laut.de-Kritik

Texte mit dem Realitätsbezug und Feingefühl einer KI.

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Irgendwas, Irgendwie, Irgendwann: Wincent Weiss bringt es nicht gerne auf den Punkt. Lieber versteckt er sich hinter vagem Phrasengedresche und klappert auf Albumlänge brav die schlagkräftigsten Kalendersprüche ab, die die Suchmaschine ausspuckt, wenn man "Live Love Laugh" in die Tastatur hämmert. Konformität ist und bleibt die Zauberformel im deutschen Pop. Mach genau das, was alle anderen machen, und du sahnst ab. Dass das unmittelbar ein Stück weit mit der Aufgabe der eigenen Identität verbunden ist, beweist die musikalische Uniformität des Genres. Forster, Giesinger, Bendzko: Alles klingt gleich. Zumindest bisher, denn "Vielleicht Irgendwann" ist tatsächlich auf den ersten Blick so etwas wie ein vorsichtiges Abtasten in die noch weniger kartierten Gefilde des Formatradios.

Wincent Weiss ist das Raubein unter den deutschen Kalenderspruch-Barden. Der mit einem Hauch von Kante, der auch mal "ficken" oder "scheiße" sagt, der sich auch mal traut, eine E-Gitarre in die Hand zu nehmen. Somit ist er einer, dessen Musik in der Folge tatsächlich so etwas wie Charakter besitzt. Dieser Charakter wird allerdings eher durch die kaum tieferzulegende Messlatte des Genres ersichtlich als durch seine Qualität als Performer.

Der in Schleswig-Holstein geborene Sänger scheint an einem Scheideweg zu stehen. Auf der einen Seite ist da der Milchbubi Wincent Weiss, der sich mit "Ohohohos" und Plastik-Beats händeklatschend in die UKW-Frequenzen wurmt ("Wer Wenn Nicht Wir"), aber immer wieder beteuert, die Musik, die er macht, von ganzem Herzen zu lieben. Dem gegenüber steht der Wincent Weiss, der von sich selbst behauptet, ein Metalhead zu sein. Der auf Live-Shows seine Band minutenlange Gitarren-Soli spielen lässt, der sich auf Songs wie "Vergiss Mich" oder "Wann" als bierernster Rocker mit tiefer Stimme gibt, und in Ansätzen sogar härtere Metal-Genres zitiert.

Ohne eine der beiden Stilrichtungen mehr Qualität zuzusprechen, führt das zu einem unangenehmen Kontrast, der das Bild eines Sängers zeichnet, der gerne andere Musik machen würde, es aber nicht darf. Es hilft natürlich auch nicht, dass Weiss so sehr in seiner Rolle als Tapeten-Musiker gefestigt ist, dass die Ausbrüche aus dieser belanglosen Ästhetik teils unfreiwillig komisch wirken. Wenn er beispielsweise auf "Wann" oder "Was Weisst Du Denn Schon Über Mich" (ganz schlimm) seine tieferen Stimmregister zur Schau stellt, klingt er wie ein pubertierender Junge, der mit Sonnenbrille und Kippe im Mundwinkel seinem eigenen Spiegelbild vergebens beweisen will, wie cool er sein kann. Dabei beweisen Songs wie "Nur Mit Dir" oder "Wie Gemalt", dass seine Stimme in den höheren Lagen durchaus eine schöne Klangfarbe besitzt.

Was man ihm zusätzlich zugute halten muss, ist die Emotionalität, die er trotz all dem vermittelt. Denn im Gegensatz zu großen Teilen des Deutschpop-Einheitsbreis versucht Weiss nicht nur, andere Emotionen als Lachen, Weinen, Tanzen zu vermitteln, er verkauft sie auch hin und wieder mit fast schon beeindruckender Hingabe. Der kratzige Chorus von "Vergiss Mich" fängt die Verzweiflung und Wut, von der Weiss singt, erstaunlich kompetent ein. Auch auf der melancholischen Piano-Ballade "Was Habt Ihr Gedacht" reproduziert sein müdes Timbre die Einsamkeit und Reue seiner Lyrik, und verleiht ihr damit zunehmend Dringlichkeit und Nachdruck.

Womit wir allerdings beim wohl größten Problem des Albums wären, den Texten. Es soll sein persönlichstes Album werden, ließ Weiss im Voraus verlauten, ein Einblick in seine Gefühlswelt, was in seinem Kopf so vor sich gehe. Am Ende muss man die Frage "Was Weisst Du Denn Schon Über Mich" allerdings mit einem "nicht besonders viel" beantworten. Wincent hat Liebeskummer, Wincent hat Beziehungsprobleme, Wincent hat Zukunftsängste, Wincent ist traurig, Wincent ist glücklich. Ende .

Das Problem dabei ist nicht etwa die limitierte Themenpalette, derer er sich bedient, sondern die Sprache, mit der er es tut. Auf "Vielleicht Irgendwann" ist fast alles wörtlich zu verstehen, eine emotionale Bildlichkeit sucht man ebenso vergebens wie emotionale Nuancen. Wenn Weiss von einer Trennung singt, klingt das so: "Du warst da für mich, ich niе da für dich / Dabei wollte ich's nie verlieren". Oder so: "Die drei Worte, die wir uns immer gesagt haben / Werd ich wahrscheinlich nicht noch einmal von dir hören.".

Wincent Weiss textet mit dem Realitätsbezug und Feingefühl einer KI, deren Verständnis für die Komplexität von menschlichen Beziehungen einzig und allein auf einer Folge der Lindenstraße aufzubauen scheint. Alles ist so vage und allgemeingültig formuliert, dass man vergebens danach sucht, wieso gerade Wincent Weiss davon singt. Das führt dann auch dazu, dass es ihm nicht einmal gelingt, niederschmetternden Themen wie seiner Depression, die er auf Songs wie "Winter" und "Wie Es Mal War" abreißt, Nachdruck zu verleihen. Stattdessen bleibt er ein Fremder in seiner eigenen Musik.

Und wenn sich dann doch mal eine Metapher oder ein wenig Cleverness ins Songwriting einschleicht, sind wir ganz schnell wieder bei den anfangs erwähnten Kalendersprüchen."Wo die Liebe hinfällt, da lass ich sie liegen", heißt es dann etwa. Oder: "Was die Menschen nicht wissen / Könn' sie nicht ruinier’n." Einzeiler, die sich Mutti als stylische Empowerment-Etikette in die Wohnung hängen kann, die aber auch einwandfrei als deepe Insta-Captions in der Mittelstufe funktionieren.

Instrumental ist "Vielleicht Irgendwann" ähnlich nichtssagend. Piano-Balladen und Rock-Hymnen aus der Retorte geben sich die Hand mit uninspirierten Radio-Schlonz und ungeschickten Zitaten aus Neo-Soul oder Hip Hop. Deprimiert vor sich hin rasselnde Trap-Drums folgen auf euphorische Schunkelbeats aus der Dose und Gitarren, die danach schreien, einem vollgepackten Stadion einzuheizen. Nur wenige der vielen Ideen die dieses Album durchziehen, wirken zu Ende gedacht. Es fehlt eine kohärente Identität. Eine instrumentale Antwort auf die Frage, wer Wincent Weiss denn eigentlich ist.

Das Kernproblem hinter all dem ist, dass Weiss’ Musik von Emotionen lebt, diese Emotionen aber in keiner Sekunde so wirklich greifbar werden. Alles trieft vor Herzschmerz, Trauer und hin und wieder vor Euphori. "Vielleicht Irgendwann" imitiert diese Gefühle nur, anstatt sie zu transportieren. Man hat das alles eben schon hundertmal aus den Mündern anderer Deutschpop-Sänger*innen gehört, auch wenn Weiss sich alle Mühe gibt, diesen Fakt zu kaschieren.

Denn ja, Wincent Weiss traut sich mit seinem dritten Studioalbum durchaus mehr als die meisten seiner Kolleg*innen. Das gebiert auch einige Highlights, aber unter all den Gitarren, der aufgesetzten Rock-Ästhetik und der dick aufgetragenen Emotionalität versteckt sich dahinter im Kern nur ein weiteres Album, das der belanglosen Deutschpop-Stereotype zum Opfer fällt.

Die Risiken die Weiss eingeht, machen dennoch Hoffnung. Er ist zumindest jemand, der in Ansätzen versucht, diesem komatösen, selbstzufriedenen Genre in den Arsch zu treten, um ihm damit die Türen auch außerhalb der Formatradios zu öffnen. Ob und wann dieser Versuch Früchte tragen wird, beantwortet er mit dem Albumtitel selbst. Vielleicht. Irgendwann.

Trackliste

  1. 1. Weit Weg
  2. 2. Was Die Menschen Nicht Wissen
  3. 3. Was Habt Ihr Gedacht
  4. 4. Wie Es Mal War
  5. 5. Jetzt Nicht Mehr
  6. 6. Wer Wenn Nicht Wir
  7. 7. Wo Die Liebe Hinfällt
  8. 8. Winter
  9. 9. Nur Wegen Dir
  10. 10. Die Guten Zeiten
  11. 11. Was Weisst Du Denn Schon Über Mich
  12. 12. Wann
  13. 13. Vergiss Mich
  14. 14. Wie Gemalt
  15. 15. Vielleicht Irgendwann

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