13. Mai 2013

"David Guetta ist mir fremd"

Interview geführt von

Westbam spricht mit laut.de über Kollegen, neue Moden und Dinge, für die er nun wirklich zu alt ist.Mit ein wenig Verspätung ruft mich die nette PR-Dame von Universal an, um mir den frisch und konzentriert wirkenden Westbam zu überreichen. Die Begrüßung fällt höflich, fast herzlich aus und Bam lässt sich auch nicht durch meine Bitte um die Aufnahme des Gesprächs irritieren. Gemeinsam machen wir uns daran, die ganz großen Rave-Fragen zu beantworten, das Phänomen "Götterstrasse" zu ergründen, dem Musikinstrument Plattenspieler zu huldigen und David Guetta in Ruhe zu lassen.

"Götterstrasse" weckt bei mir die Assoziation Nietzsche und Philosophie, was war die Intention für diesen Titel? Gibt es eine tiefere Bedeutung oder ist es einfach ein schönes Wort?

"Götterstrasse" ist gewissermaßen ein Wortfundstück, was des Weges geschwommen kam, als ich gerade nach einem Albumtitel suchte. Da hatte ich das Gefühl, das hat einen Sound und irgendwas, was mir daran gefällt. Wenn du an so einem umfangreichen Album arbeitest, und da kommt ein Titel, der etwas "Großes" hat und gleichzeitig nach Straße und Schmutz klingt, dann passt das schon gut zusammen.

Es hört sich auch nach einer Mixtur zweier Dinge an, die auf den ersten Blick gar nicht zusammengehören.

Genau, denn wenn ich einem Konzept treu geblieben bin, dann dem der DJ-Musik.

Das Albumcover, gestaltet vom Künstler Daniel Josefsohn, bildet dich vor dunklem Hintergrund ab, nur eine leuchtende Glühbirne über dem Kopf und Blitze aus den Fingern schießend. Gibst du denn die Erleuchtung an uns weiter?

Na ja, also was das genau bedeuten soll, da müsste man schon den Josefsohn fragen, der hat dieses Bild schließlich geplant, ich bin ja "nur" drauf. Aber diese Glühlampe spielt insofern eine Rolle für mich, als dass der Blitz einen durchzieht, anstatt von einem auszugehen. Ich übernehme also sozusagen die Rolle des Transmitters, wenn man so will.

Die immense Stardichte von Brian Molko bis Kanye West beeindruckt schon beim ersten Hinsehen, geschweige denn Hören. Wie können wir uns die Entstehungsgeschichte der Tracks vorstellen? Was war zuerst da, die Instrumentals oder die Vocals?

Da war zunächst einmal die Musik da, bei der man sich dachte, da brauchen wir jetzt Vocals. Beziehungsweise, wen würde man gerne im Kontext dieses Tracks hören. Die Künstler mussten natürlich auch Lust auf den Song haben, ich glaube, ich hätte einen Iggy Pop nicht hinter dem Ofen hervor locken können, wenn ich gesagt hätte: "So, dem schneidern wir mal einen Track auf den Leib, der nach Iggy Pop klingt." Vielmehr sollte es etwas sein, was der Künstler so selber wohl nicht machen würde, aber Spaß daran hätte, so bei so einer Unternehmung mitzumachen.

Kam denn auch Feedback zu den fertigen Stücken?

Absolut. Gerade Leute wie Hugh Cornwall oder Brian Molko haben aktiv teilgenommen, mitgeredet und gesagt, was ihnen gefällt. Wenn wir zum Beispiel etwas im Nachhinein verändert hatten, waren die auch durchaus so direkt zu sagen: "Das hat mir vorher aber besser gefallen." Ich hatte den Eindruck, dass die, obwohl wir kein Millionenbudget zur Verfügung hatten, die Sache sehr ernst genommen haben, weil sie sie eben auch spannend fanden.

Die Stücke verbreiten eine sehr "große" Aura, kombiniert mit hymnischen Harmonien und Melodien, Stichwort "Tristanakkord". Interessant, denn bis vor kurzem hast du ja eher noch die "breakigeren" Spielarten von elektronischer Musik vertreten.

Ja, da muss man schon unterscheiden. Ich habe als DJ zum Beispiel nie nur Sachen gespielt, die so klangen wie die Stücke auf meinen Studioalben. Da geht es mir schon eher um die DJ-Dramaturgie des jeweiligen Abends. Die Eigenproduktionen hatten zwar immer schon in gewisser Weise mit meinem Deejaying zu tun, waren aber doch immer gehörig 'anders'. Ein Album ist für mich auch einfach etwas Anderes als ein DJ-Mix. Ich betreibe auch zu wenig Markenpflege, als dass ich sagen würde: So klingt das Album, jetzt spiel' ich nur noch solche Sachen. Ich sehe mich als jemand, der versucht, der etwas, das er als DJ macht, in die Albumform transzendiert. Ich habe auch versucht, bei dem Album eine Art Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte und ihre Tanzmusik zu generieren. Mir haben auch verschiedene Leute erzählt, dass das Album einen melancholischen Unterton habe.

Denselben Eindruck hatte ich auch.

Ich glaube, diese melancholische emotionale Komponente kommt immer automatisch rein, wenn man große Zeiträume beschreibt, diese leichte Sehnsucht, die man verspürt, wenn man daran zurückdenkt.

Trotzdem kommt das dann aber nicht verbissen rüber, so à la "Früher war alles besser". Ich habe das schlicht und einfach als Hommage gesehen.

Ganz genau!

Hommage natürlich auch an das Nachtleben und seine Rituale und Abläufe. Flasht dich die Nacht überhaupt noch, oder ist das eher in Automatismen und Pflichterfüllung abgedriftet?

Gewisse Automatismen entwickelst du auch, wenn du erst drei Monate lang auflegst. Und eine gewisse Unerfahrenheit hast du auch immer noch, wenn du bereits 30 Jahre auflegst. Es ist ja auch ein anderer Kontext, da geht es mir beim Produzieren ähnlich. Du versuchst eben zu jeder Lebenszeit bestimmte Sachen zu machen, die du in dieser Zeit besonders gut machen kannst. Sachen, die ich in meiner Sturm und Drang-Phase, so mit 20/21 gemacht habe, die könnte ich heute natürlich nicht mehr bringen. Weil mir heutzutage die Power der Naivität und der jugendliche Leichtsinn fehlt. Es gibt eben bestimmte Sachen, zu denen wird man eben erst später befähigt. So wie zu dem aktuellen Album (schmunzelt).

"DAFÜR bin ich nun wirklich zu alt!"


Du hast mal gesagt, du fändest es albern, wenn sich heute noch jemand Turntables kauft und sich damit künstlerisch ausdrückt. Was wäre denn dein Alternativvorschlag für die jetzige Generation von DJ-Anwärtern?

Ich würde es eher so formulieren: Wenn heute ein 20-Jähriger zu mir käme, würde ich ihm nicht dogmatisch zu Vinyl raten, so im Sinne einer "wahren und einzigen DJ-Schule." Es gibt sicherlich auch heute junge Talente, die tolle Sachen mit Plattenspielern anstellen. Genauso, wie es zum Glück immer noch genügend Künster gibt, die mit Bass, Gitarre, Schlagzeug und Vocals etwas Persönliches hervorbringen.

Vielfach werden die Turntables ja auch nur noch als Laptop-Abstellflächen in den Clubs missbraucht. Als du bei einer Mayday vor einigen Jahren zu ersten Mal mit CDs gespielt hast, haben dich ja viele beschimpft, fast so, wie damals, als Bob Dylan zur elektrischen Gitarre griff.

Ja, erstmal ist es so, dass heutzutage nur noch wenige in den Clubs die 1210er richtig aufzubauen und zu kalibrieren wissen. Das ist natürlich hauptsächlich der Tatsache geschuldet, dass die meisten mit dem Laptop oder mit CDs spielen. Und als mir das eben zu blöd wurde und ich auch zeitweilig auf CDs umgesattelt habe, kamen eben auch gleich die Vorwürfe. Von wegen "Du spielst doch hier nur deine vorgemischten CDs."

Das war bei mir aber eben eine rein pragmatische Entscheidung, weil ich nicht mit einem eigenen Techniker zwei Tage vorher anreisen wollte, um mit dem zusammen die Plattenspieler richtig aufzubauen, zu gewichten und so hinzustellen, dass die Nadel nicht ständig springt. Denn dem Endkonsumenten ist das Medium eigentlich egal. Hauptsache, die Musik läuft. Wenn die Nadel aber ständig springt, wird nicht der zuständige Techniker, sondern eben der DJ, der gerade dran ist, für diesen Missstand verantwortlich gemacht. Trotzdem habe ich natürlich nach wie vor Respekt vor dem Musikinstrument Plattenspieler, auch weil ich ja einer von denen bin, die ihn überhaupt erst zu einem Musikinstrument erkoren haben

Im Zusammenhang mit Berlin als Technohauptstadt gibt es Äußerungen von dir zum Phänomen des sogenannten Techno-Biedermeier. Also weg vom Großrave hin zu kleinen, elitär-familiären Strukturen à la Bar25. Neuerdings, auch im Kontext von Events wie etwa dem Berlin Summer Rave, scheinen aber wieder viele Tänzer zurück zum Großrave gefunden zu haben. Wie siehst du diese Entwicklung?

Obwohl ich nie ein großer Anhänger des Techno-Biedermeier war, kann ich schon verstehen, wie das entstanden ist. In den 90er Jahren war das bestimmende gesellschaftliche Ereignis eben der Fall der Mauer, in den Nuller-Jahren war es dann der Fall der Twin Towers in New York. Dieses Unsicherheitsgefühl hat dann auch zum Rückzug von großen, öffentlichen Veranstaltungen hin zum kleinen Rave-Rahmen geführt. Dieser Minimal Sound lag mir jetzt persönlich auch nicht besonders. Andererseits kann ich bestimmte Sachen auch abstrakt gutheißen und muss sie ja deswegen nicht gleich selbst mitmachen. Den Berlin Summer Rave gab es jetzt bereits mehrmals und ich war positiv überrascht.

Du hast dich letzthin kritisch zu den Entwicklungen in Sachen EDM in Amerika geäußert, könntest du dir eventuell trotzdem vorstellen, dort eine Album-Tour zu machen?

Was die USA betrifft, bin ich nicht hundertprozentig informiert bzw. in der Materie drin. Aber nach dem was ich auch von Kollegen mitgekriegt habe, stehste da vor Tausenden weißen Amis mit Leuchtstab im Mund. Dann sagt die große Bookingfirma, du musst im Rahmen von Partymusik bleiben, bloß nicht zu künstlerisch werden. Das ist eine Art von Disrespect gegenüber dem Deejaying, da sage ich, nein danke. Ich gönne jedem, dass er Freude mit solcher Musik hat, aber ich persönlich bin da raus. Ich sage eigentlich nie, das ich für etwas zu alt bin, aber dafür bin ich nun wirklich zu alt.

"Die David Guetta-Welle ist mir fremd"


Zurück zum Anfang des letzten Jahrzehnts und den legendären Electric Kingdom-Touren, deren Anführer du ja jeweils gewesen bist. Mit der Crew von damals hast du ja mittlerweile nicht mehr so viel zu tun, aber könntest du dir so etwas mit neuer Besetzung in der Jetztzeit wieder vorstellen?

Also so etwas kann ich mir grundsätzlich eigentlich immer vorstellen, ich habe da auch schon einige neue Leute im Auge, die theoretisch passen könnten. Es gibt aber keine konkrete Planung diesbezüglich.

Wie sieht es aus mit Remixen der Stücke auf "Götterstrasse"?

Das Album selbst ist nicht direkt auf das Hier und Jetzt bezogen, sondern auf den Weg bis hierher. Und da DJ-Musik bekanntermaßen vom Hier und Jetzt lebt, habe ich mich entschlossen, abgesehen von Remixaufträgen für das Album, die es natürlich auch gibt und geben wird, eigene Neuinterpretationen der Tracks nachzureichen. Ich werde also im Lauf des Jahres noch die schnell gemachten, rotzigen Versionen präsentieren, die eher so einen "Edit"-Charakter haben. Da kommt DJ-Musik schließlich auch ursprünglich her, Musik für sich selbst neu zu definieren.

Ein interessanter Ansatz, Edits der eigenen Stücke zu machen, da sind wir mal gespannt. Abschließend noch eine Frage zu einem potentiellen neuen Mr. X und Mr. Y-Album in 2013. Auf Afrika Islams Facebook-Seite wird da schon einiges gemunkelt und geunkt.

Ja, wir sind da tatsächlich dran, es sind auch schon ein, zwei neue Lieder in der Mache. Wir hatten schon einige Auftritte zusammen in jüngerer Zeit. Das war rückblickend ein seherisches Konzept damals, diese Verbindung von Urban Hip Hop und Techno-Beats. Das war ziemlich genau das, wo sich Populärkultur heut noch befindet. Neulich hat jemand zu mir gesagt, wir etwas älter gewordenen Künstler befinden uns in einer Welt, in der wir uns überhaupt nicht mehr wiederfinden können. Da musste ich ihm entgegnen, das ich das gar nicht so sehe.

Ich habe nicht das Gefühl, dass das, was um mich herum passiert, überhaupt nichts mehr mit mir zu tun hat. Ich erkenne da einige Ansätze durchaus wieder, ich kann nur mit einigen Phänomenen à la David Guetta nichts anfangen. Diese "Welle" ist mir fremd. Das bedeutet nicht, dass ich ihm den Erfolg nicht gönne oder seinen Anhängern die Freude an der Musik missgönne. Ich kann schlicht und einfach nichts damit anfangen. Aber ich bin sicher nicht von der Sorte, die neue Entwicklungen a priori schlecht redet.

Herzlichen Dank für das Interview!

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