laut.de-Kritik

Stillstand zwischen Streaming-Playlisten und Schlager-Paraden.

Review von

Vanessa Mai habe "die Spielregeln einer ganzen Szene" verändert und "vermeintliche Gesetze in Sachen Musik, Stil und Haltung" gebrochen, huldigt ihr der Pressetext zu "Metamorphose". Eine musikalische Jahrhunderttat erwartet demnach die interessierte Hörerschaft. Doch merkwürdig, selbst mit noch so gespitzten Ohren unterscheidet sich das Album nur geringfügig von "Mai Tai". Sie betrauert noch immer zerbrochene Beziehungen und tanzt durch "lange Sommernächte im Stadtbezirk". Und statt mit Olexesh bindet sie nun das junge Publikum mit Playlist-Rappern wie ART oder CIVO.

Sido hat ihr bereits letzten Herbst bei ihrer Mission geholfen, Distanz zum verstaubten Schlager-Genre zu simulieren. Im der gemeinsamen Single betrauert Vanessa Mai eine Beziehung, der "kein Happy End" beschieden war. Dabei klingt sie aber so, als liege sie maximal leicht schmollend Blütenblätter zupfend auf der Blumenwiese. Der frühere Maskenrapper namedroppt sich derweil sinnfrei durch seine Lieblings-Filme und -Serien: "Bin Christian Grey, ich bin Mr. Big, Walter White und Lupin, wenn du mich vermisst. Denn du bist Kevin alleine zu Hause und wieder keine Nachricht von Sam."

"Ich will deine Story skippen, ohne dich zu vermissen", trällert Mai in "Happy End" wie ein Teenie, das nur eine vage Vorstellung von der Liebe hat. Oftmals klingen die Songs schlicht so, als hätten ältere Menschen sie mit dem Ziel konzipiert, jugendlich zu klingen. Und da die Generation Z das Smartphone niemals aus der Hand legt, spielen sich darauf wohl ganze Beziehungen ab. "Möchte nichts mehr lesen außer unsere Chats", beteuert Mai in "Schwarze Herzen", während Gastrapper CIVO in diesem kindgerechten Liebeslied sehnsüchtig auf Emojis wartet: "Warte drei Stunden auf zwei Herzen."

Wenn es gerade schwierig ist, einen Rapper aufzutreiben, übernimmt der Hörer und gelegentlich die Hörerin gedanklich den Gegenpart zur schmachtenden Vanessa Mai. "Ich lieb' es, wie du schmeckst, machst mich irgendwie so an", verzehrt sie sich nach ihrem undefinierten Gegenüber, "Baby, ich geh' auf die Zehenspitzen immer, wenn wir uns im Stehen küssen." Während im Hintergrund das verspielte Instrumental zu "Zehenspitzen" läuft, formt die Sängerin die mit laszivem Cover und freizügigen Instagram- und TikTok-Posts geweckten Fantasien ihrer Anhängerschaft musikalisch aus.

Feierlich geht es im elektronischen "Vibe" zu. "Wir fühlen den Vibe, beste Leben", singt sie mit flotter Jugendsprache "an der Roofbar mit Tequila auf Eis." Damit kann sich die dort kellnernde und wegen steigender Mieten schon bald vertriebene Jugend mit Sicherheit identifizieren. In Wahrheit zielt der Song wohl eher auf Firmenfeiern ab, wenn sich der Pegel zu fortgeschrittener Stunde allmählich der gewünschten Atmosphäre annähert. Brauchbar dürfte er zudem auf der Aftershow-Party der Bambi-Verleihung sein, wo dann auch die Bunte-Chefin eine flotte Sohle aufs Parkett legt.

Anstelle der eigenen Neuerfindung behält "Metamorphose" immer mehrere Märkte gleichzeitig im Blick. Harmlos sympathischer Pop ("747") wechselt sich mit Fernsehgarten-Sound ("Summer Nights", "Süchtig") und Weichspül-Trap ("Melatonin") ab. Am Ende halten dank Schwiegermutter Andrea Berg gar lachhafter Pathos und ein Kinderchor Einzug ("Unendlich"). So bleibt Vanessa Mai in einem beständigen Spannungsverhältnis zwischen schüchternen Schwärmereien und starker Sinneslust, Streaming-Playlisten und Schlager-Paraden, treuherzigen Teenies und blauäugigen Boomern gefangen.

Trackliste

  1. 1. 747
  2. 2. Süchtig
  3. 3. Happy End (mit Sido)
  4. 4. Vibe
  5. 5. Melatonin (mit ART)
  6. 6. Zehenspitzen
  7. 7. Summer Nights
  8. 8. Schwarze Herzen (mit CIVO)
  9. 9. Stadtbezirk
  10. 10. No Hard Feelings
  11. 11. Bitte Geh Nicht
  12. 12. Als Ob Du Mich Liebst (mit Mike Singer)
  13. 13. Aus & Vorbei
  14. 14. Unendlich (mit Andrea Berg)

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3 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor einem Monat

    Scusi per la Musi, aber hola sexy Chica!

  • Vor einem Monat

    Wenn ich sexy Chicas sehen will, hol ich mir die Neue Revue ;)

  • Vor einem Monat

    Nur mal zum direkten Vergleich:

    "Baby, ich geh auf die Zehenspitzen
    immer wenn wir uns im Stehen küssen
    ey, wir müssen von hier weg, weil ich langsam nicht mehr kann
    vom Taxi bis zum Bett dauert mir schon viel zu lang
    runter von den Zehenspitzen"
    (Vanessa Mai)

    selbes Bild, andere Herangehensweise:
    "Ich bin so klein, weil ich beim Küssen den Himmel sehen will,
    ich lege still den Kopf in meinen Nacken
    und während ich die Sonne seh',
    die sich in tiefem Blau gefällt,
    guckst du in Hundekacke.
    Ich bin so klein, weil ich beim Küssen den Himmel sehen will,
    dafür schaue ich sogar zu dir auf.
    ich bin befreundet mit dem Blau
    und mit dem Mond und seiner Frau
    und du nimmst eine Freundschaft mit dem Bürgersteig in Kauf."
    (Tina Teubner)

    Gruß
    Skywise