laut.de-Kritik

Mehr Bono als Bruce Springsteen.

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Für den Bruchteil einer Sekunde glaubt man, man wäre im falschen Film: Zu Beginn von "Black Cat" schraubt sich tatsächlich ein typisches Radio-Dance-Solo aus dem Nichts hoch ... Springt Zucchero tatsächlich auf den House-Disco-Guetta-Zug auf? Dann aber klimpert ein kraftvolles Piano über die fürchterliche Introschraube, und Zucchero thront gewohnt breitbeinig über dem lockerleichten Willkommensgruß "Partigiano Regiano". Der macht übrigens Spaß, weil er ohne sich zu verkopfen Altbekanntes aufbrüht, ein wenig Rolling Stones-Leichtigkeit mit Bruce Springsteen-Power und südeuropäischen Charme gepaart: Der Tonfall für ein richtig gelungenes, aber eben auch überraschungsarmes Rockalbum ist vorgegeben.

Deutsche Musikfans haben gemeinhin ein gemischtes Verhältnis zur italienischen Musikszene. Denn während uns Pizza und Pasta begeistern und Adria- bzw. Rivierastrände Jahr für Jahr verzücken, schwappen eher selten echte musikalische Leckerbissen über die Alpen. Einzig die ewigen Schmonzetten von Eros Ramazzotti, eine Gianna Nannini und der wummernde Minimalsound einiger Italo-DJs schafften den Sprung, während die Rock-, Pop- und HipHop-Szene ansonsten böhmische Dörfer für uns bleiben.

Nur ein Mann hält seit Jahrzehnten die Grün-Weiß-Rote-Fahne oben: Der ewige Zucchero, der italienische Hybrid aus Santana, Elvis Presley, B.B. King und zig weiteren Einflüssen von Schlager bis Weltmusik, planiert seit den 80ern in schöner Unregelmäßigkeit vor allem den Schweizer und den italienischen Musikmarkt. Er erfreut sich aber auch in hiesigen Gefilden großer Beliebtheit. Man hat also Erwartungen an sein erstes Studioalbum seit sechs Jahren.

Und "Black Cat" hält, wie eingangs erwähnt, was es verspricht. Spaß macht die Scheibe vor allem, weil Zucchero sich überaus verspielt gibt, immer wieder musikalische Spitzen setzt und falsche Fährten legt. "Buone Ragioni" etwa startet mit einer dröhnenden Hochzeitsorgel, die dann homogen in eine typische Zucchero-Nummer übergeht: schmissig, schnell, kurzweilig, eingängig. Fast zu eingängig.

Der 61-Jährige hat sein Erfolgsrezept gefunden und kocht dieses mit der Routine eines italienischen Meisterkochs, aber auch mit dessen nötigen Mut zur dezenten Abweichung vom Rezept. Des Album quillt angesichts der verwendeten Instrumente, die überall ein wenig zum Einsatz kommen, regelrecht über. So entsteht ein wuselnder Sound, ein musikalischer Sack Flöhe, der kaum zu bändigen ist und dem Rezipienten wirklich einiges abfordert. Über längere Spielzeit wirkt die Produktion ein wenig ermüdend, auch weil die Grundrisse des Soundbilds im Jahr 2016 durchaus Staub angesetzt haben.

Da tut es gut, wenn Zucchero mal eine lupenreine Rocknummer hinklatscht: "Ti Voglio Sposare" ist genau das, beginnt mit einem massiven Riff und einem röhrenden Zucchero im Springsteen-Modus. Ihre stärksten Momente hat die Scheibe auch, wenn Zucchero in bluesige Gefilde abdriftet und seiner raumgreifenden Stimme freien Lauf lässt. So sind "Ten More Days", das vor allem durch seine vernebelte Italo-Western-Atmosphäre überzeugt und die überbordende Hymne "L'anno Dell'Amore" echte Ausrufezeichen.

Dabei spielt es keine Rolle, ob Zucchero englisch oder italienisch singt – die Übergänge sind fließend. Und selbstredend muss das Mammutsongprojekt "Streets Of Surrender (S.O.S.)" erwähnt werden: Geschrieben von Bono, eingespielt in Zusammenarbeit mit Mark Knopfler ist die leicht klischeebeladene Freiheitshymne tonnenschwer aufgeladen: Der Song entstand nach den Anschlägen von Paris.

"Black Cat" kommt abwechslungsreich und besitzt eine handvoll starker Momente. Nach starkem Auftakt baut die Scheibe aber in der zweiten Hälfte ab, wenn Zucchero einen schmalzigen Mainstreamschinken an den nächsten reiht. In anderen Worten: Dann ist der Italiener mehr Bono (und zwar der nervige Bono) als Springsteen.

Trackliste

  1. 1. Partigiano Reggiano
  2. 2. 13 Buone Ragioni
  3. 3. Ti Voglio Sposare
  4. 4. Streets Of Surrender (S.O.S.)
  5. 5. Ten More Days
  6. 6. L'Anno Dell'Amore
  7. 7. Hey Lord
  8. 8. Fatti Di Sogni
  9. 9. La Tortura Della Luna
  10. 10. Turn The World Down
  11. 11. Terra Incognita
  12. 12. Voci
  13. 13. Ci Si Arrende

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1 Kommentar

  • Vor 4 Jahren

    Sorry, lieber Rezensent, aber bei "Streets Of Surrender" stammt lediglich der englische Text von Bono, den Song hat Zucchero selbst geschrieben. Am Schluss gibt es übrigens denselben Song noch mal im (wesentlich besser passendem) italienischen Original: Ci Si Arrende. Dass das Album nach hinten hin abfällt kann ich ebenfalls nicht bestätigen. Es ist lediglich so, dass die drei härtesten Abgeh-Nummer gleich zu Beginn kommen und die Platte nach hinten immer ruhiger wird. Songs wie "Hey Lord", "Fatti Di Sogni" oder "Voci" würde ich nicht als Mainstream-Schinken oder Bono-esque bezeichnen, sondern sind typisch Zucchero. Für mich ein sehr gelungenes Album mit 4/5 Punkten. Freue mich auf die Tour im Herbst.