laut.de-Kritik

Der deutsche Gartenzwerg, messerscharf filetiert.

Review von

Natürlich könnte an dieser Stelle eine Ode an "Alles Klar Auf Der Andrea Doria", Udo Lindenbergs Durchbruch, erfolgen. Oder eine Hymne auf seine erste Nummer-eins-Platte "Stark Wie Zwei" aus dem Jahr 2008. Was nützt einem aber die ewige Beweihräucherung der immer selben Evergreens, wenn dabei das Potenzial eines wahrhaftigen Meisters im Verborgenen bleibt? Keines seiner über dreißig Alben dürfte den Künstler Udo Lindenberg so gut wiedergeben und gleichzeitig seiner Musikerkarriere so krass widersprechen wie "Keule".

Lindenberg gilt als Urgestein des Deutschrocks. Einige Zeitzeugen behaupten sogar, er habe das Genre begründet, weil er der erste war, der mit kommerziellem Erfolg aufwartete. Unbestreitbar steht fest: Kein anderer übte einen so enormen Einfluss auf die deutschsprachige Pop-Musik aus wie der Hut- und Sonnenbrillenträger, der in seiner Freizeit gerne Bilder mit Eierlikör malt. Gut, wer Ende der Sechziger bereits damit angefangen hat, hat auch genügend Zeit, um seinen Servus überall draufzusetzen. Der frühe Vogel fängt eben den Wurm.

"Der Udo" besaß mit seiner Mischung aus rockigen Klängen, Geschichten aus schmuddeligen Eckkneipen und schlageresken Melodien (im guten Sinne) früh einen Wiedererkennungswert. Er traf vielleicht nicht immer alle Töne, seine Geschichten dafür unmittelbar ins Herz. Nahbar und immer mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht erzählte er von den kleinen und großen Dramen des Alltags. Heute freuen sich die Fans vor allem über eins: Dass man dazu so schön schunkeln kann.

Seit dem Beginn seines kommerziellen Erfolgs gab das Panikorchester den Ton an. Früher klang Udo zwar rauer, aber eine leicht satirische Kante, die die perfekte Gratwanderung zwischen versöhnlich und stichelnd bewältigte, war schon immer sein Markenzeichen. Mit "Keule" zeigte er in den Achtzigern, dass er auch ganz anders kann.

Allein das Cover provozierte nach allen Regeln der Kunst. Der haarige Lindenberg, nur mit Leoparden-Schürze bekleidet, finstere Miene, Keule in der Hand. Dazu ein pinkfarbener Hintergrund. Die Platte aus dem Jahre 1982, gleichzeitig die letzte auf seinem damaligen Label Teldec, bekam aber nicht nur wegen der schrillen Optik das Prädikat "ungewöhnlich" verpasst. Für Udo-Verhältnisse hatte es der Sound in sich.

Quasi mitten im Song schmeißt der Wahl-Hamburger gemeinsam mit dem Panikorchester seine Hörer ins Erlebnis. "Urmensch" ist breit, laut, schräg. "Keule" statt Atomkrieg, Urmenschen statt Zivilisation. Das Setting steht nach nicht einmal zwei Minuten und fliegt im zweiten Akt auch schon wieder über den Haufen.

"Zwischen Rhein Und Aufruhr" erklingt rockig, klassisch mit Gitarren-Opener, aber melodiös und leicht im Gesang. Der gebürtige Westfale widmet dieses Lied den Unruhestiftern, die dem deutschen Spießbürgertum ein Dorn im Auge sind: "Ich heiße Keule und mich kennt jeder, ich trage Gummi, Strapse und Leder / manchmal nackt, weil Gott mich so schön schuf, und hab 'nen traumhaft schlechten Ruf."

Geht sofort ins Ohr und bliebe auch da, pustete "Phantom" nicht alle Lauscher durch. Das Panikorchester, das zu der Zeit George Lynch und Mick Brown von der Metal-Combo Dokken verstärken, versucht sich erstmals an Wave-Sounds. Der schnelle, rhythmische Beat und die düsteren Synthies setzen den perfekten Rahmen für die Geschichte über einen Vergewaltiger.

Lindenberg erschafft einen schaurigen Spannungsbogen. Zeilen wie "Hinter Ihnen geht ein Mann, also dreh'n Sie sich nicht um / dieser Mann kennt alle Tricks und er hofft, er kriegt Sie rum / Hören Sie seine Schritte auf dem Asphalt? / Er sagt, er meint es gut mit Ihnen, doch wenn er Sie hat, dann macht er Sie kalt" münden in einer brachialen Synthesizer-Orgie. Die Schrei-Samples, das komplette Arrangement, laufen einem eiskalt den Rücken runter. Zur Erinnerung: "Phantom" ist erst Song Nummer drei.

Umso gemütlicher macht Lindenberg weiter. "Und Sie Liebten Sich Gigantisch" erzählt ganz banal von der Liebe auf den ersten Blick, die eigentlich so überhaupt nicht zusammen passen will, was nicht passt, wird passend gemacht. Die Blaupause für so viele Beziehungen und was in ihnen falsch läuft. Nina Hagen steuert auch noch ein paar Zeilen bei.

"Körper" hingegen tänzelt wieder hibbelig und schlüpfrig am Hörer vorbei: "Sie zerrt mich in ein Taxi, nimmt mich mit zu sich nach Haus / Dann auf dem Flokati zieht sie mich langsam aus / sie küsst mich mitten ins Gesicht und mir wird heiß und kalt / und jetzt löscht sie das rote Licht und wieder spür' ich die Gewalt!" Sexismus ging eben auch in den Achtzigern schon in beide Richtungen.

Was darf bei einer gesamtgesellschaftlichen Analyse der Vokuhila-Ära nicht fehlen? Richtig, Fußball! "Bei Uns In Spananien" bringt mit einem großartig humoristischem Blick aus der letzen Stadionreihe die Absurdität um des Deutschen liebsten Zuschau-Sport auf den Punkt: "Deutsche Männer, sie wurden nicht vergessen, als der liebe Gott den Stahl erfand."

"Keule" nimmt den Hörer mit auf eine Achterbahnfahrt. Nach den seichteren Themen schmettert das Panikorchester brachial das "Gesetz", worauf wohl am allerdeutlichsten das Punk-Label zurückführt, das dem Album anhaftet. Lindenberg schreit seinen Text schrill jedem entgegen, der ihn hören will, und übt dabei Konsumkritik, die auch heute nicht aktueller sein könnte: "Wir wollen kein Leben wie'n Paket aus dem Supermarktregal!"

Ähnlich kritisch zeigt sich Lindenberg auch in "Ratten", in dem er wütend die Umweltverschmutzung durch die Industrie anmahnt. Dazwischen: "Jacques Gelee" mit dem "weichen Gang", der Haute Coture wie den "doppeltgewendeten Breireier aus dem Hause Crétin" oder "Taschenbillardhosen" aus dem Hause "Lakotz" präsentiert. Die darauffolgenden "Geilen Götter" leben zu funky Tunes nach dem Motto: "Alle Tage sind gleich lang, jedoch verschieden breit und wir fühlen uns heut' so speedy wie Lichtgeschwindigkeit." Einzig der Schlussakt "Astronaut" will nicht so ganz in dieses messerscharfe Filetieren der deutschen Gartenzwerg-Mentalität passen. Persönlich und emotional träumt Lindenberg da von dem ersten Treffen mit seiner großen Liebe.

Abgesehen vom kleinen Ausreißer am Schluss reicht kein anderes Album des Hotel Atlantic-Dauergastes an "Keules" Bandbreite heran. Nie wieder war Udo Lindenberg so wild, provokant und analytisch unterwegs. Nie wieder hat er sein Können auf einem Album derart verdichtet. Ob emotional direkt, aggressiv punkig, ironisch schnöselig, funky oder wave-ig distanziert: Lindenberg kann alles, und er zeigt mit diesem Album, warum die Achtziger zur Zeit wieder so angesagt sind: roh, wild und provokant. Genau das, was eine mosernde, in Watte gepackte Gesellschaft mit gefüllten Bäuchen wieder ganz dringend braucht.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Urmensch
  2. 2. Zwischen Rhein Und Aufruhr
  3. 3. Phantom
  4. 4. Sie Liebten Sich Gigantisch
  5. 5. Körper
  6. 6. Bei Uns In Spananien
  7. 7. Gesetz
  8. 8. Jacques Gelee
  9. 9. Ratten
  10. 10. Geile Götter
  11. 11. Astronaut

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13 Kommentare mit 26 Antworten

  • Vor 10 Monaten

    Liest sich sehr interessant. Hätte nicht gedacht, mir mal ein Lindenberg-Album in voller Länge anhören zu wollen. Heinz Rudolf Kunzes "Reine Nervensache" müsste irgendwann auch noch in Angriff genommen werden. Fällt ohnehin in die selbe Zeit.

  • Vor 10 Monaten

    Nicht euer Ernst oder? Es gibt wohl tausend Platten von Udo die sich für einen Meilenstein eignen und ihr holt die Keule raus. Das Album, mit dem sich Udo für mich damals auf Jahre hinaus ins Abseits katapultiert hat.Ich habe das damals als junger Mensch tatsächlich gekauft, aber was hat Udo mir auf dieser Platte vorgespielt? Anbiedernder Sound an die schon vom kommerziellen Strudel erfasste NDW. Alle unsere frühen NDW-Helden haben den Sound aufregender, originärer und naiver hingerotzt. Die Platte war ein müder Abklatsch des damals modernen Taktes, hat nie zu Udo gepasst und man hätte doch tunlichst den Mantel des Schweigens darüber legen sollen. Und was macht ihr? Ihr weckt sie auf und nu läuft sie ewiglich wie ein Zombie durch die Meilensteine. Das ist nicht schön. In echt!

    • Vor 10 Monaten

      Laut macht das ziemlich sicher bei der Auswahl der Meilensteine so: „Wir suchen einen Meilenstein für den Künstler X selbstverständlich darf es Album Y nicht sein denn das würde schließlich jeder machen und wir sind schließlich anders und damit besser als jeder andere!
      Also? Irgendwelche Vorschläge? Nein.... die Nerven geht nicht ist zu neu und außerdem nicht Udo Lindenberg.....vielleicht nächstes Jahr“

      Kann man so machen und zwingt den Leser, bei eher unbekannteren Steinen, sich mit dem Restwerk des Künstlers zu beschäftigen da es garantiert (!) noch bessere Alben als das von Laut auserwählten gibt.

      Könnte somit also auch eine erzieherische Maßnahme sein!? (funktioniert)

    • Vor 10 Monaten

      Wusste gar nicht, dass Craze Lindenberg hört. Da überrascht er mich jetzt aber.

    • Vor 10 Monaten

      Nun diese Platte ist doch nicht NDW. Zumindest nicht pur. Viel Rock, Rock & Roll ein wenig Punk... und ein wenig NDW. Ok ob es ein Meilenstein ist ? Es gibt zumindest schlechtere Platten von UL.

    • Vor 10 Monaten

      @Mike the Bike:
      Jo, aber halt auch bessere und vor allem einflußreichere.
      Gruß
      Skywise

    • Vor 7 Monaten

      Genau das Album ist mit Abstand eines seiner schlechtesten ...mit großem Abstand

  • Vor 10 Monaten

    "warum die Achtziger zur Zeit wieder so angesagt sind: roh, wild und provokant"

    Grütze, solche Alben haben die 80iger für so Mainstreamidoten wie ich selbst auch einer war, musikalisch ins Nirvana der Unbedeutung verabschiedet. Deckel drauf und blos nicht mehr heben, solche "Schätze"!

    Der arme Udo, wenn Kinder der Generation Eltern in den Achtzigern, erstmal Praktikanten werden bei Laut. Da ist ja fremd schämen, eine Untertreibung.

  • Vor 10 Monaten

    Die Überschriften für die Rezis werden auch immer dümmer

  • Vor 10 Monaten

    Schwaches Album, noch schwächere Rezension!
    Ab ins Altersheim mit Udo!

  • Vor 9 Monaten

    Udo hatte von 1973 bis 1980 ein Erfolgsalbum nach dem anderen. Dann übernahm er such mit einem selbst produzierten, grottenschlechten Spielfilm ("Panische Zeiten"), schuf dazu einen sehr dürftigen Soundtrack und promotete Film und Album in einer ziemlich schwachen Tournee. Sein Stern schien erstmalig zu sinken. Auf den Bahamas nahm er das Folgealbum "Udopia" auf, mit dem er zu neuen Ufern zu rudern schien: die gerade überschwappende "Neue Deutsche Welle" strömte deutlich ein. Dann kam "Keule", es war das letzte Album, das Udo für seine alte Plattenfirma Teldec aufgenommen hat, und man dachte damals, der Udo weiß nicht mehr so recht, wohin: Metal, Punk, Neue Deutsche Welle? Ich habe dieses Album immer sehr gemocht. Insofern ist das hier eine sehr gute Rezension, sie bringt es auf den Punkt - vor allem die Schlußsätze gefallen mir sehr!!! ABER: "Keule" istauch der Meilenstein, von dem an es mit Udo kommerziell bergab ging. Das Folgealbum "Odyssee", sein erstes bei Polydor, brachte 1983 noch einmal einen Riesen-Hit, den "Sonderzug...". Danach schuf Udo zu viele Alben in zu kurzer Zeit. Ein gutes folgte einem miesen, die ganzen 80er / 90er Jahre hindurch, manches war genial, anderes zu schnel und zu sehr auf Masse produziert. Der Mann wollte wohl keinesfalls vergessen werden...? "Keule" war das letzte Album, das den Fans den Udo zeigte, in dessen Musik sie sich zu Beginn der 70er verliebt hatten.