laut.de-Kritik

Emotionaler Flickenteppich aus Liebe, Queerness, Heartbreak und Sex.

Review von

"Hast du von Uma gehört?" Tove Los Album öffnet mit der Voice-Mail eines italienischen Mannes namens Mateo. Wer das sein soll, erfahren wir später. 2019 verarbeitet die schwedische Sängerin persönliche Erlebnisse und vergangene Beziehungen. "Sunshine Kitty" ist ein Flickenteppich verschiedenster Versatzstücke ihres Lebens. Dabei weicht die bekannte honigsüße Melancholie einem klaren, sommerlichen Optimismus. "There was an anger about being vulnerable", sagt sie in einem Interview rückblickend auf ihre ersten drei Studioalben, "Now there's an acceptance in being vulnerbale."

Doch auch wenn der Überbau sich verändert hat, bleibt die Thematik über weite Strecken dieselbe. Es geht nach wie vor allem um Liebe, Queerness, Heartbreak und Sex. "Sunshine Kitty" ist wie schon "Lady Wood" und "Blue Lips" ein weiteres double entendre, das gleichermaßen für Female Empowerment als auch für unbeschwerte Fröhlichkeit steht. Begleitend schuf sie einen gleichnamigen Cartoon-Charakter, der zu gleichen Teilen "cute" und "savage" ist und neben dem Cover auch in zahlreichen Visualizern der Platte auftaucht. Ihr Spirit-Animal sozusagen.

Die Texte überschreiten erneut nur selten das Niveau eines pubertären Tagebucheintrags. Das ist an manchen Stellen ärgerlich, birgt im Großen und Ganzen jedoch auch einen gewissen naiven Charme. Gerade Zeilen wie "only one dick that's a bummer" sind so tongue-in-cheek, dass man sich ein verschmitztes Grinsen kaum verkneifen kann.

Die Tagebuch-Analogie schreibt sich von hier aus fast von alleine weiter. "Mateo" und "Jacques" zum Beispiel sind echte Menschen im Leben der 31-Jährigen gewesen, ein nie vergessener "italienischer Fuckboy" sowie ein einmaliger One Night Stand in Paris. Die Songs spiegeln diese Erlebnisse musikalisch wieder: Mal zärtlich und voller Reue, mal laut, sexy und ohne Gedanken an den nächsten Morgen.

Auch Uma, die Mateo bereits im Intro erwähnt, taucht auf "Glad He's Gone" wieder auf. Angesichts einer Trennung ruft Tove sie an, um ihr den freundschaftlichen Rat "I think you know it's time to let go" zu geben. Es sind diese autobiographischen Momente, die "Sunshine Kitty" erstaunlich greifbar machen. Man findet emotionalen Zugang zu ihrer simplen Lyrik, weil man sich sicher ist, dass die Frau weiß, wovon sie redet. Wenn sie auf dem grandiosen Kylie Minogue Duett "Really Don't Like U (feat. Kylie Minogue)" davon singt, ihre/ihren Ex mit einem neuen Partner zu sehen und eine irrationale Wut auf diesen entwickelt, fühlt man förmlich ihre giftigen Blicke.

Das absolute Highlight der LP, der trunkene Banger "Are U Gonna Tell Her? (feat. MC Zaac)", ist ein weiteres Paradebeispiel dafür. Zwischen wabernden Synths und treibenden Drums räkeln sich die beiden unter lilanem Neonlicht, bis am nächsten Morgen die Ernüchterung einsetzt und Tove die titgelgebende Frage stellt. Alleine das verspielte Retro-Instrumental genügt, um eigene Assoziationen von durchzechten Nächten voll flüchtiger Liebe zu wecken.

Doch wie schon auf vorherigen Projekten finden sich auch auf "Sunshine Kitty" Experimente, die nicht ganz funktionieren. Namentlich das belanglose geratene "Stay Over" und das peinliche Dancehall-Duett "Equally Lost (feat. Doja Cat)", auf dem vor allem der Gast maßlos enttäuscht. Selten hörte man die eigentlich quirlige Doja Cat so lustlos und gelangweilt.

Auch Toves introspektive Seite vermisst man mit fortlaufender Dauer ein wenig. Einzig "Mistaken" liefert einen kurzen Moment des Innehaltens. "I think you're sleeping with me, dreaming 'bout her", singt sie, kurz bevor sie umgarnt von Autotune in wehmütiges Wehklagen ausbricht. Statt wie auf ihren vorherigen Platten betrübt zu enden, atmet sie mit "Anywhere U Go" noch einmal final auf. Inspiriert von ihrer privaten Beziehung und ihrem Umzug nach Los Angeles verabschiedet sich Tove Lo mit den Worten "And this is us, this young love / I'll follow you anywhere you go." Eine Katharsis vergleichbar mit dem Ende eines High School Musical-Films. Angesichts der vorherigen 40 Minuten konsequent und absolut verdient. Schließlich braucht es ja auch im echten Leben hin und wieder ein Happy End.

Trackliste

  1. 1. Gritty Pretty (Intro)
  2. 2. Glad He's Gone
  3. 3. Bad As The Boys (feat. ALMA)
  4. 4. Sweettalk My Heart
  5. 5. Stay Over
  6. 6. Are U Gonna Tell Her? (feat. MC Zaac)
  7. 7. Jacques
  8. 8. Mateo
  9. 9. Come Undone
  10. 10. Equally Lost (feat. Doja Cat)
  11. 11. Really Don't Like U (feat. Kylie Minogue)
  12. 12. Shifted
  13. 13. Mistaken
  14. 14. Anywhere U Go

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