laut.de-Kritik

Die junge Amerikanerin kehrt ihr Innerstes nach Außen.

Review von

"Be Not Nobody" (frei übersetzt: "Sei kein Niemand" oder vielleicht noch freier "Sei Jemand" oder eventuell auch "Lass dich nicht unterkriegen") ist ein etwas seltsamer Titel für das Debütalbum einer Newcomerin. Die 1980 geborene Vanessa Carlton hat in ihrem noch jungen Leben schon Einiges mitgemacht, wie sie gerne in Interviews erzählt. Ihre gesammelte Lebenserfahrung rührt allerdings nicht von einer grausamen Kindheit im Ghetto oder von Drogenexzessen, wie bei manch anderem Künstler unserer Zeit. Nein, Vanessa Carlton ist, wie es scheint, äußerst wohlbehütet in Philadelphia aufgewachsen, und hoffte in New York auf die Erfüllung ihres Jugendtraumes. Sie wollte eine berühmte Primaballerina werden.

Unglücklicherweise verkraftete sie das harte Training an der School of American Ballet auf Dauer nicht und entschied sich kurzerhand gegen das Tanzen und für die Musik. Lange Rede kurzer Sinn: Das Album "Be Not Nobody" auf die Beine zu stellen, half Vanessa sich selbst zu finden, nachdem sie sich als tanzende Elevin allein gelassen und unverstanden gefühlt hatte. Der Titel drückt, wie sie selbst sagt, ihren Ist-Zustand aus: sie fühlt sich heute wieder wohl in ihrer Haut und vor allem mit dem was sie tut – nämlich Musik machen.

Stimmlich und was die Art und Weise angeht, wie sie ihre selbst geschriebenen Lieder zum Besten gibt, könnte Vanessa Carlton locker als kleine Schwester von Jewel durchgehen. Oder als "weiße" Schwester der R'n'B-Jungdiva Alicia Keys. Denn wie diese ist auch Carlton eine tadellose Songwriterin, Sängerin und Pianistin. Die Stimme der zierlichen Ex-Ballerina ist erstaunlich ausdrucksstark und klingt sehr reif und ausgebildet. Ihr Pianospiel ist virtuos, was bei einer Klavierlehrerin als Mutter und ersten Tastenschlägen im zarten Alter von zwei Jahren nicht weiter verwundert. Dass die ehemalige Ballerina Mozart und Chopin ebenso liebt wie Rock- und Popmusik, zeigt sie in ihren eigenen Kompositionen. Mal werden die spritzigen Klaviermelodien der Meisterin nur von Gitarren und Schlagzeug begleitet, dann wieder stimmt ein ganzes Orchester mit ein.

Kurz und gut: "Be Not Nobody" ist eine leichte und unterhaltsame CD, die Klassik mit Mainstream-Pop und hier und da mit ein wenig Rock zusammen bringt. "A Thousand Miles" und "Ordinary Day" haben ihre Ohrwurmtauglichkeit beim einen oder anderen Zuhörer bestimmt schon unter Beweis gestellt. "Unsung" geht ebenfalls in diese Richtung. Das Cover des Rolling Stone Songs "Paint It Black" ist unter "Rock goes Klassik-Pop" zu verbuchen. Übrigens die einzige Coverversion auf dem Album, was positiv auffällt. Ansonsten findet man viele emotionsgeladene Lieder, in denen die junge Amerikanerin ihr Innerstes nach Außen kehrt, fast schon therapeutisch. Während die Melodien alle gelungen sind, klingt Carltons Gesang bei einigen Stücken vielleicht etwas zu dramatisch und weinerlich – Geschmackssache. "Paradise" und "Twilight" sind Balladen, die mich hingegen auf ganzer Linie überzeugen konnten.

Da Vanessa Carlton neben ihren musischen Talenten zusätzlich mit gutem Aussehen und Charme gesegnet ist, steht einer großen Karriere als Piano-Pop-Queen nichts mehr im Weg. Es sei denn sie entscheidet sich aus heiterem Himmel Musical-Star am Broadway zu werden – die Tanzausbildung hätte sie schließlich schon in der Tasche und mit dem Gesang sieht es ja auch ganz vielversprechend aus.

Trackliste

  1. 1. Ordinary Day
  2. 2. Unsung
  3. 3. A Thousand Miles
  4. 4. Pretty Baby
  5. 5. Rinse
  6. 6. Sway
  7. 7. Paradise
  8. 8. Prince
  9. 9. Paint It Black
  10. 10. Wanted
  11. 11. Twilight

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