laut.de-Kritik

Rasiermesser-Riffs, Sci-Fi-Moog, ekstatisches Grölen im Publikum.

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Der Blitz schlägt gleich in der ersten Minute ein, in "Thunder & Lightning". Thin Lizzy, eine der größten Live-Bands, erobern ihr Publikum. Es gibt nichts warm zu spielen, die Iren brettern mit einem Highlight los. Okay, das CD-Remaster eines Tour-Mitschnitts von 1983 müsste man nicht als Riesen-Event feiern. Doch die Truppe um Phil Lynott (und zeitweise auch um Gary Moore) war einer der am meisten elektrisierenden Konzert-Acts ihrer Zeit. Den Lizzys rissen Auftritte wie ein einziges zusammenhängendes Stück runter. Deswegen beansprucht "Life: Live" doch einen herausstechenden Stellenwert im Markt der Wiederveröffentlichungen.

Ein perfektes Mischungsverhältnis aus knappen Intros, geradlinig auf die Mitsing-Hooks zusteuernden Strophen, kurzen, aber effektiven und flinken (Doppel-)Gitarren-Soli, trocken-lakonischem Gesang und traumhaft beruhigenden Dauer-Bass-Grooves sorgte für gehaltvolle Abende, die auch auf Tonträger faszinieren. Wenige Akkorde genügten oft. Die Band beherrschte knisternde Dramaturgien und verstand es, das Publikum zum Mitmachen zu verpflichten.

Wie die Leute da in "Jailbreak" dem Aufruf "we need your helping hand" folgen und wie ein Fußball-Fanblock sich selbst anheizen und mit grölen, wie sie bereits das Intro zu "Waiting For An Alibi" in eine Hand-Clap-Party verwandeln - an Entertainment ist "Life: Live" richtig reich. Sowohl was markante Hooks als auch einschneidende Soli, Glanz- und Gänsehaut-Momente betrifft, ist die Platte ultimativ dicht. Sie kennt keine langweilige Minute, außer in der schulmeisterlichen Aufführung von "Still In Love With You", und gehört unterm Strich doch essenziell ins Regal jedes Rock-Fans.

Wer bisher vornehm abgewartet hat, ob es sich lohnt, Thin Lizzy-Fan zu werden, erlebt die Band auf jeden Fall in ihrem Element. Die eingängigen Kompositionen entbehren zwar jeglicher Schnörkel und bescheiden sich mit spartanischen Melodien. Doch sie sind nicht weniger als der Beweis, wie kraftvoll man Hardrock raus rotzen konnte, bevor die allmächtige Dominanz der Keyboards in den '80ern das Genre wandelte. Man weiß nicht, wie weit er den Poser-Sound der Jahre ab 1983/84 mit gegangen wäre. In diesem Mitschnitt merkt man von solchen umgebenden Trends jedenfalls nichts: Thin Lizzy ruhten absolut in sich.

Und sogar dort, wo der Moog ein einziges Mal doch die Regie übernimmt, mit Darren Wharton in "Angel Of Death", malen Thin Lizzy ein ausgefallenes, starkes Science-Fiction-Bild aus futuristischer Weltraum-Abstraktion mit klirrend-kalten Höhentönen, wieselflinken, chromatischen Bewegungen. Wenn die Keyboards in den Vordergrund quellen durften, dann nur mit Köpfchen und klarer Funktion, um eine Geschichte mit raketenartigen Klangfarben zu erzählen. Todesangst hatten bei diesem "Angel Of Death", gespielt am 12. März 1983 im Londoner Hammersmith Odeon, vielleicht nicht ganz so viele im Auditorium - bei uns plante man in dieser Zeit die großen Friedens-Ostermärsche.

Die Selbstsicherheit der eigenen Handschrift sorgt bei Lynotts Gruppe während der gesamten 98 Minuten für eine Nonstop-Hit-Garantie: Das nachdrücklich durchgetrommelte "Baby Please Don't Go" (1983) mit angedeuteter Falsett-Tonlage in den Vocals, darauf aufbauend das schnittige "Holy War" (1983) mit ekstatischem Mittelteil, danach die ausscherende, konzentrierte, denkbar dunkle und spannende Ballade "Renegade" (1981) mit Peitschenhieben an den Drums - diese Set-List verleitet mit einer perfekten Track-Abfolge zum Dranbleiben. So entdeckt man auf CD 2 eine extra-lange Ausdehnung des prickelnden "The Sun Goes Down". Die sensitive, zurückhaltende Nummer erscheint für die Combo ziemlich untypisch. Sie ist dem letzten Album entnommen.

"Hollywood" (1981) punktet mit Rasiermesser-Riffs und besteht überwiegend aus tief dröhnenden Resonanzen. "Got To Give It Up" bezaubert mit Atmosphäre und anschwellender Eile in Scott Gorhams Fingern, die sich kurz vor Ende überschlagen. Zu den (Lead-)Gitarristen ist zu sagen, dass sechs von ihnen aus der an Besetzungs-Hopping reichen Band-Geschichte mitwirkten, davon fünf gleichzeitig im wilden, hochgejazzten "The Rocker", dem Abschluss einer Ära. Ein Feuerwerk, mehr Symbolik als Spieltechnik, teils aber mitreißend. Das zuletzt von Saxon gecoverte Lied aus dem Jahre 1973 durfte als Rausschmeißer her halten, und damit verabschiedeten sich Thin Lizzy, bevor Phil die Gruppe nach der Tour auflöste.

Die Soundqualität verbleibt unter dem, was man von der Neupressung eines Live- und Abschieds-Albums erwarten könnte. Raumklang vermittelt sich nicht. Allenfalls sind die Mitschnitte klar und professionell, aber nicht so berückend, als wäre man wirklich dabei. Manchmal würde man sich die Drums zum Beispiel präsenter wünschen, die ein bisschen verwaschen in der Architektur untertauchen und etwa bei "The Boys Are Back In Town" eher den Eindruck einer puren Routine-Darbietung erwecken.

Andererseits, die Cue-Punkte sind sauber gesetzt und gekonnt auf die Track-Programmierung der CDs übertragen, und der Vorzug dieses Tour-Dokuments ist, dass man mehrmals Performances beieinander belassen hat, statt sie aus verschiedenen Spielorten oder -abenden zusammen zu bauen. Dadurch vermittelt sich der atemlose Medley-Charakter etwa am Ende der ersten CD oder in der Abfolge von "Killer On The Loose" nach "Don't Believe A Word".

Das jaulende Solo in "Don't Believe A Word" kennt man nicht von anderen Mitschnitten, auch das Tempo dimmte man überraschend herab, so dass viel Gary Moore-Stil durchscheint; wobei der hier nicht mit auf der Bühne war, bei ein paar anderen Stücken dann aber doch. Die traurige, ruhige Fassung erlebt zwar einen sägenden Schluss, in dem sich der Bass aufbäumt und die Lead Guitar bedrohliches Wolfsgeheul anstimmt, aber es ist trotzdem nicht so recht der Song, wie man ihn kennt und erwartet.

Wer den Klassiker als feurigen Feger braucht, sollte sich daher bei anderen Konzert-Scheiben der Lizzys umsehen. Für den dynamischen Shift zwischen verschiedenen Stimmungen und Tempi ist die gedrosselte Version allerdings hier im Zusammenhang ein Glücksgriff und wertet das drastisch die Amplifier beanspruchende "Killer On The Loose" massiv auf. Es shouten dort im Wechsel Lynott und die Fans, die den Job ganz gut bewältigen. "Life: Live" - ein lebendiges Zeitdokument für die Annalen des Classic Rock. Mindestens den ersten der beiden Silberlinge sollte jeder mal gehört haben, der bei Gitarren-Soli mitreden will.

Trackliste

CD 1

  1. 1. Thunder & Lightning
  2. 2. Waiting For An Alibi
  3. 3. Jailbreak
  4. 4. Baby Please Don't Go
  5. 5. Holy War
  6. 6. Renegade
  7. 7. Hollywood
  8. 8. Got To Give It Up
  9. 9. Angel Of Death
  10. 10. Are You Ready?

CD 2

  1. 1. The Boys Are Back In Town
  2. 2. Cold Sweat
  3. 3. Don't Believe A Word
  4. 4. Killer On The Loose
  5. 5. The Sun Goes Down
  6. 6. Emerald
  7. 7. Black Rose
  8. 8. Still In Love With You
  9. 9. The Rocker

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