laut.de-Kritik

Manches klingt gut, aber darf man heute noch so formulieren?

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Als Westernhagens Markenzeichen, sein Signature-Song, ist sein "Mit Pfefferminz Bin Ich Dein Prinz" tief in der Deutschrock-Geschichte verankert. Der Anfang von Mainstream-Deutschrock, könnte man sagen. Der Pfefferminz-Song gab Marius' vierter LP 1978 auch den Titel. Dieses Album spielt Marius Müller-Westernhagen nun erneut ein. Alle Tracks kommen in derselben Reihenfolge wie gehabt. Die Platte dreht sich nun acht Minuten länger als im Original, und genau darin besteht das Experiment, "Das Pfefferminz-Experiment (Woodstock Recordings Vol. 1)".

Die neuen Versionen klingen langsam, leise, mitunter langatmig. Der Songwriter wandelt jedes Stück zu einer getragenen Ballade. Bei "Mit 18", fordert Westernhagen wohl, dass man ganz laut aufdreht, um seine gehauchten Worte überhaupt wahrzunehmen.

Der einst unscheinbarste Song der LP, "Alles In Den Wind", erstrahlt inmitten dieser vorsichtigen Töne in neuem Glanz. Der Rocksänger trägt ihn mit Bedacht vor, schauspielerisch, legt hörbar Gestik in den Ausdruck jeder Silbe, etwa wenn er beschreibt: "Es fällt mir schwer die Kaffeetasse hochzuheben / Ich bin dann hilflos wie ein Kind." Westernhagen interpretiert die eigenen Songs wirklich neu und setzt die Aussagen durch spannende Modulation seiner Stimme richtig gut in Szene.

Dass in der Pfefferminz-Erfolgsstory Kollege Lindenberg eine große Rolle spielt, zeigt sich bereits 2016 bei Westernhagens "MTV Unplugged"; Unplugged finden beide nun ganz angesagt. Was sie bei allen Gemeinsamkeiten unterscheidet: Lindenberg setzt viel auf Musicals und Konzept-Erzählungen, Westernhagens Songs hingegen wirken unverbundener. Gerade aus dem Pfefferminz-Album machten sich mehrere Einzel-Tracks, "Dicke", "Johnny W." und "Mit 18", selbständig und erzielen bis heute hohe Streaming-Zahlen. Das Album selbst platzierte sich trotzdem bei weitem nicht als erfolgreichste Platte des Bluesrockers; da verkauften sich mehrere spätere Scheiben deutlich besser.

Was nun Westernhagen motiviert haben könnte, aus den alten, bereits recht perfekten Songs etwas Neues heraus zu kitzeln, ist etwas, das man als Außenstehender ohne Erläuterung nur schwer versteht. Geld war es wohl nicht. Ein Studio in der Nähe des Hudson River, die Dreamland-Studios, eine umgebaute Kirche, lockte Westernhagen. Anderthalb Fahrtstunden liegt es vom alten Woodstock-Aufführungsort entfernt, mehr bedeutet der Album-Untertitel "Woodstock Recordings" nicht. Den Räumlichkeiten eilt ein sehr guter Ruf voraus: sie sollen nicht nur eine besondere Akustik sondern auch eine besondere Atmosphäre haben. John Agnello, der mal für Aerosmith trommelte, erinnert sich, wie nachmittags das Sonnenlicht durch die farbigen Fenster blinzelte und ihn in eine gechillte Atmosphäre versetzte. Zudem öffnet man für eine spontane Grill-Party einfach die Hintertür, und zur familiären, vielleicht auch schrägen Stimmung tragen zwei Hunde bei, die dort offiziell als Security und als "Design Supervisor" tätig sind.

Entsprechend inspiriert, gestaltet Westernhagen vor allem seinen Klassiker "Dicke" höchst atmosphärisch und auch spannend. Erst mischt sein Produzent Larry Campbell den Gesang aus der Entfernung bei, dann holt er ihn näher heran und legt seine Pedal-Steel-Gitarre darüber. In der nächsten Stufe öffnet Larry die Vokal-Tonspur ganz, während Westernhagens Gesang immer verzweifelter wird. Es muss ganz fürchterlich sein, sich in "Dicke" hineinzuversetzen, eine riesige Tragödie.

Rasseln und spärliche Tambourine-Percussion tragen den Beat und klingen nach New Orleans, Cajun-Musik und eine Spur nach Dr. John. Warum aber hat Marius den Text so belassen wie im Original? "Dicke haben's schrecklich schwer mit Frauen / Denn Dicke sind nicht angesagt." Westernhagens Text war damals schon frech, doch darf man heute noch so frei formulieren? Ohne dass man es als politisch korrekter Rezensent "Diskriminierung" nennen muss? "Dicke haben Blähungen (...) und von den ganzen Abführmitteln rennen Dicke oft aufs Klo", klagt der Sänger, und moduliert seine Stimme so witzig und interessant, dass man ihm den bösen Text kaum verübeln kann; der Vortrag wirkt sogar lustig. "Dünn bedeutet frei zu sein", singt der hager gebliebene Marius Müller-Westernhagen.

Larry Campbell, besagter Producer, zeichnet sich als großartiger, kreativer Experte für Saiteninstrumente aller Art von Banjo bis Geige aus. Auch er dürfte ein Argument für Westernhagen sein, diese zehn Songs der 70er neu anzugehen. Campbell spielte auf Bob Dylans "Love And Theft" zahlreiche Instrumente und unterstützte The Black Crowes auf "Before The Frost…", einer CD, die wegen ihrer Instrumentierung viel Resonanz erfuhr.

Manche Songs von Marius zeigen sich von einer besseren Seite als 1978. "Giselher" wächst zur anmutigen Western-Ballade heran, vereint lässigen Spielfluss mit straighter, sehr dezenter Percussion und ausdrucksstarkem Gesang. Dass der Song eine so angenehme Melodie hat, ging auf der Original-LP unter. Ähnlich positiv überrascht der widerborstige Rhythmus in der neuen Version von "Grüß Mir Die Genossen". Der Song spielt auf den RAF-Terrorismus und die Innenpolitik Helmut Schmidts in Westdeutschland an.

Beim Schlusssong "Johnny W." über die schottische Whiskey-Marke Johnnie Walker, enttäuscht die Neuauflage. Dieser Track, der schon immer dem Country nahestand, klang 1978 intensiver. Westernhagen dehnt den Titel nun als Lagerfeuer-Geklampfe in die Länge, gibt sich als Bariton mit tiefer, stereotyper Alkoholiker-Stimme und macht auf Norddeutsch, aus "ohne dich nicht aus" wird "ouwne diech niecht aus", und die Instrumentalpassagen tropfen vor süßlicher Country-Idylle.

Manches klingt anders und gut, manches besser als früher ("Grüß Mir Die Genossen"), manches weniger gut ("Zieh Dir Bloß Die Schuhe Aus", "Oh, Margarethe"), manches neutral 'anders' als bis dato. Bis auf den starken Gesang in "Willi Wucher" lässt sich von 'Rockmusik' im engeren Sinne nichts mehr erkennen, immerhin ein Song, der im Original eher Funk als Rock war. Westernhagen hat also einiges neu erfunden, aber insgesamt wäre die perfekte Platte ein Best Of aus beiden Scheiben. Diese Variante gibt es nicht, dafür aber ein Boxset aus Filmdoku, blau eingefärbtem Vinyl der '78er-LP und neuer CD.

Trackliste

  1. 1. Mit 18
  2. 2. Zieh Dir Bloß Die Schuhe Aus
  3. 3. Willi Wucher
  4. 4. Oh, Margarethe
  5. 5. Alles In Den Wind
  6. 6. Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz
  7. 7. Dicke
  8. 8. Giselher
  9. 9. Grüß Mir Die Genossen
  10. 10. Johnny W.

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12 Kommentare mit 48 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    "Westernhagens Text war damals schon frech, doch darf man heute noch so frei formulieren? Ohne dass man es als politisch korrekter Rezensent "Diskriminierung" nennen muss?"

    Um Gottes Willen.

    • Vor 2 Jahren

      Da hat man direkt Verständis für neurechte Blödköpfe, die sich über pc-Sprech echauffieren.

    • Vor 2 Jahren

      Zur Klarstellung: Mir geht es um das "als politisch korrekter Rezensent". Ich will gar nicht beurteilen, ob das diskriminierend oder 'falsch' ist, was Marius da gedichtet hat, sondern darum, dass das nichts politisches ist und das ganze Konzept 'politische Korrektheit' an sich falsch ist.

    • Vor 2 Jahren

      Möchtest du damit etwa behaupten, dass das meiste, was gerne als "politisch korrekt" bezeichnet wird, eigentlich nur Ausdruck eines Mindestmaßes an Anstand und Respekt gegenüber Anderen ist und dass der Versuch daraus etwas "Politisches" zu machen in sich schon eine Diskursverschiebung darstellt? :-O

    • Vor 2 Jahren

      Um mein "Um Gottes Willen" noch mit etwas Inhalt zu füllen: Ich wünsche mir auch eine Welt, in der möglichst wenige Leute diskriminiert werden. Am besten niemand. Aber diese Selbstkasteiung muss nicht sein. Es bedarf keiner Krücken wie die der "politischen Korrektheit", um so etwas Grundsätzliches wie Anstand zu besitzen. Durch Fragen (egal, ob rhetorisch oder nicht) wie "Darf man das?" bringt man sich unnötigerweise in eine defensive Position. Selbstverständlich darf man sagen, dass Dicke dick sind. Man darf auch über Dicke Witze machen, genauso wie über Behinderte, Politiker oder Ostfriesen. Kontext ist wichtig. Die Welt ist nicht schwarz-weiß.

    • Vor 2 Jahren

      Also sind Witze über Heimkinder und Wurzelgemüse doch ok?
      Was wurde eigentlich aus Dr. Knarf?

    • Vor 2 Jahren

      Na, Neusprech ist da snicht. Da hat der Rezensent schon Recht.

  • Vor 2 Jahren

    Bringt der Rezensent doch glatt Sensibilität für Fettis auf. Ich sach euch Junx, PC ist der neue Hitler. Da hat man ja direkt Verständnis für neurechte Blödköppe.

  • Vor 2 Jahren

    Ojemine da hat man ja direkt Verständnis für Neublöde Rechtsköpfe die vorm PC sitzend dämliche Laut Kommentare lesen und dabei Gröne....äh...Westernhagen hören.