laut.de-Kritik

Tools Erbe, mit neuen Anreizen fortgeführt.

Review von

Wir schreiben das Jahr 2019: Die Promo-Kampagne zum vielleicht ja doch irgendwann anstehenden Tool-Werk ist bereits in vollem Gange. Auch wenn sich die Statements von Drummer Danny Carey (bejahend) und Sänger Maynard James Keenan (verneinend) teils vehement widersprechen: Ein Release liegt mehr als im Bereich des Möglichen.

Da sich Tool zwischen "10,000 Days" und dem neuen Album mittlerweile in "Chinese Democracy"-Dimensionen bewegen, stellt sich grundlegend die Frage, ob Bands wie Wheel oder das ähnlich international aufgestellte Kollektiv Soen um Ex-Opeth Drummer Martin Lopez imstande sind, die Lücke zu füllen. Nach Soens "Lotus" veröffentlicht nun auch die britisch-finnische Kollaboration Wheel mit "Moving Backwards" einen Longplayer, der im Dunstkreis der Alternative-Industrial-Prog-Institution anzusiedeln ist.

Wheel-Sänger und Gitarrist James Lascelle sieht sich jedoch nicht als Lückenfüller oder Konkurrent, sondern freut sich auf die neue Tool-Platte. Um ein Zitat ist die Band dennoch nicht verlegen: Im Closer "The Lacking" taucht unvermittelt ein langgezogener, unmenschlicher Schrei auf, der an Maynard James Keenans Exposition in "The Grudge" ("Lateralus") erinnert.

Trotz der ähnlich gelagerten Stilistik und den gesellschaftskritischen Statements verbindet das Quartett auf "Moving Backwards" auf eindringliche Art und Weise Alternative, Prog, Metal, Grunge und einen atmosphärischen Soundtrack-Vibe.

"Vultures", ein perfekter Opener, bündelt im Single-Format die Stärken des Quartetts. Wheel nutzen sowohl analoges als auch digitales Equipment. Gerade bei den Saiteninstrumenten setzt die Band auf einen organischen Sound und verwendet ein analoges Set-Up. Der Bass hängt knietief und verbreitet Erdbeben-artige Schwingungen. Die Instrumente bilden natürlich das Grundgerüst, aber viele Spielereien beleben das Klangspektrum. Entsprechend reizt das Quartett die ganze Bandbreite digitaler Editierungs-Möglichkeiten aus und verwendet zum Beispiel den Omnisphere-Synthesizer.

Der musikalische Weltenbummler Lascelles hat schon viele Projekte begleitet. Mit Wheel hat er sein bisheriges Glück in einer interessanten Konstellation gefunden. Der gebürtige Brite lebt seit 2010 in Finnland und hat dort mit drei einheimischen Musikern das Alternative-Prog-Projekt ins Leben gerufen.

Wheels Kompositionen macht besonders, dass sie sehr rhythmisch orientiert und in eine einnehmende Atmosphäre eingebettet sind. Sie agieren nicht in diesem typischen Progrock- oder Prog Metal-Schema, möglichst viele Teile aneinander zu ketten. Alles dreht sich um einen bestimmten Flow und um die eine stimmige Idee.

Der Track "Wheel" erinnert mit seinem orientalisch anmutenden Tribal-Drumming an Soundtracks der Marke "Syriana" oder "Blood Diamonds". Darüber hinaus referiert er Tool und deren Adaption im Dream Theater-Track "The Great Debate" ("Six Degrees Of Inner Turbulence"), der einen ähnlichen Spannungsbogen aufweist. Im letzten Teil bündelt die Gruppe ihre Ideen und steigert diese ähnlich James Murphys Soundtrack-Thema zum Film "28 Days Later" zu einem furiosen Finale.

Die Korrespondenz zwischen dem Bandnamen Wheel und dem Album-Titel "Moving Backwards" erscheint offenkundig. Wir leben in postmodernen Zeiten und in einer Trivialkultur. Fakten und Informationen zählen nicht viel, es zählen einzig der Trend einer Nachricht, unabhängig ihres Gehalts und wie sich die Online-Kultur darüber zerfleischt.

Lascelle vertritt hier eine klare Haltung: "Wenn dir heutzutage eine Information nicht passt, schiebst du sie ins Reich der Spekulation oder titulierst sie als schlechte Wissenschaft. Du ziehst dich zurück zu deinesgleichen und gehst nicht mehr in den Diskurs. In den Neunzigern hat jemand in einer Kneipe einen rassistischen Spruch losgelassen. Inmitten seines Freundeskreises hat er mitunter direkt kontra bekommen und konnte seine Meinung überdenken. Auch in Bezug auf Europa hoffe ich, dass die Einheit gewahrt bleibt, gerade aufgrund der dynamischen Veränderungen im Rest der Welt. Es gibt nicht wenige Menschen, die der Überzeugung anheim fallen, es sei besser, wieder zur separierten Lage der Nationalstaaten zu gehen und die Grenzen zu schließen."

Ob und in welche Richtung sich das Rad der Geschichte dreht, bleibt offen. Musikalisch führen Wheel Tools Erbe mit Würde und neuen Anreizen weiter. Die finnisch-britische Kollaboration legt mächtig vor. Ob die Amis da mithalten, hören wir vielleicht noch dieses Jahr. Um den Nachwuchs muss es einem jedenfalls nicht bange sein.

Trackliste

  1. 1. Vultures
  2. 2. Wheel
  3. 3. Tyrant
  4. 4. Up The Chain
  5. 5. Skeletons
  6. 6. Where The Pieces Lie
  7. 7. Lacking

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4 Kommentare

  • Vor 2 Monaten

    Die einzige Tool-ähnliche Band auf mindestens ebenso hohem Niveau, die ich bisher so kennen, ist Rishloo... Das hier klingt ganz interessant, wird wohl mal reingehört.

  • Vor 2 Monaten

    Der Sound klingt auf Anhieb gut aber es ist auch gleich klar, dass der Sänger nicht mit Maynard mithalten kann. Vielleicht technisch schon aber die Stimme ist einfach nicht so einzigartig.

  • Vor 2 Monaten

    Na, Karnivool haben die ohne Zweifel genügend gepumpt. Opener klingt wie aus den Sound Awake Sessions ausgeschnitten (Gesang mal ausgenommen).

  • Vor 2 Monaten

    Hat wohl nen Vogel, gähnt mir die Zukunft entgegen, der Yan. Die Stimme hat keine dynamische Pointe, also keinen Druck da hinter, klingt nach irgendwas also nix. Das Schlageug klingt langweilig nach Blechtrommel und die 4 bzw. 6 Seiter schon tausendmal gehört, erfinden die sicher nicht neu, zuviel gewollt aber schon beim Stimmen der Dinger hängen geblieben. Umrandet von der In Flames Werbung, drauf geklickt und Burn, Burn, Vogel, Burn. :P

    Gruß Speedi

    P.S.: 2,5 von 5, bei 6 Songs gehört, hinter dem Wheel ist nicht das passende Video.