern auch im Lyrikstrom, in dem es von politischen Unruhen über die Sonnenfinsternis bis hin zu Taylor Swift geht. Ein Song, wie eine Timeline in einem sozialen Medium, überbordend und überfordernd, und doch die Kraft der Crowd feiernd.

Zirka 12.000 Unterstützer finanzierten "There Will Be No Intermission" auf der Plattform Patreon und ermöglichten so diese schonungslose Songsammlung. Auf dem Cover zeigt sich Palmer splitternackt, die Hand hebt kämpferisch ein Schwert in die Höhe. Furchtlos stellt sie sich Themen wie Abtreibung, Fehlgeburt, Krebs, Trauer oder den dunklen Seiten des Elternseins, auch wenn ihr das Schreiben über diese Inhalte auch gehörig Angst einjagte, wie die The Dresden Dolls-Sängerin selbst sagt.

Den Schlusspunkt des Albums setzt das herzzerreißende Stück "Death Thing": Wie geht man damit um, einen geliebten Menschen nach dem anderen an den Tod zu verlieren? Vielleicht gibt sich Amanda Palmer die Antwort ja selbst, in Songtiteln wie "Life's Such A Bitch Isn't It" oder auch in "Bigger On The Inside": "Be strong. And somewhere some dumb rock star truly loves you." Gerade, wenn dieser unbarmherzige und unbequeme Wahrheiten in seiner Musik ausspricht.

Trackliste

  1. 1. All The Things
  2. 2. The Ride
  3. 3. Congratulations
  4. 4. Drowning in the Sound
  5. 5. Hold On Tight, Darling
  6. 6. The Thing About Things
  7. 7. Life's Such A Bitch Isn't It
  8. 8. Judy Blume
  9. 9. Feeding The Dark
  10. 10. Bigger on the Inside
  11. 11. There Will Be No Intermission
  12. 12. Machete
  13. 13. You Know The Statistics
  14. 14. Voicemail for Jill
  15. 15. You'd Think I'd Shot Their Children
  16. 16. A Mother's Confession
  17. 17. They're Saying Not To Panic
  18. 18. Look Mummy, No Hands
  19. 19. Intermission Is Relative
  20. 20. Death Thing

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LAUT.DE-PORTRÄT Amanda Palmer

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7 Kommentare mit 23 Antworten

  • Vor 5 Jahren

    dresden dolls fand ich gut. war glaubs mit das interessanste an 2004. aber dauerhaft geben kann ich mir das auch nid.

    • Vor 5 Jahren

      das cover finde ich übrigens sehr giel. ich fände es schon, wenn die DD eine kollabo mit den ähnlich sperrigen, wenn auch sinisteren und bosartigeren those poor bastards machen. ich würde töten für ein duett zwischen amanda und lonesome wyatt

  • Vor 5 Jahren

    seit den offiziellen launch von bare knuckle fighting championship bin ich fest davon überzeugt, dass frauen, die wahren herrenmenschen sind. ohne scheiss, da stehen typen im ring, die aussehen wie harte zuchthäusler und gehen runde 1 nach 1. (in worten einem) schlag KO.
    Und dann steht bec rawlings samt kontrahentin, die sich x runden lang br00tl mit schmackes in die fresse wichsen. ohne gnade. und die stehen nach 5 minuten immer noch und wichsen sich in die fresse :dsweat:

    https://www.youtube.com/watch?v=xN8i9U-vxmg

    https://www.youtube.com/watch?v=Jc6B50q3vh8

    ich bin verliebt :o

  • Vor 5 Jahren

    Ich glaube nicht, dass Amanda Palmer mit dem Cover die Intention hatte, Reaktionen wie hier in den Kommentaren hervorzurufen, sondern einen ästhetisch ansprechenden Rahmen für die autobigrafischen Texte und die intime Musik schaffen wollte. Ist ihr, wie ich finde, sehr gut gelungen.

    Das Album höre ich mir später mal an, da ich die letzten Tage nicht unbedingt das Bedürfnis nach ruhigen Klängen hatte und das Album mit 80 Minuten auch sehr lang ist. Bin aber trotzdem mal sehr gespannt, zumal ich Amandas Schaffen schon seit der ersten Platte von The Dresden Dolls verfolge.

    • Vor 5 Jahren

      Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, daß jeder, der sich auszieht, mit solchen Reaktionen rechnen kann. Die Palmer ist aber auch leicht exhibitionistisch.

      Ich sehe angesichts der pubertären Reaktionen keinen Grund, weswegen man ein intimes Album mit Nacktheit verkleiden muß. Da gibt es viel subtilere, schönere Arten der Covergestaltung. Mir aber wurscht - sowohl die Platte und das Cover gefallen mir. Auf den ersten Horcher sind erstaunlich wenige catchy Popsongs drauf.

    • Vor 5 Jahren

      ......sondern einen ästhetisch ansprechenden Rahmen für die autobigrafischen Texte und die intime Musik schaffen wollte...

      ...Das Album höre ich mir später mal an....

      Kleiner Spoiler Alarm sie macht jetzt Death Metal